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Eine jüdische Zeitreise

Erstellt:

Von: Imme Rieger

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Dany Bober präsentiert in Dornholzhausen eindrucksvoll »eine jüdische Zeitreise«. Foto: Rieger © Rieger

Einen eindrucksvollen Auftritt von Dany Bober konnten die Gäste erleben. Die vom Künstler eingesetzten Stilelemente sorgten dabei für einen kurzweiligen und informativen Abend.

Langgöns (imr). »Ich freue mich darauf, in jüdisches Leben hineinblicken zu können, du wirst uns die Tür öffnen«, sagte Friedhelm Straßheim bei der Begrüßung von Dany Bober, der das zahlreiche Publikum im Haus der Evangelischen Gemeinschaft und des CVJM Dornholzhausen mit auf »eine jüdische Zeitreise« nahm und ebenso eindrucksvoll durch 3000 Jahre Kulturgeschichte führte. Eingeladen zu diesem jüdisch-kulturellen Abend hatte die Evangelische Gemeinschaft und der CVJM. Für seinen Vortrag »Eine Jüdische Zeitreise« hatte Dany Bober die in der Zeit der Weimarer Republik auf deutschen Kleinkunstbühnen beliebte Form des »Features« gewählt. Die von dem Künstler eingesetzten unterschiedlichsten Stilelemente wie Lieder, Berichte, Mundartgedichte und Humor sorgten dabei für einen kurzweiligen und informativen Abend.

Straßheim hatte das Konzert zur Freude der Besucher und des Künstlers mit einer Fanfare aus einem Schofarhorn eröffnet, dem am häufigsten im Alten Testament erwähnten Musikinstrument, das seinen Ursprung in der jüdischen Religion hat. »Ich begrüße Sie mit einem herzlichen Schalömche«, hieß Dany Bober mit frankfurterischem Zungenschlag seine Zuhörer willkommen. Der sympathische Künstler, der durch seine warmherzige, positive Ausstrahlung und seinen feinen Humor vereinnahmt, wurde 1948 in Israel geboren, nachdem seine Eltern in den 30er Jahren vor dem Nazi-Regime nach Palästina geflohen waren. 1956 zogen seine Eltern mit ihm in die Geburtsstadt seines Vaters zurück, nach Frankfurt am Main. Seit 1976 lebt Dany Bober in Wiesbaden, er versteht sich als Vermittler jüdischer Kultur, insbesondere seine Interpretationen jüdischer Lieder machten ihn in Deutschland bekannt. Seit Mitte der 70er Jahre tourt Bober mit seiner Gitarre durch Kirchen, Theater und Gemeindesäle, um mit seinem »Singen und Sagen vom Judentum« die Tür des Vergessens und Verdrängens aufzustoßen für das Erinnern und Miteinander, und um diese offenzuhalten.

In Dornholzhausen spannte er - übrigens vollkommen ohne Notizzettel und Notenblätter - den Bogen von der Zeit König Davids, über das babylonische Exil, die hellenistische und römische Zeit, das mittelalterliche Spanien bis zum deutschen und osteuropäischen Judentum seit dem Mittelalter.

Dany Bober führte mit einer beeindruckenden Leichtigkeit und oft liebevoll-ironisch durch das Programm, verknüpfte seine historischen Erzählungen mit Liedern, darunter selbst vertonte Psalmen, die er zumeist in hebräischer, aber auch jiddischer Sprache vortrug, und erzählte Gedichte sowie Anekdoten, die die Bandbreite von großer Tragik bis hin zu herrlichem Humor abdeckten.

Geheimsprache

Er sang temperamentvolle und melancholische Liebeslieder aus Südspanien und erklärte, was die Geheimsprache Rotwelsch mit dem Jüdischen zu tun hat und wie viele Begriffe aus dem Jüdischen heute noch in unserer Sprache gebräuchlich sind, wie beispielsweise »Hals und Beinbruch«, »Knast« oder »Mischpoke«. Die jiddische Sprache entwickelte sich in den Gettos, die ab dem 11. Jahrhundert entstanden, »sie wurde bis zum Zweiten Weltkrieg von Millionen Juden gesprochen«. Es stand sogar zur Debatte, sie nach der Gründung des Staates Israel als Staatssprache zu übernehmen, man entschied sich dann aber doch für Hebräisch.

Historische Anekdoten aus der Frankfurter Stadtgeschichte erzählte der Künstler ebenso wie Flüsterwitze aus der Nazizeit und das zu dieser Zeit wohl eher heimlich gesungene Lied »Zehn kleine Meckerlein«. Auch das jiddische Lied »Dos Kälbl« aus dem Jahr 1940, das in der Version des Sängers Donovan unter dem Titel »Donna, Donna« weltberühmt wurde, sang er gemeinsam mit den Zuschauern. Darin heißt es: »Wärst du eine Schwalbe, wärst du frei. Du bist aber ein Kälbchen, das zur Schlachtbank geführt wird.« Welch vorausschauende Worte 1940 für das bevorstehende Schicksal dieses Volks.

Zum Schluss präsentierte er den Psalm 126 in der Vertonung der israelischen Nationalhymne, ein Titel, der ebenfalls Gänsehaut verursachte. »Um Sie wieder hochzuholen«, so kündigte Bober an, spielte er als Zugabe einen »Friedensmedley«, bei dem das Publikum das bekannte »Hevenu shalom alechem« gerne mitsang.

Friedhelm Straßheim dankte für einen »schönen und bedenklichen Abend, bei dem wir viel über die jüdische Geschichte gelernt haben«, und schenkte dem Gast die Neuauflage eines deutsch-jüdischen Liederbuchs aus dem Jahr 1912.

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