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Bibel wäre heute Millionen wert

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Zahlreiche von Luthers Schriften, darunter auch das berühmte »Von der freyheit eines christen menschen«, sind in Laubach zu sehen. © Schäfer

Laubach (rrs). Schon seit über 20 Jahren lockt im Frühjahr die Schlossbibliothek Laubach mit einer Sonderausstellung, die jeweils einem Oberthema gewidmet ist und bibliophile Zeitgenossen von nah und fern magisch anzieht. Dieses Jahr eröffnete die langjährige Bibliothekarin Trautel Wellenkötter zusammen mit Ehemann Burkhard am Mittwoch, den 20. April, die traditionsreiche Ausstellung zum Thema »Gott und die Welt:

Von der Reformation zur Aufklärung«. Viele Kostbarkeiten, manche nie gezeigt oder kaum je geöffnet, zeichnen den Wandel der Weltanschauungen vom späten Mittelalter über die beginnende Neuzeit bis hin zur Aufklärung nach. Originale Texte gepaart mit Holzschnitten oder feinsten Kupferstichen faszinieren mit ihrem Detailreichtum und vor allem den leuchtenden Farben das Auge, ein Eldorado für Bibliophile.

1555 ins Leben gerufen, ist die Laubacher Schlossbibliothek eine der ältesten und größten privaten Sammlungen Europas. Über eine knarrende Holztreppe geht es hoch zur Bibliothek, wo sich verteilt in 12 Räumen Rücken an Rücken rund 120 000 Bücher vom 16. bis ins 20. Jh. reihen.

Der Rundgang beginnt mit einem kostbaren Juwel, dem Legendenroman »Barlaam und Josaphat«, auch »Laubacher Barlaam« genannt, vermutlich um das Jahr 1000 entstanden. Er handelt von dem indischen Fürsten Josaphat, der vom Eremiten Barlaam anhand von Parabeln zum Christentum bekehrt wird. In die Blütezeit der katholischen Welt fällt dagegen der Reisebericht »Pilgerreise ins heilige Land« (um 1485), in dem der Kleriker Bernhard von Breitenbach von seiner Pilgerreise nach Jerusalem erzählt. Als erstes gedrucktes und mit zahlreichen großformatigen Holzschnitten ausgeschmücktes Buch zählt es zu den zentralen Werken der Wiegendruck-Zeit, also in die Buchdruck-Frühzeit um 1500, wo mit beweglichen Lettern gedruckt wurde.

Illustrierte Weltgeschichte

Gleich nebenan begeistert eine farbintensive Stadtansicht von Würzburg in der Schedelschen Weltchronik von 1493, einer illustrierten Darstellung der Weltgeschichte im Wiegendruck feinst ausgearbeiteter Holzschnitte. Bibeln gibt es in der Schlossbibliothek unzählige. Angefangen mit der Vulgata, einem Wiegendruck aus dem Jahr 1483. Der Verfasser der Vulgata, die als meistverbreitete lateinische Übersetzung noch bis zur Neuzeit für die katholische Kirche maßgeblich war, ist Kirchenvater Hieronymus, der ab 385 in Bethlehem das Alte Testament aus dem Altgriechischen und Hebräischen in Latein übersetzte.

Eine Gutenberg-Bibel im Erst-Druck kam leider in den 20er Jahren durch Verkauf abhanden und liegt heute im Mainzer Gutenberg Museum. Heute wäre sie Millionen wert. Mit seiner Bibelübersetzung ins Deutsche sorgte Luther für eine volksnahe Religion und natürlich beherbergt Laubach eine gut erhaltene Lutherbibel von 1580.

Der Mythos Lutherbibel

Der Mythos, dass Luthers Übersetzung die einzige sei, ist ein Irrtum, denn ab dem 9. Jahrhundert gibt es rund 70 deutsche Übersetzungen, die aber wegen unverständlicher Sprache keinen Anklang fanden. Luther dagegen habe dem Volk »aufs Maul« geschaut und in modernem Deutsch geschrieben. Neben der Merian Kupferbibel (1630) und der Kurfürstenbibel zu Nürnberg (1736) lohnte ein Blick in die »Physica sacra« (1731), wo der Schweizer Naturwissenschaftler Scheuzer die biblischen Geschichten aus damaliger naturwissenschaftlicher Sicht rational zu erklären versuchte. Alle Bibeln sind rund 15 bis 20 Zentimeter dick, kiloschwer und kaum hochzuheben, da die Seiten aus Lumpen hergestellt wurden.

Eine ganze Vitrine alleine füllt Luther mit seinen Schriften, darunter das bekannte Buch »Freiheiten eines Christenmenschen«. Weiter ging es zu den astronomischen und astrologischen Studien von Kopernikus, Galilei, Tycho Brahe und Kepler mit dem Wechsel vom geozentrischen und heliozentrischen Weltbild und dem Siegeszug der Mathematik.

Von 1618 bis 1648 brachte dann der Dreißigjährige Krieg Tod und Verderben. Hier verfasste Reinhard zu Solms Lich sein »Kriegsbuch«, in dem in unzähligen bunten Stichen alle militärischen Uniformen samt Tagesordnung, Heeresaufrichtung usw. festgehalten sind. Die »Wetterfelder Chronik« eines lutherischen Pfarrers aus der Wetterau dagegen beschreibt den Kriegsalltag mit Hunger und Zerstörung. Die Schlachtenbilder Merians in unglaublicher Feinarbeit erstellten Kupferstiche begeistern, detaillierte Stiche veranschaulichen das Massaker von Tilly in Magdeburg, auch Magdeburgisieren genannt, zeigen den Prager Fenstersturz oder den Westfälischen Frieden.

Die Ausstellung endet am 26. Oktober. Öffentliche Führungen finden jeweils mittwochs um 17 Uhr statt; Sonderführungen sind an Samstagen und Sonntagen nach Voranmeldung möglich. Kontakt: 06405/910410 oder per E-Mail: wellenkoetter@t-online.de

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