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»Böse Geister sind nicht weg«

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Von: Heinz-Gerhard Schütte

Mahngang zur Erinnerung an jüdischem Leben in Laubach. Besuch des jüdischen Friedhofs und des Mahnmals auf der »Helle«.

Laubach (hgt). Zur Teilnahme am Mahngang im Gedenken an die Novemberpogrome 1938 hatten die Friedenskooperative Grünberg-Laubach-Mücke, die evangelische Kirchengemeinde mit Unterstützung durch den Magistrat der Stadt Laubach, die katholische Kirchengemeinde sowie die Ortsverbände von CDU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Freien Wählern und Amnesty International am 9. November auf die »Helle« eingeladen. Die zahlreichen Anwesenden wurden von Bürgermeister Matthias Meyer begrüßt, der an die Folgen der Reichspogromnacht 1938 erinnerte. Sie war damals der Auftakt für die systematische Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Ab dem 10. November begannen Deportationen jüdischer Menschen in Konzentrationslager. Viele jüdische Mitbürger waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um ihrem sicheren Tod zu entgehen.

Es sei wichtig, auch nach 84 Jahren immer wieder an die furchtbaren Ereignisse zu erinnern, damit sich so etwas nie mehr wiederhole, so Meyer. Gerade im Hinblick auf Ereignisse in jüngster Zeit, bei denen Juden auch in unserem Land nicht mehr vor Verfolgung sicher sein könnten.

Janina Gerschlauer, Vorsitzende der Friedenskooperative, stellte fest, dass auch in Laubach jüdische Mitbürger an diesem Tag Opfer waren und vor den Übergriffen von SS und SA nicht geschützt wurden.

Im Anschluss gingen die Teilnehmer gemeinsam hinauf zum jüdischen Friedhof, wo Pfarrer Jörg Niesner das Wort ergriff. Er stellte fest, dass auf dem Friedhof noch viel mehr jüdische Mitbürger ihre letzte Ruhe gefunden hätten, wenn es die damaligen Ereignisse nicht gegeben hätte. Dies sei der Ort derjenigen, die noch ein Grab bekommen haben. In der Schoah wurden alle ausgelöscht, die eigentlich auch hier begraben werden sollten. Auch er betonte, dass Deutschland wieder ein sicherer Ort für alle Menschen sein müsse, die hier leben. »Die bösen Geister sind nicht weg und wirken, obwohl wir es oft nicht merken«, so Niesner. »Nur durch entschiedenes Widersprechen wird sich etwas ändern. Christen und Christinnen haben in der Schoah nicht ausreichend widersprochen, obwohl ihr Glaube ihnen das aufgegeben hat.« Fortgesetzt wurde der Mahngang weiter auf jenem Weg, den damals die Leichenwagen einschlugen. Zum Abschluss wurden an der Gedenktafel in der »Lippe« vom Konfirmandenjahrgang weiße Nelken niedergelegt und namentlich der Laubacher Opfer gedacht. Schon lange erinnern die Tafel in der »Lippe« und eine Stele auf der »Helle« und die im Boden eingelassenen Pfeile »1938« an die einstige Existenz jüdischer Mitbürger in Laubach. Am 9. November 2022 gingen im Rahmen des Studiennachmittags zu Erinnerungsarbeit 21 Schülerinnen und Schüler des Laubach-Kollegs in Begleitung der Geschichtslehrerin Sandra Hansel und Schulpfarrer Christoph Koch auf die Spurensuche nach jüdischem Leben in Laubach, um an die verfolgten, geflohenen und verhafteten Menschen zu erinnern.

Der Weg zum Friedhof wurde von Mitgliedern der Freiwilligen Feuerwehr Laubach ausgeleuchtet und der gesamte Weg von der Polizei abgesichert.

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