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»Warum nur musste das sein?«

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Großmutter Emma im Alter in Oberkleen. Repros: Rieger © Imme Rieger

Der Oberkleener Martin Hanika hält das stille Leid seiner Großmutter für die Nachwelt fest

Langgöns . Manchmal bringt Aufräumen nicht nur Ordnung, sondern auch ein schönes Familienprojekt in Gang: Martin Hanika fiel vor einiger Zeit die Telefonnummer einer Großcousine in die Hand, mit der er seit über 20 Jahren nicht mehr gesprochen hatte.

Spontan rief er sie an und plauderte gleich zwei Stunden mit ihr. Man vereinbarte dabei, von der gemeinsamen Familiengeschichte das aufzuschreiben, was festhaltenswert ist.

Der gebürtige Oberkleener machte sich bald danach Gedanken über seine Großmutter Emma, die er schriftlich festhielt. Heraus kamen sehr persönliche Erinnerungen, die sich zu einem eindrucksvollen Stimmungsbild über ein Frauenschicksal fügten, das als beispielhaft für viele Frauen aus dieser Generation gelten kann.

»Oft wird nur von den Männern berichtet, die im Krieg waren. Die Frauen haben aber auch gelitten, auf eine andere Art und Weise. Es war oft ein stilles Leid«, betont Hanika.

Gerade einmal 15 Jahre alt ist seine Großmutter Emma, Jahrgang 1899, als der erste Weltkrieg über Europa hereinbricht. »Da heißt sie noch Türmer mit Nachnamen und ist das jüngste von acht Geschwistern in Besikau am Tscheboner Berg im Egerland«, erzählt ihr Enkel.

Der Ort gehört damals zu Böhmen und ist als österreichisches Kronland Teil der Donaumonarchie. Ihre Familie betreibt wie alle im Dorf eine Landwirtschaft.

30 Jahre später, Emma ist 45 Jahre alt und verheiratete Hanika, bringt sie im Dezember 1944 ihren ältesten Sohn Josef zum Bahnhof von Poschitz, einem ebenso kleinen Nachbarort dort im Tepler Hochland. Josef ist gerade 17 geworden und eigentlich noch Schüler an der Karlsbader Handelsakademie. »Er wird zum Kriegsdienst einberufen nach Königsberg in Ostpreußen, der Krieg ist längst entschieden, aber noch nicht vorbei.«

Vom Krieg gezeichnet

Emmas Mann, auch er heißt Josef, befindet sich schon lange an der Ostfront, ist dort Sanitäter. Wo sich seine Einheit im Moment aufhält, weiß sie nicht. Ihr jüngerer Sohn Rudi ist noch 15 und geht zur Schule, aber auch er wird später noch zum Kriegsdienst verpflichtet.

Im Februar 1946 muss sie mit ihrer Tochter an der Hand und einem Koffer mit dem Notwendigsten ihre Heimat, das Egerland, verlassen. Der kleine Hofhund wollte mit, durfte aber nicht und musste zurück, zweimal. Das Vieh verblieb im Stall, die Scheune war voll mit Heu und Stroh. Im Haus hat sie alles so zurückgelassen, als sei sie nur mal eben um die Ecke.

Über eine Lagerbaracke im benachbarten Theusing ging es von dort in Viehwaggons in mehrtägiger Bahnfahrt nach Wetzlar. »Es werden viele Tränen auf diesem Weg geflossen sein, nicht nur bei meiner Großmutter Emma«, vermutet Hanika. Aus diesen Tagen habe sie nicht viel erzählt.

Als Emmas jüngerer Sohn Rudi im Sommer 1946 aus russischer Gefangenschaft in Mähren auch den Weg nach Oberkleen gefunden hat, ist ihre Familie wieder irgendwie zusammen, aber auf vier verschiedene Bauernhäuser verteilt. Sie alle helfen dort mit im jeweiligen Haushalt, auf dem Hof und im Feld.

Die ersten Egerländer reden schon zwei Jahre später vom eigenen Bauen hier in Oberhessen, am Ortsrand von Oberkleen und entlang eines Feldwegs. Die Großmutter will das nicht: »Naa, naa, dees moach miar niat, miar genge wiader hamm« (Nein, nein, das machen wir nicht, wir gehen wieder heim). »Sie ist eine aufrechte und starke Frau, wenn auch später das Alter ihren Rücken ziemlich gekrümmt hat«, erinnert sich Hanika.

Und dann wird doch gebaut, gleich mit den Ersten, 1949 begonnen und 1950 eingezogen. Die Küche besteht aus dem Holzherd mit Wasserschiff, einem Tisch und Holzregal auf Bimssteinen für die Töpfe, das reicht fürs erste.

Ein Klo gibt’s nur auf dem Hof, das ist aber nicht schlimm, das ist bei den Bauern im Dorf auch so, und warmes Wasser schöpft man aus dem Herd, dann, wenn es warm ist.

