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Verbreitungskarte »nicht korrekt«

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Der Schutz der Feldhamster, hier vier Junghamster aus der Aufzuchtstation in Lang-Göns, hat für den Nabu Lang-Göns oberste Priorität. © Rieger

Der Nabu Lang-Göns übt scharfe Kritik an dem Entwurf des Regionalplans Mittelhessen. Die Naturschützer sehen die Feldhamster und Rebhühner gefährdet.

Langgöns (imr). In einer Pressemitteilung, die mit den Worten »Feldhamster und Rebhuhn ade« betitelt ist, übt die Nabu-Ortsgruppe Lang-Göns herbe Kritik am Entwurf des Regionalplans Mittelhessen 2022, insbesondere an den Planungen zur Ausweisung neuer Siedlungs- und Gewerbeflächen im Bereich des Kernorts Lang-Göns. Dabei geht es im Detail um die im Planentwurf neu ausgewiesene Vorrangfläche für Gewerbe im Bereich »Steinacker«, der südlich des Gewerbegebiets »Perchstetten« gelegen ist.

»Dass Langgöns bei der Planungsflächensumme einen Hektaranteil von 110,5 Hektar hat und im Kreisgebiet gleich hinter Gießen rangiert, ist für die örtliche Nabu-Gruppe nur schwer zu ertragen«, sagt Martin Wenisch, der Vorsitzende des Vereins. Dieser angedachte Flächenverbrauch sei »gigantisch und ist für unsere Natur nicht gut und heißt, das Artensterben geht weiter«, bringt Wenisch die Problematik auf den Punkt.

Flächen zu klein

Ein weiterer Kritikpunkt sei die »nicht korrekte« Hamsterverbreitungskarte, die dem Regionalplanentwurf anhängt. »Wie soll etwas geschützt werden, wenn die Verbreitungskarten nicht stimmen. So sind die Flächen zu klein eingetragen worden«, rügt der Naturschützer. Dies könnte später zu Zielkonflikten führen, befürchtet er.

Feldhamster und Co. müssten einfach weichen, wenn der Mensch mit seinen Bedürfnissen komme, daran habe sich leider nichts geändert, stellt er fest. »Wir wissen es doch aus der Vergangenheit, wie sich zu starker Flächenfraß auf unsere Umwelt auswirkt. Wir stehen am Abgrund und können nicht nach vorn, wenn wir die letzten Arten nicht auch noch verlieren wollen«, mahnt Wenisch.

Über Jahre seien mit öffentlichen Geldern auch in Langgöns Lebensräume für bedrohte Arten entwickelt worden. Mit motivierten Landwirten seien erfolgreich Maßnahmen im Feldflurprojekt umgesetzt worden. Auf den Feldern südlich des Kernorts Lang-Göns und in Pohlheim-Holzheim gebe es nicht zuletzt aufgrund dieser Bemühungen noch zwei der größten Populationen von Feldhamstern in Hessen. Diese geschützte Art sei hessenweit und darüber hinaus fast verschwunden. »Damit verfügt Langgöns über ein absolutes Alleinstellungsmerkmal, mit dem sich die Gemeinde in Sachen Naturschutz schmücken kann«, betont Wenisch.

»Jetzt wieder im großen Maßstab Flächen zu verlieren, das kann es nicht sein«, findet er. Dies sei auch nicht vor dem Steuerzahler zu rechtfertigen.

Eine Ausweisung von Bau- und Gewerbegebieten um Langgöns herum sei immer auch ein Eingriff in die streng geschützten Hamsterlebensräume und könne nur mit sehr hohem Aufwand - wenn überhaupt - kompensiert werden, unterstreicht Wenisch. Diese »europäischen Schutzgüter« könnten nicht einfach mehr ignoriert werden. Gerade der Feldhamster sei weltweit gefährdet und stark vom Aussterben bedroht. Wenisch erinnerte daran, dass erst im vergangenen Jahr die Feldhamsteraufzuchtstation auf dem Hof Niederfeld in Lang-Göns, die mit Mitteln von Land und Bund betrieben wird, erfolgreich an den Start gegangen sei.

Auch das Rebhuhn, das in den vergangenen 40 Jahren 90 Prozent Bestandsrückgang zu verzeichnen habe, sei stark gefährdet. »Hier haben das Land sowie die örtliche Kommune eine enorme Verantwortung, der sie auch gerecht werden müssen«, fordert der Nabu-Vorsitzende. Die Biodiversitäts- und Klimakrise könnten so nicht gestoppt werden, dies wüssten auch die verantwortlichen Personen in ihren Rathäusern und Ämtern. »Alle Flächen, die wir versiegeln, können unsere Kinder und Kindeskinder nicht mehr als Natur wahrnehmen und dies ist die eigentliche Katastrophe. Eine nachhaltige steuernde Funktion des Regionalplans für die nächsten zehn Jahre lässt sich aus den vorliegenden Unterlagen nicht erkennen«, bilanziert Martin Wenisch.

Zu den Planungen, im Bereich »Steinacker« Gewerbe anzusiedeln, spricht er Klartext: »Dagegen sprechen mehrere naturschutzrechtliche Gründe: Es gibt dort Steinkauz-Vorkommen, die in Nistkästen siedeln und von der Nabu Gruppe Lang-Göns betreut werden.« Außerdem gebe es ein geschütztes Biotop »Streuobstfläche« auf dem Steinacker, das bei einer Gewerbeansiedlung seine Wirksamkeit für wichtige Arten verlieren würde. Denn es wäre dann eingezwängt zwischen der A 485 und dem neuen Gewerbegebiet.

Wenisch betont: »Zwischen einem neuen Gewerbegebiet und dem Grünland mit den Streuobstbereichen müsste zumindest eine ausreichende große Pufferzone eingeplant werden.« Kritisch sieht er auch das Zubauen von »mageren Grünlandbereichen in einer ansonsten sehr nährstoffreichen, aufgedüngten Landschaft. Für den Naturschutz ist es extrem wichtig, diese Magerzonen im Bereich Steinacker zu erhalten.«

Verinselung

Schließlich könnte sich bei einer Ausweitung des Gewerbegebietes nach Süden auch die Feldhamsterpopulation Langgöns Süd nicht - oder nur noch erschwert - nach Norden hin ausbreiten.

»Wir würden somit zu einer stärkeren Verinselung der Population beitragen. Konnektivität (Durchlässigkeit, Verbindung) wäre nicht mehr gegeben.

Dies dürfte eigentlich nicht sein und wird auch auf europäischer Ebene und National kritisch beäugt werden«, prognostiziert er und informiert abschließend: »Neben dem Hamster sind auch seine Lebensstätten nach der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützt. Nach einem EuGH Urteil aus dem Jahr 2021 sind nicht nur die aktuellen besetzten Hamsterbaue (Fortpflanzungsstätten und Ruhestätten) auf dem Feld geschützt, sondern auch die aktuell verlassenen Baue, wenn die Aussicht auf eine Rückkehr der Tiere dorthin besteht.«

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