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Galgen am Ortsrand und Tumulte im Dorf

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Diese beiden Galgen mit aufgeknüpften Strohpuppen wurden von Gegnern der Großgemeinde Laubach Anfang Februar 1972 am Ortsausgang von Freienseen aufgestellt. Repro: Palitsch © Red

Heute vor 50 Jahren wurde Laubach zur Großgemeinde . Der Unmut in Freienseen über die Eingliederung war groß.

Laubach . Am 1. April 1972, heute vor 50 Jahren, wurde die Eingliederung der Gemeinde Freienseen zur Stadt Laubach rechtswirksam. Damit war die kommunale Gebietsreform im Raum Laubach abgeschlossen. Die Stadtteile Altenhain, Gonterskirchen, Lauter, Münster, Röthges, Ruppertsburg und Wetterfeld wurden bereits zwischen 1970 und 1971 zur Stadt Laubach eingegliedert.

Allerdings gab es vor allem in dem ehemals »freien Reichsdorf« Freienseen heftige Widerstände gegen die Eingemeindung. Nach heftigen Streitereien im Dorf und Tumulten in der Gemeindevertretersitzung kam es sogar zum Rücktritt des Bürgermeisters. Der Gipfel der Geschmacklosigkeiten bot sich aber dar, als Anfang Februar 1972 am Ortsausgang von Freienseen zwei Galgen aufgestellt wurden, an denen Befürworter der »Zwangseingemeindung« als Strohpuppen aufgeknüpft waren.

Erste Gespräche finden 1970 statt

Auf Einladung der Stadt Laubach fand am 30. Juni 1970 die erste Besprechung mit den Bürgermeistern und Beigeordneten aus dem Raum Laubach statt. Am 14. Juli 1970 wurde nochmals mit allen Gemeindevertretern und im Beisein des Landrats über einen freiwilligen Zusammenschluss debattiert. Zum einen erhoffte man sich durch den Gemeindezusammenschluss, eine Steigerung des Siedlungswertes zu erreichen, da die Grundversorgung mit Wasser, Strom, Straßenbau und sozialen Einrichtungen in den Mittelpunkt jeden Ortes rücken sollte. Zum anderen erhoffte man sich durch die Planung flächendeckender Ansiedlungsmöglichkeiten und mit dem Ausbau des Fremdenverkehrs eine Steigerung des Wirtschaftswertes.

Für die weitere Realisierung des neuen Verwaltungszentrums wurde ein Arbeitskreis aus den Vertretern der Gemeinden Laubach, Röthges, Ruppertsburg, Wetterfeld, Altenhain und Einartshausen gebildet. Die Gemeinde Freienseen beschloss, keine Vertreter in den gebildeten Arbeitskreis zu entsenden. Da die Gemeinden Altenhain und Einartshausen nicht dem Landkreis Gießen angehörten, war die Entscheidung zu einem Zusammenschluss mit der Stadt Laubach und die damit verbundene Änderung der Kreisgrenze vom jeweiligen Kreistag abhängig. Nach Vorlage eines Gutachtens wurde die Gemeinde Einartshausen dann doch der Stadt Schotten zugeordnet. Die Gemeinde Münster war zunächst an einem Zusammenschluss zwischen den Dörfern Ettingshausen, Nieder-Bessingen, Ober-Bessingen und Hattenrod interessiert. Da die Aufsichtsbehörde allerdings Gemeindegrößen von ca. 5000 bis 10 000 Einwohnern anvisierte, befürchteten die Gemeinden diese Größenordnung nicht zu erreichen. Somit schlossen sich die Gemeindevertreter von Münster den Verhandlungen in Laubach an. Nach langem Zögern nahm auch die Gemeinde Gonterskirchen an den Arbeitskreissitzungen teil

Auch Lauter zögerte langeEin bedeutender Faktor zur Eingliederung zur Stadt Laubach war dann aber der bereits vorhandene Abwasserverband Lauter-Wetter.

Freienseen bleibt widerspenstig

Am 10. September 1971 fand im Ortsteil Freienseen eine erste Bürgerversammlung statt, an der auch Laubachs Bürgermeister Alfred Funk, Landrat Türk und Amtsrat Gerbig teilnahmen. Bei einer Abstimmung sprach sich die Mehrheit der erschienenen Bürger gegen einen Zusammenschluss mit Laubach aus. Zuvor war auch schon über eine Zusammenlegung der Seenbachtalgemeinden von Freienseen bis Flensungen diskutiert worden, bei der aber eine zu geringe Einwohnerzahl erreicht worden wäre.

