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Ein wahrer Glückstreffer

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Das erstklassige Flamenco-Trio Antonio Andrade beweist in Laubach eine enorme kreative Brisanz. Ihr Auftritt wird zu einem leidenschaftlich intensiven Erlebnis.

Laubach. Mit einer glänzenden Doppelvorstellung begann die Open-Air-Saison in Laubach. Das erstklassige Flamenco-Trio Antonio Andrade versetzte die Zuhörer in allerbeste Stimmung und erhebliche Unruhe, bevor es mit der subtilen Komödie »Der beste Film aller Zeiten« zum Kinoteil überging. Alle Beteiligten freuten sich über einen gelungenen Abend in stilvollem historischem Ambiente.

Der kreativen Kooperation zwischen dem Kulturförderverein »Künst-Lich«, dem Kino »Traumstern« sowie dem fürstlichen Gastgeber war das Gastspiel des international renommierten Flamenco-Gitarristen Antonio Andrade zu verdanken. Als Begleiter hatte er den jungen Sänger Al Blanco und vor allem die Tänzerin Ursula Moreno mitgebracht. Die beiden Spezialisten erweiterten das Ganze zu einem nicht selten leidenschaftlich intensiven Erlebnis.

Der in Deutschland aufgewachsene Andalusier fügt den Liedern stets eine kleine historische Ergänzung bei, die den Zusammenhang und die Eigenheiten der Stile verständlicher und einleuchtender macht. Er betont die gegenseitige Beeinflussung der musikalischen Kulturen, die durch Andalusien kamen und aus dieser historischen Phase verändert hervorgingen, »weil die Andalusier zugehört haben und etwas Neues aus der fremden Musik machten«. Genauso hätten es etwa die Roma getan und es auf ihre eigene Art zurückgegeben. Von daher erklärt sich bis zu einem gewissen Maß das Element der Vertrautheit, das es dem Publikum erleichtert, zum Rhythmus des Flamenco mitzuschwingen.

Verheißungsvoll

Andrades Stil ist sehr differenziert und präzise, er spielt ganz direkt und vor allem überlegt: Stets hat sein Vortrag einen vollständigen Spannungsbogen, der fast zögernd aufgebaut ist und zielsicher auf den dramatischen Höhepunkt hinführt. Gefällige Harmonien sucht man dabei vergebens, das zuweilen herrschende nachlässige Spiel im Flamenco gibt es bei Andrade nicht; er musiziert teilweise schon fast intellektuell.

An diesem Abend eröffnet der junge Sänger Al Blanco mit einem a-cappella-Titel, indem er von hinten durchs Publikum zur Bühne schreitet. Auch ohne Mikrofon trägt seine Stimme gut über den Hof und vermittelt sogleich einen authentischen, leicht fremdländischen Eindruck: verheißungsvoll, denn irgendwie kommt einem das schon bekannt vor. Spanisch (Pardon!) zum einen und eindeutig arabisch zum anderen. Abgesehen von der leidenschaftlichen Intensität seines Gesangs fallen schnell die wohlklingende Stimme und seine präzise Intonation auf.

Dass er vor Intensität kaum stillsitzen kann, erweist sich als ansteckend. Vor allem singt Al Blanco aber einfach sehr schön. Und er erzählt dabei Geschichten. Die enge Kooperation mit Antonio Andrade ergibt ein faszinierendes musikalisches Erlebnis. Denn bei aller Unterschiedlichkeit der musikalischen Stimmen sind beide durch einen faszinierenden, sehr schnellen Rhythmus verbunden. Sie bleiben vollkommen im gemeinsamen Metrum, schwingen zusammen. Blancos Gesang ist aber nicht nur heftig, dramatisch, es gibt auch ruhige, melancholische Phasen, wobei das narrative Element besonders gut zum Tragen kommt.

Irgendwann kommt Ursula Moreno dazu. Andrade würdigt sie als preisgekrönte, hochrangige Vertreterin des Flamencotanzes: »Und jetzt ein Kunstwerk. Es sind eher zwei Kunstwerke, die Tänzerin und der Tanz. Sie interpretiert eine Caña, einen der ältesten Stile des Flamenco«.

Mit ihrem Auftritt spürt man zum ersten Mal die enorme kreative Brisanz dieses Trios. Moreno ist voll konzentriert, ihr Gesicht drückt höchste Anspannung aus. Sie trägt ein typisches schwarzes Flamenco-Kleid von bestechender Eleganz.

Fließender Klang

Zum Tanz gesellt sich ihre faszinierende Stepparbeit, die dank mehrerer Bodenmikrofone und entsprechender Schuhe über die Lautsprecher übertragen wird. Später setzt sie zu einem attraktiven Schleppenkleid Kastagnetten ein und lässt diese mit ihren Tanzschritten verblüffend zu einem einzigen fließenden Klang zusammenwachsen - es sind wahrlich zwei Kunstwerke und man erlebt eine selten gefühlte, wahrhaftige Intensität.

Ihre Begleiter verfolgen sie zu jeder Zeit mit den Augen, und jetzt sieht man auch den Dreiklang aus Tanz, Gitarre und Gesang. Überwältigender Beifall des begeisterten Publikums. Später noch ein Titel mit der faszinierenden Klatschtechnik mit Moreno, Blanco und Andrade. Es ist ein hochmusikalischer und expressiver Abend: ein Glückstreffer.

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