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Erfolgreicher Geschichts-Detektiv

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Das Jugendgästehaus heute. Derzeit sind hier rund 70 Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht. Foto: Kächler © Kächler

Der Laubacher Kurt Stein hat bei seinen umfangreichen Recherchen die älteste Jugendherberge Hessens in Laubach aufgespürt.

Laubach . »Nach umfangreichen Recherchen konnte ich feststellen, dass in der Turnhalle in Laubach auf der Helle bereits 1921 eine Jugendherberge eingerichtet wurde. Es ist also die älteste Einrichtung dieser Art in Hessen«, berichtet Kurt Stein nicht ohne Stolz. Damit hat der Laubacher Geschichts-Detektiv die Aussage der Jugendherberge auf Burg Hessenstein am Edersee widerlegt, die bislang von sich behauptet, die älteste Einrichtung dieser Art in Hessen und damit eine der ältesten Herbergen in Deutschland zu sein. Los ging es auf Burg Hessenstein allerdings erst 1922.

»Durch die Eintragungen in den Protokollbüchern des Gemeinderates, welche sich im Laubacher Stadtarchiv befinden, konnte ich nachweisen, dass bereits im März 1921 aufgrund eines Gesuches des Vogelsberger Höhenclubs (VHC) der ehemalige Gewerbeschulsaal samt Nebenräumen im ersten Stock als Jugendherberge zur Verfügung gestellt wurde und die ersten Jugendlichen hier ihre Jugendfreizeit verbrachten«, so Stein.

Im ausgebauten Gewölbekeller seines Hauses in Wetterfeld stapeln sich historische Schriften, Bücher, Zeitungsausgaben und Dokumente. Alles fein säuberlich abgeheftet oder griffbereit aufbewahrt. Und darin befinden sich jede Menge Geschichten.

So kann Stein erzählen, dass unter den Laubacher Bürgermeistern in früheren Zeiten echte Halunken waren. Bis 1454, zu einem Ruprecht von Biedenfeld, hat er die Reihe der Stadtoberhäupter zrückverfolgt. Auch von dem 40 Meter hohen Gefängnisturm in der Stadt weiß außer ihm kaum jemand.

Sein Lehrer Willi Demmer, Mitgründer des Laubacher Heimatmuseums, förderte Kurt Steins Interesse an Geschichte schon in der Schule und vermachte ihm nach seinem Tod seine Sammlung. Seit mitlerweile 60 Jahren ist Stein nun schon spannenden Geschichten aus der Vergangenheit auf der Spur. Noch nicht einamal seine inzwischen drei erlittenen Schlaganfälle konnten den Forscherdrang stoppen. »Ich hab mir einfach die Unterlagen in die Klinik bringen lassen«, sagt der heute 73-Jährige, der auch Vorsitzender des Verbunds mittelhessischer Museen ist, lapidar.

Einen Vorteil hat seine Leidenschaft jedenfalls. Wenn seine Frau Ute ihn sucht, weiß sie immer: Er ist im Keller.

Wie Stein bei seiner Recherche zur Jugendherberge herausfand, gab es in dem Saal in der Turnhalle als erste Schlafgelegenheit ein Strohlager, welches 30 Personen Platz bot.

Schlafen auf Stroh

Verpflegen musste man sich selbst und kochen konnte man auf einer bereitgestellten elektrischen Kochgelegenheit.

Ab 1928 wechselten dann die Räume der Jugendherberge in das Amtshaus in der Oberen- Langgasse. Das Reichsherbergswerk hatte einige Räume vom Graf zu Solms Laubach für diesen Zweck angemietet. Für Anstelle des Strohlagers gab es bereits »Betten mit Decken«. Da es ab 1930 in Laubach ein Schwimmbad gab, kamen die Jugendlichen gerne hier her und genossen diese Einrichtung.

1934 zog die Jugendherberge in die Untermühle im Schlosspark um, wo noch mehr Platz und eine komfortablere Einrichtung vorhanden waren. Es standen hier 62 Betten zur Verfügung. Bei der Einweihung am 27. August 1934 waren sogar 100 Ferienkinder anwesend.

