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Kleines »Schlafdorf« hellwach

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Von: Imme Rieger

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Das Orga-Team 675-Jahr-Feier Espa hofft auf viele Besucher: Klaus und Jutta Kutt, Erhard Mank mit einer Flasche Festbier, Pascal Valentin, Thorsten und Katja Döring, Margarita Biedenkapp, Dominik Bertschat, Marina Turba-Fritsch und Erhard Häusler (v. l.). Es fehlt Jan Schwemmer. Foto: Rieger © Rieger

Vom 16. bis 18. September feiert Espa ein ganz besonderes Jubiläum:. Das Programm ist umfangreich.

Langgöns (imr). Espa, das kleine Dörfchen im oberen Kleebachtal, heute ein Ortsteil der Großgemeinde Langgöns, feiert vom 16. bis 18. September ein ganz besonderes Jubiläum: Vor 675 Jahren wurde Espa erstmalig erwähnt. Dieses offizielle Jubiläum wird drei Tage lang mit vielen attraktiven Aktionen und Attraktionen für kleine und große Besucher begangen.

Das Programm ist umfangreich. Los geht es am Freitag. Um 18.30 Uhr werden der Schirmherr, der Langgönser Bürgermeister Marius Reusch, und Thorsten Döring, der designierte 1. Vorsitzende des aus dem Organisationsteam gegründeten Vereins, die 675-Jahr-Feier im Bürgerhaus eröffnen. Anschließend spricht Ortsvorsteher Volker Rühl, es folgen Ehrungen. Eröffnungsworte zur Vernissage mit Werken junger und erwachsener Espaer Künstlerinnen und Künstler wird die Espaer Künstlerin Holde Stubenrauch halten. Horst Debes, der einen Film mit dem Titel »Was geschah in Espa« gedreht hat, wird ebenfalls einführende Worte sprechen.

Altes Handwerk wird vorgeführt

Anschließend eröffnen die Sangesfreunde Kleebachtal und der Frohsinn Brandoberndorf den Abend musikalisch. Um 19.30 Uhr beschließt ein Vortrag von Klaus Kutt zum Thema »Der historische Werdegang Espas« den Abend.

Am Samstag und Sonntag wird die komplette Kleehofstraße zwischen dem Festzelt, das direkt auf der Kreuzung vor der Alten Feuerwehr steht, und dem Bürgerhaus gesperrt. Hier befindet sich an diesen beiden Tagen die Festmeile: Es gibt »offene Höfe« und hessische Spezialitäten. Altes Handwerk wird vorgeführt: Ein Scherenschleifer wartet darauf, die stumpfen Messer, Scheren oder Sägeketten der Besucher zu schärfen. Stuhl- und Korbflechter, ein Hufschmied und eine Spinnerei zeigen ihre Kunst. Am Samstag gibt es von 14 bis 17 Uhr ein Kinderprogramm mit vielfältigen Angeboten, darunter Sackhüpfen, Seilspringen, Bobbycarrennen, Märchenlesen in den Höfen, eine Schaumkusswurfmaschine, Riesenseifenblasen, ein Dorferkundungsspiel und eine Menge mehr Spielspaß. Antike Räder präsentiert Helmut Rühl. Von 14 bis 16 Uhr stehen Kaffee und Kuchen in der Kleehofstraße 18 bereit, ebenfalls am Sonntag. Die Ausstellung Espaer Künstlerinnen und Künstler mit dem Verkauf von Kalendern mit Motiven der kleinen und großen Künstler sowie der Bücherverkauf »Hurdy Gurdy« laden von 14 bis 17 Uhr ins Bürgerhaus ein, auch am Sonntag.

Dort findet am Samstag von 17.30 bis 18.30 Uhr die Ehrung und Preisvergabe an die jungen Künstler des Projekts »Espaer Kinder malen« statt. Von 19 bis 22 Uhr spielt die Band »Ben’Tagon« im Festzelt. Dahinter verbirgt sich der Singer/Songwriter Benedikt Schmidt.

Der Sonntag beginnt um 10 Uhr mit einem Gottesdienst im Festzelt, ab 12 Uhr gibt es Mittagessen. Um 13.15 Uhr sorgt die Line Dance Gruppe »Isi Boots« für Westernatmosphäre, um 14 Uhr spielt dort das Blasorchester des Heimat- und Musikvereins 70 Rechtenbach. Etwas ganz Besonderes ist die Sandmalerei von Conny Klement in der Kirche: Die Besucher können diese außergewöhnliche Kunst jeweils um 14 Uhr, um 15 Uhr und um 16 Uhr bestaunen und sich davon verzaubern lassen.

