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Ein Weed ohne Speed

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Fabian Koßmehl mit CBD-Blüten und einer seiner stylischen Wasserpfeifen. © Weißenborn

Langgöns . Fabian Koßmehl bereitet sich vor. Sollte Cannabis in Deutschland legalisiert werden, will der Wahl-Langgönser dabei sein. Schon jetzt verkauft er im Internet mit Erfolg das stylische Drumherum wie Wasserpfeifen und Longpapers zum Jointdrehen, aber auch den Stoff dazu. Der gehört allerdings nicht zu den Hanfsorten, die die Polizei derzeit noch auf den Plan ruft.

Der Tetrahydrocannabinol (THC)-Gehalt von seinem vertriebenen Haschisch oder den typischen Marihuana-Blüten liegt unter 0,2 Prozent. Keines seiner Cannabis-Produkte überschreitet diese Grenze, bringt aber den bestechenden Duft in die Nase. Der 33-Jährige hält sich mit seinen Produkten »streng an die Gesetze«, sagt er.

CBD-Aromablüten oder -Extrakt des Nutzhanfs sind der Renner in seinem Internetshop. CBD steht für Cannabidiol, dessen Eigenschaften unbewiesen als angstlösend, beruhigend, entzündungshemmend und krampflösend bezeichnet werden. In Deutschland werden diese Produkte als Nahrungsergänzungsmittel gehandelt.

Laut Wikipedia hat Gras im Durchschnitt zehn Prozent an THC-Gehalt. 500 Mal weniger ist in Koßmehls Produkten enthalten. Zudröhnen kann sich damit keiner. Otto-Normal-Verbraucher kennt eher den Nutzhanf aus den Bereichen Dichtstoffe und Textilien.

Wer sich nicht in den illegalen Drogensumpf begeben will und über 18 Jahre alt ist, kann beim Wahl-Langgönser das unverwechselbare Aroma einkaufen.

Cannabis auf Rezept

Warum weiß der Geschäftsinhaber so viel über das Betäubungsmittel? Zu seinen Schülerzeiten lag »Weed« schon im Trend, sagt er. In einer Erhebung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem Jahr 2019 wird dann auch festgestellt, dass von den unter 18-Jährigen mittlerweile jeder Zehnte mindestens einmal die weltweite Droge Nummer eins, Cannabis, konsumiert hat.

Was seit 1929 in Deutschland als illegaler Drogenkonsum gilt, darf Koßmehl seit 2018 auf Rezept. Er mildert mit Marihuana temporär eine Volkskrankheit, an der er leidet. Auch wenn es in seinem Fall legal ist, was der Mediengestalter auf offener Straße raucht, Ärger hat es ab und an schon einmal gegeben.

Ein Mediziner, der in Düsseldorf beheimatet ist, hat ihm das Weed verschrieben. In der mittelhessischen Provinz hat Koßmehl keinen Arzt gefunden, der ihm das neuartige Cannabis-Medikament auf Rezept ausstellt. »Das ist ein Skandal«, findet er und hat gehört, dass man sich unter der heimischen Ärzteschaft abgesprochen habe, um diese Naturmedizin den Patienten zu verweigern. ADHS und Depressionen könnten damit behandelt werden.

Der Markenname seines vor 20 Monaten gegründeten Startups »The Weezel« hat natürlich mit den feilgebotenen Produkten zu tun. »Hast du mal Weezel?« ist die Aufforderung, Hasch herauszurücken und steht gleichzeitig im Englischen für das Wiesel, das auf dem Firmenlogo fürwitzig aus grünem Gras herausschaut. »Weezel« bedeutet aber auch einfach, seine fünf Minuten Auszeit zu genießen.

Koßmehls Kunden sind zwischen 25 und 45 Jahre alt. Im Gegensatz zu anderen schmucklosen Internetshops, die das Weed ohne Speed vermarkten, setzt Koßmehl auf Style und Nachhaltigkeit im Internetshop.

