1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Laubach

»Die haben uns Angst gemacht«

Erstellt:

Mutmaßliche »Spaziergänger« aus Grünberg haben die Andacht in Laubach gestört.

Laubach . Die Gruppe Gläubiger hatte sich wie jeden Abend auch am Sonntag zu einer Andacht vor der Stadtkirche in Laubach eingefunden. Bei Kerzenlicht lauschten sie den Worten von Pfarrer Jörg Niesner, beteten und sangen Lieder zu einem extra aufgebauten Klavier, als plötzlich »Querdenker« auftauchten und die Veranstaltung störten.

»Zwei Leute kamen entschlossen auf uns zu und fragten laut und in rüdem Ton, was hier los sei«, schildert Pfarrer Niesner. Dadurch sei eine »bedrohliche Situation« entstanden. Ohne Mund-Nase-Schutz und ohne Abstand zu halten, hätten sie Gläubige angebrüllt: »Setz' die Maske ab!« Dabei seien sie mehreren Personen bedrohlich »auf die Pelle gerückt«.

Niesner musste seine Predigt unterbrechen. Als der Pfarrer dann eindringlich darum bat, die Andacht nicht weiter zu stören, seien die beiden »unwillig maulend« wieder verschwunden.

»Bei der Aktion handelte es sich nicht um ein harmloses Spazierengehen, sondern um eine ganz bewusste Provokation«, unterstreicht der evangelische Geistliche. Ältere Teilnehmer der Andacht hätten ihm später berichtet: »Die haben uns richtig Angst gemacht.«

Seit Pandemie-Beginn trifft sich ein Kreis von zehn bis 20 Menschen regelmäßig, um vor der Kirche im Freien kleine Andachten zu feiern. Sie sind eindeutig als friedliche, religiöse Veranstaltungen zu erkennen.

Polizeibegleitung

Offensichtlich kamen die Störer zusammen mit einer Gruppe weiterer »Querdenker« aus Grünberg. Dorthin wird regelmäßig von einschlägigen Kreisen über die sozialen Netzwerke zu sogenannten »Spaziergängen« eingeladen, bei denen die Mehrzahl der Teilnehmer aber weder Masken tragen, noch Abstand halten.

Die nicht angemeldete Demonstration wurde dort aber am Sonntag schon von rund 50 Beamten der Bereitschaftspolizei erwartet, woraufhin ein Teil der etwa 40 Teilnehmer wohl spontan nach Laubach auswich. Auch dorthin wurden sie von der Polizei begleitet, die von einigen Teilnehmern wegen Verstößen gegen die Corona-Auflagen auch die Personalien aufnahm.

Er rechne nicht damit, dass die Andacht am kommenden Sonntag erneut gestört werde, so Niesner. »Dennoch werde ich mich vor der nächsten Veranstaltung natürlich schlau machen, um die Menschen zu schützen, die sich bedroht gefühlt haben«. Auch Bürgermeister Matthias Meyer glaubt nicht, dass die Querdenker- und Corona-Politik-Kritiker-Szene nun Laubach als neues Ziel ihrer »Spaziergänge« entdeckt hat.

»Dennoch sind wir froh, dass wir schon am 27. Januar gemeinsam mit Lich eine Allgemeinverfügung erlassen haben, die klare Regeln für Versammlungen vorgibt.«

Wie Niesner schätzt Meyer die Zahl der »Spaziergänger« am vergangenen Sonntag auf rund 20. Darunter habe er keine Einheimischen erkannt.

Allerdings hält der Laubacher Bürgermeister nichts davon, eine Gegendemonstration zu den Ereignissen zu organisieren. »Das gibt diesen ›Querdenkern‹ bloß mehr Aufmerksamkeit als sie verdienen.«

Über die Störung der Andacht in Laubach hat Pfarrer Niesner auch auf seinen Facebook- und Instagram-Seiten berichtet. Dort sind auch Videos von diesem Vorfall zu sehen.

Auch am vergangenen Montag hatten »Querdenker« wieder zu Demonstrationen im Kreisgebiet aufgerufen. An den sogenannten »Spaziergängen« nahmen nach Schätzungen der Polizei im Landkreis Gießen etwa 400 Personen teil. Veranstaltungen gegen die bestehenden Corona-Maßnahmen fanden demnach in Buseck, Grünberg, Hungen, Gießen, Pohlheim, Allendorf (Lumda), Lich und Fernwald statt. Bei den beiden Gegenveranstaltungen, zu denen in Gießen und Grünberg aufgerufen wurde, wurden zusammen rund 300 Teilnehmende gezählt.

Auch interessant