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Synagoge niedergebrannt und Abriss in Rechnung gestellt

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Janina Gerschlauer (2. v. r.) und Matthias Meyer (r.) sprechen am Gedenkstein zu den Teilnehmern. Foto: Schütte © Schütte

Die Friedenskooperative erinnerte in Laubach an die Pogromnacht 1938. Konfirmanden legten weiße Rosen nieder.

Laubach (hgt). Viele Teilnehmer konnte wieder der traditionelle Mahngang zur Erinnerung an den 9. November 1938 verzeichnen, zu dem am Gedenkstein »Auf der Helle« die Friedenskooperative Grünberg-Laubach-Mücke eingeladen hatte. An diesem Tag vor 85 Jahren zerstörten organisierte Schlägertrupps jüdische Geschäfte, Gotteshäuser und andere Einrichtungen oder setzten sie in Brand. Doch nicht nur dies geschah, sondern es wurden auch Tausende Jüdinnen und Juden misshandelt, verhaftet oder getötet, wie Bürgermeister Matthias Meyer in seiner Rede ausführte: »Diese Nacht war das offizielle Signal zum größten Völkermord in der Geschichte.« Meyer wies darauf hin, wie wichtig eine freie Presse ist. Im Jahr 1871 lebten in Laubach 115 jüdische Mitbürger. Personen jüdischen Glaubens brachten sich im kulturellen Gemeindeleben ein und es entstand auch ein jüdisches Bad. Am 9. November 1938 wurden ihre Wohnungen durch Mitglieder nationalsozialistischer Gruppen heimgesucht, die Synagoge geplündert und das Inventar »Auf der Helle« verbrannt. Alle jüdischen Männer wurden am 10. November 1938 deportiert und die Synagoge abgerissen. Dafür wurden der jüdischen Gemeinde 300 Reichsmark für das Gebäude und 200 Reichsmark für das Kellergewölbe in Rechnung gestellt. Ihr Friedhof wurde für einen geringen Betrag, der mit den Abrisskosten verrechnet wurde, an die Stadt verkauft. Im September 1942 fand die letzte Deportation statt und die letzte überlebende Frau verstarb 1954 in Gießen. Von jüdischen Organisationen deutschlandweit angestoßene Wiedergutmachungszahlungen wurden 356 Deutsche Mark 1950 von der Stadt Laubach an die jüdische Gemeinde bezahlt.

Janina Gerschlauer von der Friedenkooperative wies in ihrer Ansprache darauf hin, dass damals weite Teile der Laubacher Bevölkerung nicht mit solchen Vorgängen in ihrer Stadt gerechnet hätten. Der ansonsten politisch gut informierte Gerichtsschreiber Friedrich Keller habe die Pollzei gerufen, ohne zu wissen, dass diese längst gleichgeschaltet war. Ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes Hungen, das den Weg zum jüdischen Friedhof ausleuchtete, habe sie nach dem erhöhten Sicherheitsaufkommen bei dieser Veranstaltung wegen des Krieges im Nahen Osten gefragt. Ihre spontane Antwort war: »Hier in Laubach brauchen wir das doch nicht, wir sind doch sicher.« Nun, das habe man schon einmal gedacht. Heute bedrücke es sehr, dass in Deutschland lebende Juden niemals sicher sind. Entweder bestehe eine Gefahr von rechts, oder sie werden gleichgesetzt mit dem Konflikt in Israel. Am jüdischen Friedhof angekommen sprach Pfarrer Ciprian Tiba von der katholischen Pfarrgemeinde St. Elisabeth.

Anschließend legten Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde am Ort der ehemaligen Synagoge weiße Nelken nieder und verlasen die Namen der Menschen, die 1938 Opfer der Gewalt in Laubach wurden.

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