Er präsentiert regelmäßig Kollektionen an Wasserpfeifen und anderen Produkten, die von in der Szene bekannten Graffitikünstlern verziert werden und arbeitet mit DJs und Rappern zusammen. Nachhaltigkeit hat er unter anderem bei HessNatur gelernt.

Sein CBD wird in Italien angebaut, die Mode wird in Deutschland geschneidert und die Wasserpfeifen kommen mundgeblasen aus der Stuttgarter Gegend. »Wenn aus China T-Shirts in Containern geliefert werden, müssen diese meist erst begast werden, damit das Ungeziefer getötet wird. So etwas will ich nicht anziehen und daher meinen Kunden auch nicht anbieten. Ebenso sind die kurzen Transportwege ein unschlagbares Argument.«

Der 33-Jährige ist von Haus aus E-Commerce-Spezialist, der auch beim großen Biomode-Hersteller HessNatur in Butzbach unterwegs war, bevor ihn ein Schicksalsschlag aus der Bahn warf. Zu seinen Arbeitgebern gehörten der Modehändler Charles Vögele und Mediamarkt in der Schweiz, aber auch der Jeanshersteller Mustang.

Eigentlich wollte er als freiberuflicher Digitalberater wieder Produkte voranbringen, doch Corona machte 2020 dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung.

Daher entschloss er sich kurzfristig, Alleinunternehmer zu werden, um Szenemode unters Volk zu bringen. Als Goodie für die Kunden wurden Feuerzeuge mit dem »Weezel«-Logo mit ins Paket gepackt. Das kam so gut an, dass daraus ein eigenes Produkt wurde. Eins gab das andere. Heute verdient Koßmehl mehr mit dem Stoff und dem Beiwerk, als mit der Mode selbst. Rap und Hiphop ist seine Leidenschaft. Mit 16 Jahren trat er als Rapper »Royal Rapide« im Vorprogramm der Größen Sido und Kollegah in ganz Deutschland auf. Er wurde als erfolgreicher Newcomer des Jahres beim Radiosender BigFM gehandelt. Doch letztlich glaubte er nicht an die große Musikerkarriere, die andere schafften.

Seine Lebensgeschichte ist bunt. Mit seinen Freunden zog er als Jugendlicher nachts um die Häuser und sprühte Graffiti. Tagsüber war er Schüler auf dem Weg zum Abitur, nachts versuchte er sich als Künstler.

Der heute 33-Jährige kennt sich mit Stress bestens aus, gleich neunmal zog er um und war für seine Arbeitgeber Tausende von Kilometern mit dem Auto und Flugzeug zu Kunden unterwegs.

Er denkt, dass Cannabis nicht nur für die Schmerztherapie geeignet ist, sondern auch beim Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom ADHS und bei Depressionen Symptome mildert.

»Ich halte das für eine extrem gute Hilfemöglichkeit. Es muss möglich sein, danach zu fragen. Wer Repressalien fürchten muss, wird das nicht machen und sich an illegalen Orten seine Linderung verschaffen.« Abhängige gebe es unter den Cannabis-Konsumenten wie auch bei der deutschen Volksdroge Nummer eins, dem Alkohol.

Seine Cannabidiol-Produkte würden in Deutschland sehr streng geregelt. Hierzulande seien nur 0,2 Prozent an THC-Gehalt in diesen Nahrungsergänzungsmitteln erlaubt, in Österreich 0,3, in der Schweiz 0,5 und in Ungarn schon 0,8 Prozent.

Falsch legalisiert

Kritisch sieht er im Zusammenhang mit den Diskussionen um die Cannabis-Legalisierung in Deutschland das holländische Modell: »Hier ist Marihuana falsch legalisiert worden. Es wurde nur entkriminalisiert. Die Läden dürfen zwar für den persönlichen Konsum verkaufen, aber nicht einkaufen. Daher ist der Handel zwangsweise illegal.« Und da Holland nun einmal Häfen nach Übersee habe, würden dort auch öfter härtere Drogen geschmuggelt. Der Anstieg liege nicht an der freizügigen Marihuana-Handhabung. In Österreich gelte die Pflanze bis zur Blüte als Zierpflanze, danach als Droge.

