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Diskussion um Langgönser »Steinacker«

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Dieser Bereich am »Steinacker« soll nach dem Willen von CDU, Grünen und FW als mögliche Gewerbefläche ausgewiesen werden. Die SPD ist strikt dagegen. © Rieger

Sollen zukünftig im Bereich des Langgönser Gewerbegebiets »Perchstetten« gar keine neuen Flächen mehr ausgewiesen werden oder soll eine kleine Fläche am »Steinacker« entstehen?

Langgöns (imr). Sollen zukünftig im Bereich des Gewerbegebiets »Perchstetten« gar keine neuen Flächen mehr ausgewiesen werden, so möchte es die SPD, oder soll eine kleine Fläche am »Steinacker« entstehen, was CDU, Grüne und Freie Wähler befürworten? Darüber wurde im Zusammenhang mit der Stellungnahme zum Regionalplanentwurf Mittelhessen 2022 in der Sitzung der Gemeindevertretung kontrovers diskutiert.

Bis auf den Unterpunkt, was am »Steinacker« geschehen soll, wurde die Stellungnahme einstimmig verabschiedet: Einvernehmen herrschte, dass die Siedlungsflächen westlich der A 45 und östlich der A 485 als »Vorbehaltsgebiet für die Landwirtschaft« ausgewiesen werden. Die Gewerbefläche westlich des Gebiets »Perchstetten« soll ebenfalls »Vorbehaltsgebiet für die Landwirtschaft« werden. Im Bereich »Magna Park« soll für den Gesamtbereich die Bezeichnung »Vorranggebiete Industrie- und Gewerbefläche Bestand« eingetragen werden. Weitere Korrekturen in der Kartendarstellung des Planungsentwurfs wurden ebenfalls einvernehmlich beschlossen.

Die Landwirtschaftsfläche am »Steinacker« südlich des Gewerbegebiets »Perchstetten« soll Gewerbegebiet werden. Dies wird in der Stellungnahme ausdrücklich befürwortet. Hierzu hatte die CDU noch einen Änderungsantrag vorgelegt, wonach der Verkleinerung der Flächen für die Vorranggebiete Industrie und Gewerbe sowie der Aufnahme der Planung für das Gewerbegebiet am »Steinacker« zugestimmt werden soll. Diesem Punkt in der abgeänderten Form stimmten CDU, Grüne und Freie Wähler zu, die SPD sprach sich dagegen aus.

Vorangegangen war eine kontroverse Diskussion, in der Gerald R. Dörr und Prof. Axel Wehrend für die SPD klarstellten, dass ihre Fraktion sämtlichen neuen Gewerbeflächen im Bereich »Perchstetten/Lützelwiesen« nicht zustimmen werde. Hierzu hat die SPD auch einen entsprechenden Antrag gestellt.

Interkommunales Gewerbegebiet?

Dörr sagte: »Langgöns ist weit überdurchschnittlich mit Gewerbesteuereinnahmen gesegnet. Muss das immer mehr werden?« Lebensqualität und Natur sollten auch wichtig sein. Er schlug alternativ vor, gemeinsam mit Nachbarkommunen wie beispielsweise Hüttenberg ein interkommunales Gewerbegebiet am Standort Hüttenberg zu entwickeln. Auch die vermutlich hohen Kosten für einen Verkehrskreisel an der Einmündung von der Kreisstraße zum Gewerbegebiet gab er zu bedenken. Dr. Michael Buss (Grüne) lobte die SPD, dass sich ihre »Position sehr stark geändert hat gegenüber der Ära Röhrig« und stimmte Dörr zu, möglichst wenig Flächen in Anspruch nehmen zu wollen. Jedoch wolle man den Erweiterungsbedarf für heimische Unternehmen berücksichtigen, wobei es nicht vorrangig um Gewerbesteuer gehen sollte, »sondern darum, dass Menschen, die hier Arbeit bei einem guten Arbeitgeber haben, die auch behalten wollen«. Wenn Firmen, die sich erweitern wollten, in andere Kommunen abwandern würden, »dann würde am Ende der Bürgermeister die Verantwortung dafür tragen aus eurer Sicht, weil er nicht verhindert hat, dass dieser Betrieb jetzt abwandern muss«. Buss sagte: »Ihr wollt jetzt gar keine Flächen, um später die abwandernden Betriebe unserem Bürgermeister in die Schuhe zu schieben, das finde ich unredlich.«

Axel Wehrend betonte, dass er und einige weitere SPD-Fraktionsmitglieder erst nach Röhrig gekommen seien und unterstrich: »Ich bin froh, dass sich die Linie der SPD verändert hat, sonst würde ich hier nicht sitzen.« Er zeigte sich von den Vorwürfen betroffen und sagte: »Uns Taktik zu unterstellen war nie Thema.« Das versicherte auch Dörr. »Wir haben viele neue Mitglieder nach dem Weggang von Röhrig, es hat sich auch viel in der Natur ereignet und ein Umdenken stattgefunden«, begründete er den Wandel in der SPD. Buss lenkte ein, »das sei erfreulich«, auch ein interkommunales Gewerbegebiet mit Hüttenberg oder Pohlheim sei eine »tolle Sache«. Zur Sache gab Wehrend zu bedenken, dass die Bodenversiegelung mit dem Klimaschutz zusammenhänge, es gebe inzwischen weltweit zu wenig landwirtschaftliche Flächen, große Gebiete, die früher als Getreidekammern dienten, wie die Ukraine und der Mittlere Westen der USA, seien dies inzwischen nicht mehr. Umso wichtiger sei der Erhalt heimischer Böden zur Sicherung der Lebensmittelversorgung.

Naturschutz nicht das einzige Ziel

Bürgermeister Marius Reusch (CDU) bekräftigte seine Auffassung, »beste Ackerflächen zu schonen«, auch müsse sich nicht jede Gemeinde entwickeln, das sei »absolut richtig«. Allerdings sei Langgöns in ganz Mittelhessen noch einer der wenigen raumplanerischen Standorte, die Flächen mit besonderer Eignung besitzen. Zum konkreten Gebiet sagte er, dass der Schutz von Natur und Landschaft nicht das einzige Ziel sein könnte. Ihm sei es ein Anliegen, den ortsansässigen Betrieben Entwicklungsperspektiven vor Ort zu bieten: »Eine Entwicklung mit Maß und Ziel muss grundsätzlich möglich sein.« Man sollte nicht »radikal auf Entwicklung verzichten, dann gestalten wir keine Zukunft«. Das Gebiet am »Steinacker« sei von der Größe her eine »gute Entwicklungsoption«, in der Abwägung eine gute Fläche, habe keine hochwertigen Böden und es ziehe keine Verkehrsströme in den Ort. Die Einrichtung eines Kreisels an der Kreuzung zum Gewerbegebiet sieht Reusch als »Segen«, der einen Unfallschwerpunkt entschärfen würde. Die Ansiedlung weiterer Logistikunternehmen schloss er ebenso wie Buss aus.

Hans Dern (Grüne), der in Vertretung von Parlamentspräsident Martin Hanika die Sitzung souverän leitete, erinnerte daran, dass die jetzt gefassten Beschlüsse noch nicht endgültig seien, vor der zweiten Offenlage des Regionalplans könne erneut beraten werden. Einig war sich das Gremium, die Beratungen zukünftig fortzusetzen. Der Antrag der SPD, der den kompletten Verzicht auf zukünftige Planungen von Gewerbeflächen im Bereich des Gewerbegebietes »Perchstetten/Lützelwiesen« fordert, wurde einvernehmlich in den Bau- und den Umwelt- und Verkehrsausschuss verwiesen.

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