Die Frauen in der Siedlung kennen sich gut und haben schon bald ihre eigenen Freundschaften. Sie können noch das Federn schleißen, Knödel mit Kraut kochen und Pilze zubereiten. »Wenn meine Mutter als Hebamme zu Hausgeburten im Dorf unterwegs ist, gibt’s bei der Großmutter zum Frühstück »Aabrockts«, Kathreiner-Malzkaffee mit Milch und Zucker und darin eingelegte Brotbrocken, nicht schlecht.«

Großmutter Emma hat es gerne, wenn viele Leute in der Stube sind. Und wenn sie allein ist, hört sie im Radio am liebsten im Deutschlandfunk Volksmusik, alte Volkslieder, Egerländer Lieder, dann ist sie wieder »dehamm«.

»Es soll im Kopf so bleiben wie es war«

Für einen Besuch zurück in die alte Heimat aber will sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. »Sie sagt, das soll in ihrem alten Kopf so bleiben, wie es war«, weiß ihr Enkel. Sie will das jetzt nicht mehr sehen, den verbliebenen Rest von dem, was mal war. Sie will das alles so in Erinnerung behalten, wie sie es erlebt hat. »Da ist ihr altes Besikau, ihr Tscheboner Berg und das eigentliche Egerland, das soll so bleiben.«

Wie Weh der Verlust tut, erlebt Martin Hanika im Dezember 1974. Emma sitzt an einem späten Sonntagnachmittag im hessischen Oberkleen auf dem Sofa. Es dämmert schon draußen, ihre Stubenlampe brennt noch nicht, und sie ist allein. Dem damals 20-Jährigen hat sich der Augenblick eingebrannt: »Als ich das Wohnzimmer betrete, merke ich, dass sie leise weint. Und so frage ich sie, warum sie weint.«

Nach einer Weile sagt sie: »Warum nur hout mäin dees saa?« (Warum nur musste das sein?) »Und ich spüre gleich, dass dies eine sehr bedeutende Frage ist. Für sie wie für viele andere ihrer Generation, ihres Egerlandes und vieler anderer ebenso.«

Sie habe es nie verstehen können, warum das alles so gekommen ist, wie es jetzt ist. »Und es hat sie sehr bewegt, sehr berührt und oft auch verletzt. Jetzt gerade wieder, wenn ihre Gedanken weit weg fliegen von hier, vielleicht zum gemeinsamen Singen zurück nach Besikau - singen, das tat sie gerne, mit den alten Schulfreundinnen auf ihrem Rundgang um das kleine Dorf - vielleicht aber auch in ihrem späteren Garten mit dem Bienenhaus, den vielen Blumen und ihren drei Kindern in Poschitz«, weiß der Chronist.

Davon habe sie oft erzählt, sie sei mit Leib und Seele Bäuerin gewesen, habe gerne gekocht, auf dem Feld gearbeitet, Kühe gemolken und ihre Kinder versorgt. »Wahrscheinlich war das die schönste Zeit in ihrem Leben«, vermutet der Enkel und beschreibt das Leben dort: »Es wird oft harte Arbeit gewesen sein, das Tepler Hochland ist dort 600 bis 700 Meter hoch, aber sie hat noch ihre Familie zusammen, sie haben gerade die Scheune neu gebaut, es steht gesundes Vieh im Stall.«

Daran habe sie oft gedacht, noch Jahrzehnte später, das sei ihr immer wieder im Traum erschienen, und die Geschichten aus dieser Zeit waren Inhalt vieler Gespräche bei Treffen mit den Geschwistern, alten Nachbarn und Freunden. Es gab keinen Geburtstag bei den Großeltern, kein Kartenspiel des Großvaters - auch nicht die Egerländer Spezialität, das »Mariaschn« im Gasthaus Schütz, keinen Besuch, an dem nicht über die alte Heimat, das dort mittlerweile Geschehene und über letzte Neuigkeiten aus den Egerlanddörfern gesprochen wurde: »Woos iesen äitze wuarn aas diarn Schmiedbauern?« (Was ist denn aus den Schmiedbauern geworden?)

Fortwährende Trauer

Dann war zu hören, wo wieder eine Scheune abgerissen, ein Haus zusammengefallen oder ein ganzer Ort dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Die Großmutter schlug dann regelmäßig die Hände zusammen und sagte nur: »Manne, manne, manne«- und dann wieder »Warum nur hout dees mäin saa?« Ihr Enkel ist sich sicher: »Das war immer auch ein Stück fortwährende Trauer.«

Emma wurde 88 alt, hatte neun Enkel und 18 Urenkel, und sie habe im Alter den Tod nicht mehr gefürchtet. Von den acht Türmer-Geschwistern aus Besikau haben sieben die Vertreibung erlebt, die älteste Schwester war da schon gestorben.

Drei Söhne der Geschwister sind im Krieg gefallen. Die Sieben wurden zerstreut, nach Bayern, Wien, in die Oberpfalz und nach Hessen. Sie haben sich aber nach und nach wiedergefunden. »Und so hatten alle ihr eigenes Päckchen zu tragen und alle einen eigenen Weg zu finden. Sicher kann man aber darin sein, dass sie alle ihrer alten Heimat Egerland, dieser Landschaft, den Menschen, der Musik und dieser Lebensweise immer tief verbunden geblieben sind«, zieht Martin Hanika Bilanz.

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Die Egerländer Großmutter Emma und ihr Mann Josef bei ihrer Hochzeit im Kreise der Festgäste. © Imme Rieger

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