Vorreiter Portugal

Er empfindet das portugiesische Modell der Legalisierung interessant. Hier gebe es Socialclubs, für dessen Mitglieder ein Bekannter den Genussstoff nur kostendeckend anbaue. Hierzulande ist dagegen die kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften geplant.

»Das portugiesische Modell kommt nicht nach Deutschland. Da gibt es keine Steuereinnahmen.« Daher wird es beim Schwarzmarkt auch bleiben, weil es da ja günstiger ist. Auch die lokale Nahversorgung sieht er kritisch. »Wenn wirklich nur in lizenzierten Fachgeschäften verkauft werden darf, wird es auf dem Dorf weiterhin keinen Zugang geben.« Dafür wäre das Unterfangen zu teuer, eine Online-Lösung müsse machbar sein, so Koßmehl.

Einen deutschen Coffeeshop zu eröffnen, würde rund eine Million Euro Anlaufkosten verursachen, hat der ehemalige Projektmanager bereits hochgerechnet. Gerade die Sicherheitsvorkehrungen machen die Umsetzung teuer. Dennoch denkt Koßmehl: »Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich es in Gießen machen.«

Matthias Jensen, Sozial- und Suchttherapeut im Suchtzentrum Gießen , erklärt, dass er Menschen kenne, die Cannabidiol (CBD) eine Heilwirkung zusprechen, aber auch welche, die berauscht gewesen sind. Doch letztlich sei CBD auch nur ein Aspekt der »Legal Highs« (Legaler Rausch). Dies seien chemische Substanzen, die Rauschwirkungen chemisch nachbildeten. Sie würden so schnell entwickelt, dass der Gesetzgeber gar nicht mit den Verboten nachkomme. Die Legalisierung von Cannabis sei ein zweischneidiges Schwert. Grundsätzlich befürworte er die Entkriminalisierung. Allerdings gebe es damit neben der Alkoholsucht noch eine weitere Sucht, die Folgen für das Gesundheitssystem habe. Das müsse klar sein.

Das Bundesministerium für Landwirtschaft sieht das Treiben der CBD-Händler kritisch. Da eine Zulassung von CBD als neuartiges Lebensmittel bisher nicht erfolgt ist, seien derartige Erzeugnisse bislang nicht verkehrsfähig, heißt es auf Anfrage des Anzeigers. Koßmehl handelt in einer Grauzone, wenn er seine CBD-Produkte nur als Rohstoff oder -extrakt anbietet, die noch verarbeitet werden müssen. Auch beim Einhalten des THC-Gehaltes sind die Nahrungsergänzungsmittel anzeigepflichtig. Ein Muster muss dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) samt verwendeten Etiketten überlassen werden. Wer das nicht beherzigt, begeht eine Ordnungswidrigkeit.

Die Anzeigen werden den zuständigen Lebensmittelüberwachungsbehörden der Bundesländer zur Verfügung gestellt. Kontrollen erfolgten stichprobenartig und risikoorientiert, erklärt das zuständige hessische Umweltministerium . In Hessen sei vor Ort das Veterinäramt zuständig, das auch die Nahrungsergänzungsmittel überwache. Cannabidiol sei im Novel-Food-Katalog der EU als neuartig eingestuft. Ein Inverkehrbringen derartiger Erzeugnisse ohne Zulassung sei somit nicht gestattet. Anträge auf Zulassung von Cannabidiol seien an die Europäische Kommission zu richten. Der Kommission liegen entsprechende Anträge vor, allerdings habe die Kommission noch keine Entscheidung über die Zulassung beziehungsweise Versagung getroffen. (ww)

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