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Antrag gescheitert: Zehn Hektar mehr

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Die südlich von »Perchstetten« gelegene Fläche »Steinacker«. © Rieger

Auf die Erweiterung des Gewerbegebietes Perchstetten/Lützelwiesen sowie einer Ausweisung von neuen Flächen im gegenüberliegenden Bereich Steinacker wird nicht verzichtet.

Langgöns (imr). Der Antrag der Langgönser SPD, zukünftig auf die Erweiterung des Gewerbegebietes Perchstetten/Lützelwiesen sowie einer Ausweisung von neuen Flächen im gegenüberliegenden Bereich Steinacker zu verzichten, wurde von den Mitgliedern des Umwelt- und Verkehrsausschusses mit vier Neinstimmen bei einer Enthaltung und zwei Jastimmen abgelehnt. Auch der Bauausschuss lehnte ihn mit fünf Neinstimmen, einer Enthaltung und zwei Ja-stimmen ab.

Vorangegangen war eine lange, kontroverse Diskussion, bei der Befürworter und Gegner des Antrags ihre Argumente noch einmal sachlich darlegten. Konkret geht es um die geplante Ausweisung einer zehn Hektar großen Fläche in der Gemarkung »Steinacker«, die aus landwirtschaftlicher Sicht schlechte Böden hat.

Gerald R. Dörr (SPD) erläuterte den Antrag: »Langgöns ist weit überdurchschnittlich mit Gewerbesteuereinnahmen gesegnet. Muss das immer mehr werden?« Langgöns verfüge über viele Arbeitsplätze im Verhältnis zur Einwohnerzahl. Lebensqualität und Natur sollten auch wichtig sein, gerade in diesen Zeiten, wo der Krieg in der Ukraine, die »Kornkammer des Kontinents« sei, herrsche.

Außerdem habe die Gemeinde das »Alleinstellungsmerkmal Feldhamster«. Dörr schlug alternativ vor, gemeinsam mit Nachbarkommunen ein interkommunales Gewerbegebiet zu entwickeln. Auch die vermutlich hohen Kosten für einen Verkehrskreisel an der Einmündung von der Kreisstraße zum Gewerbegebiet gab er zu bedenken. Prof. Axel Wehrend (SPD) sprach von »Fragen der Wertigkeit«. Versiegelungsverzicht sei in der Abwägung höher zu bewerten als wenn weiter Flächen versiegelt würden. »Denn sogenannte Ausgleichsflächen sind immer zum Nachteil der Natur, viele wurden in der Vergangenheit gar nicht umgesetzt«, erinnerte er. Gerade die »Magerflächen« im »Steinacker« seien von »großer ökologischer Bedeutung, es geht nicht nur um Feldhamster«.

Tim Schröder (CDU) plädierte ebenso wie sein Parteikollege Bürgermeister Marius Reusch für eine »moderate« Ausweisung von Gewerbeflächen, »sodass die Bürger von Langgöns ortsnah einen Arbeitsplatz haben«. Man müsse »mit Augenmaß wachsen«, außerdem gebe es im Bereich »Steinacker« keine Feldhamster.

EuGH-Urteil schützt Hamsterbaue

Der Langgönser Martin Wenisch, seit 1995 sehr erfolgreich im Feldhamsterschutz engagiert, erläuterte seine Sicht der Dinge. Feldhamster und Co. müssten seit vielen Jahren weichen, wenn der Mensch mit seinen Bedürfnissen komme, oft werde beim Flächenverbrauch eine »Salamitaktik« angewendet, kritisierte er.

Über Jahre seien mit öffentlichen Geldern auch in Langgöns Lebensräume für bedrohte Arten entwickelt worden. Mit motivierten Landwirten seien erfolgreich Maßnahmen umgesetzt worden. Auf den Feldern südlich des Kernorts Lang-Göns und in Pohlheim-Holzheim gebe es nicht zuletzt aufgrund dieser Bemühungen noch zwei der größten Populationen von Feldhamstern in Hessen, vielleicht sogar in Deutschland. Diese geschützte Art sei hessenweit und darüber hinaus fast verschwunden. »Damit verfügt Langgöns über ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich die Gemeinde in Sachen Naturschutz schmücken kann«, betonte Wenisch. »Jetzt wieder Flächen zu verlieren, das kann es nicht sein.«

Eine Ausweisung von Bau- und Gewerbegebieten um Langgöns herum sei immer auch ein Eingriff in die streng geschützten Hamsterlebensräume und könne nur mit sehr hohem Aufwand - wenn überhaupt - kompensiert werden, unterstrich Wenisch.

Schließlich könnte sich bei einer Ausweitung des Gewerbegebietes nach Süden auch die Feldhamsterpopulation Langgöns Süd nicht - oder nur noch erschwert - nach Norden hin ausbreiten. »Wir würden somit zu einer noch stärkeren Verinselung der Population beitragen.« Denn bereits jetzt herrsche Inzucht, nicht zuletzt, weil die Autobahnen die Lebensräume der Tiere trennen. Wenisch informierte auch, dass nach einem EuGH-Urteil aus dem Jahr 2021 nicht nur die aktuellen besetzten Hamsterbaue (Fortpflanzungsstätten und Ruhestätten) auf dem Feld geschützt seien, sondern auch die aktuell verlassenen Baue, wenn die Aussicht auf eine Rückkehr der Tiere dorthin besteht. Unter diesem Gesichtspunkt könnte eine Umsetzung von Gewerbeflächen in »Steinacker« von vornherein zum Scheitern verurteilt sein, hofft er.

Dr. Michael Buss (Grüne) zeigte sich über den SPD-Antrag sichtlich verärgert: Die Koalition aus CDU und Grünen habe nur »einen sehr geringen Flächenzuwachs für Gewerbe im Auge«. Der Vorschlag eines interkommunalen Gewerbegebiets sei »unrealistisch«. Buss sagte: »Ich lass mich von euch nicht vorführen mit einem so unrealistischen Antrag, der es sich zu einfach macht.« Renate Gath (Grüne) meinte: »Wir brauchen in gewissem Umfang Gewerbegebiete, das steht auch so in unserem Wahlprogramm.«

Langgönser Landwirte befürworteten in schriftlichen Stellungnahmen den SPD-Antrag grundsätzlich.

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