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»Anfangs ratlos und sprachlos«

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Die Friedenskooperative Laubach warnt vor atomarer Aufrüstung. Erinnerungen an 1983

Laubach . »Als am 24. Februar das Ungeheuerliche passierte - Krieg in Europa -, waren wir alle sprachlos und ratlos. Und anfänglich auch hilflos«, schildert Roland Wilhelm (Röthges) die Emotionen unter den Mitgliedern der Friedenskooperative Laubach. Der Gießener Anzeiger sprach mit dem Presesprecher der seit vielen Jahren sehr engagierten Kooperative über deren Einschätzung der aufgeheizten Diskussion um Waffenlieferungen und Aufrüstung.

Nach dem ersten Schock, berichtet Wilhelm, sei erfreulich gewesen, dass es schnell eine Welle der Hilfsbereitschaft aus der Laubacher Bevölkerung für die Menschen in der überfallenen Ukraine gegeben habe.

»Bei der Frage aber, ob und wie viele Waffen zu liefern sind, gehen auch bei uns die Meinungen auseinander«, so Wilhelm weiter. »Soll man die Ukraine so stärken, dass Russland zum Rückzug gezwungen wird? Das wäre wohl angebracht. Mehr als ein Kompromissfrieden, etwa ein Sieg der Ukraine, ist schwer vorstellbar.« Es sei denn, man wolle die Eskalation, vor der Putin möglicherweise nicht zurückschreckt, die aber für jeden klardenkenden Menschen in »Ost« und »West« der blanke Horror sein müsse.

Der Überfall auf die Ukraine wecke unweigerlich Erinnerungen an 1939, als Hitlers Armeen mit einer ebenso dreisten Lüge das Nachbarland Polen überfielen. Wie sich herausgestellt habe, sei es ihm aber um mehr gegangen, nämlich um die Expansion bis zum Ural. Jetzt werde spekuliert, ob Putin vergleichbare Pläne für »seinen« Westen habe. »Will der etwa die Grenzen der alten Sowjetunion herstellen? Das weiß niemand«, so Wilhelm, der weiter fragt: »Kann er nur mit massivster Aufrüstung gestoppt werden, und gehört dazu die Modernisierung der Atomwaffen, die bei uns lagern, und braucht es wirklich die neuen Flugzeuge in Deutschland, die sie ins Ziel tragen können?«

»Overkill«-Arsenal in den 80ern

Dazu habe die Friedenskooperative eine klare Position: Das Mehr an Atomwaffen führe zwangsläufig zu einem atomaren Wettrüsten, wie wir es in den 60er, 70er und 80er Jahren hatten. »Es gab damals einen Tag, an dem unsere Welt nur Minuten vor ihrem Ende stand«, erinnert sich Wilhelm.

Damit sei nicht die Kubakrise 1962 gemeint. »Es war viel später, genau um Mitternacht des 26. September im Jahr 1983«, führt er aus.

Die Ära Reagan - Thatcher - Kohl war beherrscht von der Kontroverse um die Nachrüstung. (»NATO-Doppelbeschluss«). Gerade hatten sowjetische Militärs (irrtümlich) ein koreanisches Flugzeug abgeschossen, wodurch 269 Passagiere ihr Leben verloren. Der Deutsche Bundestag beschloss, Pershing-Raketen mit einer Reichweite bis zum Ural zu stationieren. Und der amerikanische Präsident hatte ein NATO-Manöver in Gang gesetzt, welches dem sowjetischen Generalstab höchst bedrohlich erschien.

»In diesem aufgehetzten Klima, wo die Streitkräfte von Ost und West einander mit ihrem »Overkill«-Arsenal belauerten, geschah das eigentlich Undenkbare: Dem Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow wird gemeldet, dass amerikanische Atomraketen mit dem Ziel Sowjetunion unterwegs sind.« Der Offizier kommandierte gerade ein Geschwader sowjetischer Atomraketen . Sie stehen im Daueralarm, bereit für den finalen »Knopfdruck«. Viel Zeit bleibt nicht. »Petrow bleiben 15 Minuten, er muss reagieren und den Befehl zum Abschuss seiner Langstreckenraketen geben. Doch er weigert sich, den Befehl auszuführen«, schildert Wilhelm. Einige Zeit danach erfährt er, dass das Ganze nur ein Fehlalarm war, ausgelöst durch eine Kombination von Wetterphänomenen und Fehlern beim Beobachtungssatelliten.

Beinahe ein Armageddon

»Fast vierzig Jahre nach dem Beinahe-Armageddon sollte man sich vor Augen halten, wohin die Rüstungsspirale führen kann«, so die Position der Friedenskooperative.

Wenn Oberstleutnant Petrow nicht so umsichtig gehandelt hätte, wäre ein Atomkrieg unausweichlich gewesen. Deshalb müsse man die Strategie der atomaren Abschreckung unbedingt hinterfragen. Schon damals sei die atomare Strategie verfälscht wiedergegeben worden. Die offizielle Doktrin laute zwar, »zurückschießen, wenn der Angreifer geschossen hat« (retaliation after ride-out).

In Wirklichkeit halte man sich aber - damals wie heute - an ein »launch on warning«. Das bedeute, dass der Knopf schon gedrückt werde, wenn die »Warnung vor einem Angriff« eintreffe. Fehlalarme seien da nicht einkalkuliert. Die Frage bleibe also, ob beim nächsten Fehlalarm wieder ein Mensch wie Petrow da sein werde, der das Unvorstellbare, den »Overkill« verhindere.

Die Friedenskooperative Laubach appelliert deshalb an die Politiker, den deutschen Militärhaushalt zwar massiv zu erhöhen, mahnt aber gleichzeitig vor den Risiken: »Stärke ist die eine Sache, sie muss aber auch immer von Vernunft geleitet sein.«

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