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Klimaneutralität bis 2040 möglich

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Auf einem solchen Gelände entlang der A 45 in Langgöns könnten Freiflächen-Photovoltaikanlagen eingerichtet werden. Foto: Rieger © Rieger

In Langgöns wurden Maßnahmen vorgestellt, die von der Gemeinde umgesetzt werden können, »um den CO²-Ausstoß erträglich zu machen«.

Langgöns (imr). Es ist ein langer Weg zur Klimaneutralität, die von der Gemeinde Langgöns angestrebt wird. Dies wurde in der Sitzung des Umwelt- und Verkehrsausschusses deutlich, der unter Vorsitz von Eva Oberschelp (Grüne) tagte. Susanne Müller, die Klimaschutzmanagerin der Gemeinde, referierte zum Thema und stellte Maßnahmen vor, die von der Gemeinde umgesetzt werden können, »um den CO²-Ausstoß erträglich zu machen«.

Dazu hat sie eine Treibhausgasbilanzierung gemacht, deren Daten »zu 80 Prozent fundiert und zu 20 Prozent hochgerechnet« sind. Insgesamt seien 366 Gigawattenergiestunden zu kompensieren, insgesamt 55,7 Prozent dieses Energieverbrauchs müssten ausgetauscht werden, »das ist tatsächlich sehr viel, da müssen wir uns doller anstrengen in den nächsten Jahren«, sagte sie.

Im Wesentlichen müssen fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien ersetzt werden. »Das passiert momentan immens«, machte Susanne Müller Hoffnung. Angedacht sind auch »Quartierprojekte«, zunächst im Ortsteil Lang-Göns. Hier sollen Biomassekraftwerke für etwa 150 Haushalte geschaffen werden. Bei den Wochenend-Neubaugebieten in Cleeberg und Espa, die aktuell noch komplett über Flüssiggastanks versorgt werden, stellt sich die Gemeinde die Frage, wie diese Technologie ersetzt werden kann.

Auf 500 Dächern in der Großgemeinde befinden sich bereits Photovoltaikanlagen, insgesamt gibt es in Langgöns 13 140 Gebäude. Das Ziel für 2032 sind 2000 Photovoltaikanlagen auf den Dächern. Auch der Ausbau von Freiflächen-Photovoltaik sei hilfreich. Im Kernort könnten dafür sechs Hektar bereitgestellt werden, 15 Hektar sind es in der Gesamtgemeinde. Dann würde Windkraft nicht mehr nötig sein.

Bis 2040 könnte Langgöns klimaneutral sein, diese Zahl sei durchaus realistisch, beantwortete Müller eine Frage von Dominik Debus (SPD), »aber mit großen Anstrengungen«. Deshalb empfehle sie Teilziele. Eine Kommune gelte dann als klimaneutral, wenn ihre Bewohner nur noch ein sogenanntes klimaverträgliches Maß an Treibhausgasen verursachen. Das sind nach dem aktuellen Stand der Diskussion jährlich weniger als zwei Tonnen CO² pro Einwohner.

Aktuell liegt der Wert in Langgöns bei 5,23 Tonnen CO² pro Einwohner, »das ist vergleichsweise ein Superwert, der Durchschnitt in Deutschland liegt bei etwa elf Tonnen CO² pro Einwohner«.

Die SPD hatte einen entsprechenden Antrag zur Klimaneutralität in der Gemeinde gestellt. Anschließend empfahl das Gremium nach ausführlicher Diskussion der Gemeindevertretung einstimmig, die Einrichtung von Freiflächen-Photovoltaikanlagen in Langgöns grundsätzlich zu beschließen. Die Verwaltung soll Vorschläge zur Umsetzung auf Basis der Diskussion in der Sitzung machen.

Auch Privatpersonen und Gewerbebetriebe müssten aufgefordert werden, auf ihren Dächern Photovoltaik einzurichten. In der vorangegangenen Diskussion begrüßten Vertreter aller Fraktionen grundsätzlich dieses Vorhaben. Lars Müller (CDU) zeigte sich beeindruckt, dass auf 6,2 Hektar Fläche etwa 15 Prozent des gesamten Strombedarfs der Gemeinde Langgöns erzeugt werden könnten. Die CDU sei generell dafür, Flächen entlang der Autobahnen dafür zu nutzen.

Dr. Michael Buss (Grüne) stimmte dem zu. Probleme sehen die Grünen bei »besten landwirtschaftlichen Böden« aus Sicht der Ernährungssicherheit. Der Lang-Gönser Ortslandwirt Manfred Dern sprach sich deshalb vehement gegen Freiflächen-Photovoltaikanlagen in Langgöns aus. Er kritisierte, dass beispielsweise auf den Dächern der Gewerbegebäude im Magna Park kein Photovoltaik sei: »Die Dächer sind billig, da passt so etwas nicht drauf«. Christoph Meywald (FW) bestätigte diese Vermutung.

Thorsten Fuchs (FW) schlug vor, bereits versiegelte Flächen wie Parkplätze und Sporthallen zu nutzen und Photovoltaik in Neubaugebieten zukünftig vorzuschreiben. Auch könne die Gemeinde diese Investitionen finanziell fördern. Die FW wollen auch Standorte für Windräder »nicht ganz außer Acht lassen«.

Prof. Dr. Axel Wehrend (SPD) bilanzierte, dass »Klimaneutralität ohne Freiflächen-Photovoltaik sehr schwer zu erreichen« sei. Er wünscht sich eine Ausgestaltung, in der die Nutzung des Landes weiterhin möglich ist, beispielsweise in Form gärtnerischer Nutzung oder durch Obstanlagen oder Tierhaltung. »Das ist deutlich umweltverträglicher als Windkraft«, betonte er.

Photovoltaik mit Ovag

Bürgermeister Marius Reusch (CDU) berichtete, dass es bereits einen Kontakt zum Energieversorger Ovag gebe, der ähnliche Projekte, unter anderem in Großen-Linden, in Kooperation mit den Kommunen bereits durchgeführt habe. Für Langgöns liege von der Ovag ein erstes Angebot vor. »Ich finde so eine Kooperation charmanter als mit einem privaten Investor«, sagte der Rathauschef. Er betonte, dass solche Anlagen nur auf benachteiligten Flächen und entlang der Autobahnen eingerichtet werden sollten.

Dass Klimaneutralität machbar ist, erlebte eine Delegation aus Langgöns kürzlich beim Besuch des Bioenergiedorfs Oberrosphe bei Marburg. Hier haben 800 Einwohner vor über zehn Jahren eine Genossenschaft gegründet und mit bürgerschaftlichem, ausschließlich ehrenamtlichem Engagement ihre Energieversorgung selbst in die Hand genommen. Der Ort ist seit vier Jahren CO²-neutral und produziert sogar noch Überschuss, referierte Susanne Müller. »Dreiviertel der Haushalte dort machen mit, wenn wir so etwas bei uns etablieren könnten, das fände ich toll«, meinte Reusch.

Das Thema soll nun in den Fraktionen und Ortsbeiräten diskutiert werden, um zu überlegen, ob es einen Ortsteil oder ein Quartier gibt, wo das auf Interesse stößt und andiskutiert werden kann.

»Ich glaube, es ist eine Frage des Wollens«, sagte Reusch. 14 Dörfer im Landkreis Marburg ahmten das Projekt bereits nach. Foto: Rieger

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Susanne Müller © Imme Rieger

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