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Ein Schlag ins Gesicht

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Um Kindesmissbrauch, um Wut, um Verstehen und Vergeben geht es in dem neuen Roman »Wut« von Harald Martenstein, den er jetzt in Laubach vorstellte. © dpa

Zeit-Kolumnist Harald Martenstein stellte in Laubach seinen Roman »Wut« vor, ein Buch um Kindesmissbrauch sowie seine eigenen Erlebnisse mit einer prügelnden Mutter.

Laubach. Ein Dank sei der wackelnden Tontechnik. Der vor allem als Kolumnist des Zeit-Magazins bekannte Harald Martenstein kam am Freitagabend in den Rathaussaal Laubach, um in der Reihe »Leseland Gießen« seinen aktuellen Roman »Wut« vorzustellen. Und da es in den Boxen beharrlich rauschte, versuchte er es ohne Mikro. Sein Publikum rückte daher kurzerhand um den Lesetisch zusammen - was zu einer intimen Wohnzimmer-Atmosphäre sowie einer angeregten, anregenden Fragerunde führte. Es ging um sein Buch, um Kindesmissbrauch sowie seine eigenen Erlebnisse mit einer prügelnden Mutter. Und bei aller Schwere dieses bedrückenden Themas: Ein paar wunderbare Kolumnen gab es am Ende auch noch.

Doch zunächst wählte Martenstein einen drastischen, schonungslosen Ton. Im Eingangskapitel seines Romans schildert er, wie sich ein kleiner Junge namens Frank vor seiner Mutter unter sein Bett zu flüchten versucht. Diese Frau rast vor Wut, reißt die Tür zu seinem so mühsam wie vergeblich verbarrikadierten Zimmer auf und versucht das Kind zunächst durch Zureden unter dem Bett hervorzulocken. Als es ihr schließlich gelingt, prügelt sie wie von Sinnen auf den Jungen ein, dem nur eins bleibt, um den körperlichen Schmerz zu ertragen: Er lacht sie aus. »Hätte er um Gnade gebettelt, hätte sie vermutlich bald darauf aufgehört«, so Martenstein. Doch angesichts dieser Provokation facht er ihre Wut nur noch weiter an, und sie schlägt ihm so lange ins Gesicht, bis sie irgendwann die Kraft verliert.

In seinem Roman schlägt Martenstein einen ganz anderen Ton an, als den aus seinen ironisch-doppelbödigen Zeit-Kolumnen bekannten. »Ich habe das zunächst versucht«, erzählt er in Laubach. Doch nach 60 Seiten flog das Manuskript in den Papierkorb. Also setzte er neu an, um den richtigen Klang für seine Geschichte einer Mutter-Sohn-Beziehung zu finden.

Problematische Verhältnisse

Und das ist dem Berliner eindrucksvoll gelungen. Er schildert die Mutter nicht nur als gewalttätiges Monster, sondern auch als von den problematischen Verhältnissen ihres Lebensumfelds überforderte junge Frau. Für sie ist die Gewalt ein Ventil, mit dem eigenen Unglück fertigzuwerden. Und so geht es nicht nur um den Missbrauch, sondern auch um Gnade und Vergebung.

Martenstein hat, wie er der Publikumsrunde im Anschluss erzählt, vieles von dem selbst erlebt, was er zum Romanstoff gemacht hat. Seine Mutter war noch keine 20, als sie mit ihm schwanger war. Vom Vater trennte sie sich bald, um ihrem Lebenstraum nachzujagen und eine Karriere als Anwältin einzuschlagen. Doch Ende der 50er, Anfang der 60er war es einer Frau aus dem Arbeitermilieu nahezu unmöglich, auszubrechen und ihren eigenen Weg zu gehen. »So versuchte sie es über die Männer.« Was ebenfalls scheiterte.

Seine eigene Mutter lernte irgendwann einen wohlhabenden Iraker aus reichem Hause kennen und lieben, erzählte der 68-Jährige. Doch mit einem unehelichen Kind war dessen konservativer Familie eine Ehe nicht zu vermitteln. Also schlug ihr Liebhaber vor, den Jungen in ein Internat zu geben und vor seiner Familie zu verleugnen. Das lehnte sie ab, da sie selbst traumatisierende Erfahrungen in einem Kinderheim während der Nazi-Zeit gemacht hat. Doch ihren geplatzten Lebenstraum ließ sie an dem wehrlosen Jungen aus, der dieser Ehe im Wege stand.

Martenstein berichtete später vom Unterschied zwischen Verstehen und Verzeihen, von seinen Ängsten, als Vater selbst in solche Verhaltensmuster zurückzufallen und von dem Moment, als seine Mutter im Alter vorschlug, seinen kleinen Sohn bei sich übernachten zu lassen. »Ich habe Angst davor gehabt, es aber zugelassen. Es ist nichts passiert«, berichtete er. Denn wie sich herausstellen sollte, war sie eine gute, eine liebevolle Großmutter.

Die Reihe »Leseland Gießen« wird am 17. März mit der Schauspielerin Nina Petri in der Kulturellen Mitte Holzheim (Pohlheim) fortgesetzt. Sie beschäftigt sich mit dem Thema Glück.

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