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Sieben Feldhamster auf Acker ausgewildert

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Priska Hinz (Mitte) und die Teilnehmer der Feldhamsterauswilderung mit einem der vier anschließend freigelassenen Tiere. © Imme Rieger

Zum ersten Mal wurden junge Feldhamster, die im vergangenen Jahr in der Artenschutzstation für Feldhamster in Lang-Göns geboren wurden, auf einem Getreideacker in der Nähe ausgewildert.

Langgöns (imr). Das war eine Premiere: Zum ersten Mal wurden junge Feldhamster, die im vergangenen Jahr in der Artenschutzstation für Feldhamster in Lang-Göns geboren wurden, auf einem Getreideacker in der Nähe ausgewildert. Insgesamt sieben Tiere wurden an zwei Tagen in die Freiheit entlassen. Jedem Feldhamster wurde ein verlassener Hamsterbau zugeteilt.

Bevor Hamstermädchen »Tilda« oder auch Hamsterjunge »Konni« darin verschwanden, erkundeten sie erst neugierig schnuppernd ihre neue Umgebung, die in den ersten Tagen noch durch einen großen Käfig abgegrenzt ist, um die jungen Nager besser an die Freiheit zu gewöhnen und vor Fressfeinden zu schützen.

Umweltministerin Priska Hinz vor Ort

Dieses besondere Ereignis wollte sich auch die Hessische Umweltministerin Priska Hinz nicht entgehen lassen. Sie wurde auf dem Hof Niederfeld von Astrid und Werner Müller, die einen ehemaligen Schweinestall für die Feldhamsterstation zur Verfügung stellen, gemeinsam mit Martin Wenisch, der sich seit langem im örtlichen Nabu und Feldhamsterschutz erfolgreich engagiert, Dr. Tobias E. Reiners, Vorsitzender der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) und Projektleiter vom »Feldhamsterland Hessen« sowie dessen Mitarbeiterinnen Melanie Albert, Julia Heinze und Valentina Baumtrog begrüßt. Dabei war auch die Familie Lohmüller, die im Rahmen der »Feldliebe«-Kampagne des Hessischen Umweltministeriums für einen Besuch auf der Station ausgewählt worden war. Die beiden Töchter durften jede einen Feldhamster freilassen, jeweils einen Hamster wilderten Priska Hinz und das Ehepaar Müller aus.

Zuvor erläuterten Tobias Reiners und seine Mitarbeiterinnen die Hintergründe dieses Reproduktionsprojekts: Auf den Feldern südlich des Kernorts Lang-Göns und in Pohlheim-Holzheim gibt es noch zwei der größten Populationen von Feldhamstern in Hessen. Diese geschützte Art ist hessenweit und darüber hinaus fast verschwunden. Damit verfügt Langgöns über ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich die Gemeinde in Sachen Naturschutz schmücken kann. Weil der Feldhamster aber hier relativ stationär lebt und die Autobahn 45 die beiden Lebensräume trennt, leiden die Populationen auch unter Inzucht. Deshalb setzen die Experten, um den »Status quo« im Raum Langgöns nicht nur zu halten, sondern zu verbessern, zukünftig auf die sogenannte »assistierte Migration«: Dr. Reiners erklärte: »Wir verknüpfen gezielt zwei genetisch voneinander isolierte Populationen miteinander und wildern die Nachkommen auf einer hamsterfreundlich bewirtschafteten Fläche aus.«

Bereits 50 Jungtiere

Die Naturschützer sind begeistert, wie schnell und unproblematisch die Hamster sich bereits vermehrt haben: »Nachdem wir letztes Jahr schon recht erfolgreich insgesamt zwölf Jungtiere aufziehen konnten, haben wir in diesem Jahr aktuell bereits etwa 50 Jungtiere. Sie werden dann im nächsten Jahr freigelassen«, erklärte Julia Heinze. Die Elterntiere aus 2021 wurden übrigens bereits im letzten Jahr wieder ausgewildert. Darunter auch Hamsterweibchen »Priska«, das seinen Namen der Ministerin verdankte, die letzten Sommer bereits die damals frisch eröffnete Station besucht hatte. Bei der Auswilderung werden die Tiere nicht einfach auf dem Feld freigelassen, vielmehr haben die Experten von der Artenschutzstation zuvor verlassene Hamsterbaue identifiziert, markiert und darüber einen kleinen Käfig platziert, in den die Jungtiere gesetzt werden, damit sie schnell ihren Schutzbau finden. »Bereits nach ein paar Tagen haben sie sich sehr gut an ihr wildes Leben gewöhnt, dann kommt der Käfig weg«, schmunzelte Julia Heinze.

»Wir schützen die Artenvielfalt und damit auch unser Leben und unsere Zukunft. Mit unseren Feldflurprojekten wollen wir die Entwicklung umkehren und Feldhamstern in Hessen wieder eine Heimat geben«, betonte die Ministerin.

»Es ist für mich persönlich ein sehr besonderer Moment, als wir die Feldhamster ausgesetzt haben«, bekannte Tobias Erik Reiners. Er habe schon als Student 2007 die Idee zur genetischen Verknüpfung gehabt. »Es ist ungemein toll, was hier entstanden ist, ich bin glücklich, dass es so reibungslos funktioniert«, sagte er und dankte der »langen Kette an Unterstützern«. Die Wildpopulation im Raum Langgöns sei »aktuell gut, aber auf kleinem Raum. Hier können wir mit den 50 Jungtieren für einen Großteil des hessischen Bestandes sorgen«. Martin Wenisch unterstrich, dass früher die Autobahnen das Problem gewesen seien, heute seien es Gewerbeflächen. »Rund um Langgöns sollten keine Gewerbeflächen mehr entstehen«, appellierte er. Die Ausweisung von zehn Hektar neuer Gewerbefläche im Regionalplanentwurf 2022, die »in einem Korridor, der die Populationen verbinden soll«, liegen, kritisierte er scharf: »Das finden Naturschützer nicht so gut.«

Reiners ergänzte: »Der Lebensraum der Hamster hat sich in Form von immer größeren Feldern der modernen Landwirtschaft verändert, auch die Ernte ist zeitlich nach vorn gerückt.« So würden die bunten Nager auf einen Schlag Deckung und Nahrung verlieren. Auch die geringe Nachkommenzahl im Jahr pro Hamsterweibchen sei ein großes Problem, das auf das einseitige Nahrungsspektrum in großen Monokulturen und den Verlust vieler Jungtiere während der Erntezeit zurückzuführen sei. Die Nachzucht sei wichtig, denn aktuell gebe es nur noch zehn von ehemals 58 Populationen des Feldhamsters in Hessen. »Feldhamster können bis zu dreimal im Jahr werfen. Unser Ziel ist es, so viele Tiere zu reproduzieren, dass wir die Zucht irgendwann nicht mehr brauchen.«

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Bevor der Nager in seinem neuen Hamsterbau verschwindet, erkundet er seine unmittelbare Umgebung. Fotos: Rieger © Rieger

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