Das 675-jährige Jubiläum ist Anlass, einen Blick in die Historie des Taunusdörfchens zu werfen: Erstmals urkundlich erwähnt wurde das sogenannte Waldhufendorf am 14. Februar 1347. Damit ist Espa der jüngste unter den sechs Langgönser Ortsteilen.

Ritter Konrad Setzpfand von Linden und seine Ehefrau Gude schenkten zur Ausstattung des Altars in Butzbach verschiedene Einkünfte von Ländereien. Unter anderem war hierfür in Espa ein Achtel Frucht zu entrichten. Diese Informationen aus der Urkunde hat die Langgönser Archivarin Marei Söhngen-Haffer festgehalten. Intensiv mit der Historie des Ortes hat sich die Espaer Künstlerin Holde Stubenrauch beschäftigt. Sie verfasste bereits 1994 ein Buch mit dem Titel »Espa - Geschichte und Bilder eines Dorfes im oberen Kleebachtal«. Aus ihrer Chronik stammen die nachfolgenden Inhalte.

Espa liegt an der Quelle des Kleebachs und hat heute um die 700 Einwohner. In historischer Zeit war es durch seine kupfer- und silberhaltigen Blei-Erze, die abgebaut wurden, bekannt. Spuren dieses Bergbaus sind noch heute zu finden. Die Bedeutung des Namens Espa wird auf den Espenbaum als auch auf eine »Siedlung am Weidenbach oder den Bachweiden« zurückgeführt. Zur Zeit seiner Ersterwähnung war Espa ritterschaftlicher Besitz der Herren von Kleen, später wechselten die Herrschaftsverhältnisse immer wieder.

Not mit Wedel gemildert

Im 19. Jahrhundert war die Not groß wie in allen umliegenden Taunusdörfern. Ddie Menschen lebten in bitterer Armut. Aus dieser Not wurde ein »Kassenschlager« geboren, der Espaer »Fliegenwedel«, der im Zuge der hessischen Landgängerei von fliegenden Händlern gut verkauft wurde.

Junge Menschen aus Espa reisten zudem regelmäßig ins europäische Ausland, nach Australien und Amerika. Ein Teil der jungen Mädchen landete durch einen regelrechten Mädchenhandel in Tanzhäusern und Bordellen der Neuen Welt. Diese Tanzmädchen wurden in Amerika »Hurdy-Gurdy-Girls« genannt, das bedeutet Drehorgel- oder Harmonika-Mädchen.

Die meisten stammten aus Hessen, einige aus Espa. Viele Menschen, darunter auch Espaer, wanderten sogar komplett aus, um sich in der Fremde eine neue Existenz zu schaffen.

Erster und zweiter Weltkrieg hinterließen ihre Spuren, danach ging es auch in Espa langsam wieder aufwärts. Das gesellige Leben spielte sich in verschiedenen Gaststätten ab, das Vereinsleben blühte wieder auf.

Bis 1976 gehörte Espa zum Altkreis Wetzlar. Im Rahmen der Gebietsreform ist es seit dem 1. Januar 1977 ein Teil der Großgemeinde Langgöns.

»In Wirklichkeit war und ist die Verbindung zu Butzbach schon immer größer gewesen«, bilanzierte Klaus Kutt, der bis zu diesem Datum Bürgermeister von Espa war, in einem Aufsatz. Heute seien die Menschen trotzdem glücklich, »was vor allem an ihrem kleinen ›Schlafdorf‹ liegt«, notierte er. »Hier gibt es zwar nicht viel, aber es lebt sich schön. Man kann die Ruhe genießen.«

Künstlerdichte im Dorf hoch

Viele Menschen aus dem Frankfurter Raum haben sich hier angesiedelt. Bemerkenswert ist auch die hohe Künstlerdichte im Dorf: Dafür hat Holde Stubenrauch mit ihrer Atelier-Galerie und Malschule gesorgt, gewissermaßen durch einen Synergieeffekt. »Einige leben schon lange hier, neue haben sich dazugesellt, wir haben überall in der Region schon ausgestellt«, erzählt sie. Kein Wunder, dass Espa auch das »Künstlerdorf« genannt wird.

Wer nun Lust bekommen hat, das kleine Taunusdörfchen selbst einmal in Augenschein zu nehmen, für den bietet das Jubiläumswochenende sicherlich eine passende Gelegenheit.

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gikrei1409EspaWappen_140_4c © Red

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