Als Schlaf- und Aufenthaltsräume dienten die Räumlichkeiten der aufgelösten Casinogesellschaft im Erdgeschoss des ehemaligen Mühlengebäudes. Es gab Frühstück, warmes Mittagessen und ein Abendessen. Eine Kegelbahn im Freien mit einer Kugel aus Basalt sowie das in der Nähe liegende Schwimmbad sorgten hier für Abwechslung.

Von der Herberge zum Gästehaus

Laubach wurde als Standort einer Jugendherberge immer bekannter und beliebter. Zahlreiche Freizeitangebote standen den Jugendlichen hier zur Verfügung.

Da die hohe Anzahl der Anfragen in der Untermühle nicht mehr bewältigt werden konnten, aber die Stadt Laubach weiterhin an dem Betrieb einer Jugendherberge interessiert war, entstand im November 1954 der Plan für einen Neubau auf dem Ramsberg. Die Stadt Laubach, mit ihrem damaligen Bürgermeister Friedrich Desch, stellte den Bauplatz kostenlos zur Verfügung und übernahm auch die Erschließungskosten. Im Herbst 1957 konnte die Jugendherberge am Ramsberg im Beisein der Laubacher Bevölkerung und viel Prominenz eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben werden.

Diese Einrichtung, deren Eigentümer der Kreis Gießen war, konnte sich in den folgenden Jahren immer über ein voll belegtes Haus freuen. Der zur damaligen Zeit moderne Neubau verfügte über 18 Schlafräume mit 107 Betten, fünf Tagesräume und bot Vollverpflegung. Das gut ausgeschilderte Netz von Wanderwegen des Vogelsberger Höhen Clubs (VHC) wurde gerne angenommen, wie ein Bericht über die Jugendherberge in Laubach aus der Zeitschrift »Die Jugendherberge« vom Jan./ Feb. 1959 aussagt. Das Herbergsehepaar Simon mit einigen Angestellten kümmerte sich um das Wohl der Gäste.

Inzwischen gab es in Hessen immer mehr Einrichtungen für Jugendliche und der Anmeldedruck in dem Haus am Ramsberg lies langsam nach.

Dennoch meldete man 1993 mit 14 500 Übernachtungen einen neuen Rekord.

Allerding wurden nötige Reparaturen aufgeschoben, die schließlich ein geschätztes Kostenvolumen von bis zu 600 000 D-Mark erforderten.

In einem Presseartikel vom 3. Juni 2000 wurde bereits über die Schließung zum 31. Dezember 2000 berichtet. Das Hessische Jugendherbergswerk, als Träger des Objektes, hatte sich mit seiner Kündigung aus der Verantwortung gezogen. Nach dem Aus als Jugendherberge suchte nun die Politik in Stadt, Kreis und Land nach einem tragbaren Konzept für das Gebäude.

Über sechs Jahre gingen ins Land bis am 30. März 2007 nach umfangreichen Umbauarbeiten und Modernisierungsmaßnahmen das Gästehaus Laubach mit seinem Hessischen Wassersportzentrum neu eröffnet wurde. Der Pächter war die »Eichsfelder Hütte Betriebsgesellschaft«, welche 2013 Insolvenz anmelden musste. Nach einer öffentlichen Ausschreibung erhielt die - TOKO Live gUG in Hamburg den Zuschlag. TOKOL steht für - The Other Kind Of Live. Der Pächterwechsel klappte lückenlos zum 1. Mai 2015 und Jochen Bantz zeichnete für den Betrieb des Jugendgästehauses mit damals 110 Betten in 31 Zimmern gegenüber der Stadt verantwortlich. Die Auslastung des Hauses war gut bis es im Oktober 2016 Probleme mit dem Brandschutz gab. Die Nachrüstung schlug mit 70 000 Euro zu Buche.

Aktuell sind im Jugendgästehaus rund 70 Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht. Wie Jochen Bantz erklärte, wolle man den »Normalbetrieb für Jugendfreizeiten, Wassersportler und den Gaststättenbetrieb für Feierlichkeiten aller Art, so bald wie möglich« wieder aufnehmen.

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Die Untermühle im Schlosspark diente zeitweise ebenfalls als Unterkunft. Repro: Kächler © Klaus Kächler
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Kurt Stein bei der Recherche. Foto: Kächler © Kächler

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