Nachdem der Zusammenschluss mit der Stadt Laubach wieder auf der Tagesordnung der Gemeindevertretersitzung am 8. Oktober 1971 stand, verließen während eines Disputs vier Gemeindevertreter den Sitzungssaal und die anderen fünf Gemeindevertreter fassten den Beschluss, mit der Stadt Laubach Verhandlungen aufzunehmen, Die vier Gegner der Eingliederung legten eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Landkreis ein, da sie dem fünften Mann Befangenheit und Interessenkollision vorwarfen. Die Dienstaufsichtsbeschwerde wurde jedoch zurückgewiesen.

Wie sich Zeitzeugen erinnern soll es bei den Verhandlung um die Kontaktaufnahme mit Laubach in einer Gaststätte zu Tumulten zwischen den Befürwortern und Gegnern gekommen sein Sogar eine Polizeistreif sei gerufen worden, um zu schlichten..

Daraufhin nahm eine von der Gemeindevertretung Freienseen gewählte Kommission am 28. Oktober 1971 die Verhandlungen mit der Stadt Laubach auf. Der erarbeitete Entwurf des Grenzänderungsvertrags lag zwei Tage später der Gemeindevertretersitzung zur Beschlussfassung vor. Doch wieder löste der Zusammenschluss heftige Spannungen aus. Schon zuvor stellten die vier Gemeindevertreter den Antrag, die Sitzung sofort abzubrechen, weil die Gemeindevertretung eigentlich beschlussunfähig sei, da die Kommunalwahl 1968 nicht nach den Bestimmungen der Hessischen Gemeindeordnung vorgenommen worden sei.

Wogen waren nicht zu glätten

Im Verlauf der neu aufflammenden Diskussion, unterstützt von mehreren Zwischenrufen und Tumulten aus der Zuschauermenge, verkündete Bürgermeister Pfeiffer schließlich, dass er sein Amt niederlege. Der erste Beigeordnete übernahm die Leitung der Sitzung, doch auch ihm gelang es nicht, die Wogen zu glätten. Nach erneuter Unruhe legte auch er sein Amt nieder und die Sitzung wurde ohne Verhandlungsentscheidung beendet.

Die Aufsichtsbehörde musste letztendlich einen Staatsbeauftragten bestellen, damit der Gemeindevorstand handlungsfähig wurde. Dabei handelte es sich um den Laubacher Stadtverwaltungsoberinspektor Beierle. Gleichzeitig wurde ein Gemeindevertreter mit sofortiger Wirkung entlassen und ein neuer Nachrücker eingeführt. Bei der Sitzung am 22. Dezember verließen drei Gegner der Eingliederung erneut unter Protest den Sitzungssaal. Die verbliebenen fünf Gemeindevertreter beschlossen letztendlich die Eingliederung der Gemeinde Freienseen »aus Gründen des öffentlichen Wohles«. Zudem stimmten sie dem Grenzänderungsvertrag zu.

Der Grenzänderungsvertrag wurde schließlich am 10. Januar 1972 unterzeichnet und nach der Genehmigung der Hessischen Landesregierung wurde die Eingliederung zum 1. April 1972 rechtswirksam.

Doch noch immer rumorte es im »Gallischen Dorf«. Im Frühjahr 1972 waren am Ortsausgang von Freienseen Richtung Laubach zwei mehrere Meter hohe Galgen errichtet worden, an denen zwei Strohpuppen hingen. Mit den »Gehenkten« sollen wohl diejenigen gemeint gewesen sein, die bereit waren, ihre Heimat »verkauft« zu haben und sich für die Eingliederung einsetzten. Bei einer weiteren Widerstands-Aktion wurden die Ortsschilder mit Teer beschmiert, sodass nur der Name Freienseen stehenblieb.

Auch der Laubachs Bürgermeister blieb vor dem Unmut der Bevölkerung nicht verschont. So wurde ihm direkt nach der Bekanntgabe der Eingliederung Freienseens vorgeworfen, dass die Abstimmung durch Bestechung manipuliert worden sei. Der Bürgermeister stellte daraufhin Strafanzeige.

Nach dem Zusammenschluss mit Freienseen war die Stadt Laubach mit insgesamt 8.860 Einwohnern auch die flächengrößte Gemeinde im Landkreis Gießen und erlebte danach einen weiteren Bevölkerungszuwachs.

Die geplanten Investitionsmaßnahmen wurden fast alle in den ersten Jahren der Eingemeindung verwirklicht.. In Freienseen kehrte Ruhe ein, doch sind die Einwohner noch heute für ihren »eigenen Kopf« bekannt.

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Unterzeichnung der ersten Grenzverträge mit den Bürgermeistern der bis dahin selbstständigen Gemeinden am 4. Dezember 1970 im Solmser Hof in Laubach. Repro: Kächler © Klaus Kächler

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