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»Albinos leben gefährlich«

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Der Präsident der BFF Ralf Naujoks (ganz links) und die Studierenden der THM begutachteten diese Brunnenanlage an der Mreweni-Schule in Moshi. © privat

Die Licher Hilfsorganisation »Better Future Foundation« hilft in Tansania sauberes Trinkwasser, genug Nahrung, ein Dach über dem Kopf sowie regelmäßigen Schulbesuch der Kinder sicherstellen.

Lich . Das ostafrikanische Tansania ist für viele das Land für einen Traumurlaub, Safaris in die Serengeti oder den Ngorongoro Krater locken, der Kilimandscharo mit 5895 Metern der höchste Berg Afrikas wartet auf Besteigung und die weißen Sandstrände am indischen Ozean versprechen erholsamen Badespaß. Doch der schöne Schein ist trügerisch, denn in Tansania haben 76,8 Prozent der Menschen weniger als 3,20 Dollar pro Tag zur Verfügung (Stand 2017) und leben somit in absoluter Armut. Hier will die erst 2019 gegründete Licher Hilfsorganisation »Better Future Foundation« (BFF) helfen und den Zugang zu sauberem Trinkwasser, genug Nahrung, einem Dach über dem Kopf sowie regelmäßigen Schulbesuch der Kinder sicherstellen. Die mittlerweile 21 Mitglieder kümmern sich dabei schwerpunktmäßig um Albinos, die wegen ihrer weißen Haut gnadenlos geächtet, verfolgt oder gar getötet werden.

In keinem anderen Land der Welt gibt es so viele Menschen mit Albinismus wie in Tansania. Sie haben bleiche Haut, helle, oft leicht rötlich schimmernde Augen und fast weißes, in Afrika meist hellrötliches Haar. Ihre Haut verbrennt schnell, sie neigen zu Hautkrebs, haben Probleme mit den Augen, Sehschärfe und räumliches Sehen sind eingeschränkt und ohne Schutz erblinden sie schnell. »Ihre Körperteile gelten als magisch und werden von den afrikanischen Medizinmännern zu Tränken gebraut, die Wohlstand, Gesundheit, Glück und Liebe verheißen. Albinos leben gefährlich in Tansania«, schildert der 67-jährige Villinger Allgemeinmediziner und Präsident der BFF, Ralf Naujoks die bedrohliche Lage. Mit seinen bescheidenen Mitteln hat BFF bisher eine Mama mit ihren drei Albinokindern unterstützt, ihr eine Näherin-Ausbildung und den Kindern den Schulbesuch ermöglicht, einen jungen Albino-Studenten und dessen Schwester gefördert sowie 80 Matratzen für eine Behindertenschule angeschafft.

Im Jahr 2020 konnten durch die reichlich geflossenen Spenden in Höhe von rund 10 000 Euro und Mitglieder-Eigenmitteln von rund 2000 Euro zwei größere Projekte in Angriff genommen werden.

Als Erstes erhielt die nahe der Stadt Moshi am Kilimandscharo in Boma Ng’ombe gelegene, von Nonnen geführte Behindertenschule »St. Francis von Assisis School« eine Wasseraufbereitungsanlage für sauberes Trinkwasser und im Anschluss wurde das Gelände für eine Bewässerungsanlage für den Schulgarten der Mreweni-Schule in Moshi vermessen, um dann in heimischen Gefilden mit den Planungen für den Bau zu beginnen.

Für beide Projekte holte Naujoks Prof. Harald Platen von der THM Gießen mit ins Boot, der Studiengangsleiter Master für »Umwelt-, Hygiene- und Sicherheitsingenieurwesen« ist und im Sommersemester das Wahlpflichtmodul »Wassertechnik für Entwicklungsländer« mit mehr als zehn Studierenden durchführte. Die thematische Überlappung mit den Vorhaben der BFF speiste die Idee zu einer gemeinsamen Exkursion nach Tansania, um das »in der Theorie gelernte« in der Praxis anzuwenden. Leider konnte aufgrund von Corona die Exkursion nicht als offizielle Veranstaltung der THM durchgeführte werden, aber 8 Studenten waren bereit auf eigene Kosten dabei zu sein. Ende September war es dann so weit und die kleine Gruppe mit Naujoks, Platen und den Studierenden machte sich auf die lange Reise nach Tansania, wo sie vom Partnerverein »BFF Tansania« freudig begrüßt wurden.

Zaubertränke

Die St. Francis Schule betreut insgesamt rund 300 Kinder, davon allein 90 Albinos, 140 Kinder mit schwersten körperlich und geistigen Behinderungen sowie etwa 40 Mädchen nach Vergewaltigungen, darunter 30 Vollwaisen. Zum Schutz der Kinder ist das Gelände von einer etwa vier Meter hohen Mauer umgeben, da es immer wieder Versuche gab, Kinder für die Herstellung von Zaubertränken zu stehlen. Die Schule ist wegen fehlender öffentlicher Förderung sehr arm und hat kein sauberes Trinkwasser. Es gibt zwar einen etwa 40 Meter tiefen Brunnen, dessen Wasser aber ungefiltert nicht genießbar ist und daher häufig Durchfallerkrankungen oder Fieber auslöst.

Platen riet zum Filtersystem »PAUL«, entwickelt von Prof. Franz-Bernd Frechen von der THM Kassel, das mit rund 1700 Euro für BFF gut finanzierbar war. PAUL braucht keinen Strom, keine Chemikalien sowie wenig Wartung und hat seine Tauglichkeit schon in vielen Entwicklungsländern und Katastrophen unter Beweis gestellt. Allein das Gewicht des oben eingeschütteten Wassers genügt, um es durch eine Filtermembran mit einer Maschenweite von lediglich 40 Nanometer zu pressen, die 99 Prozent aller Keime und Viren zurückhält. Der hydrostatische Druck, den das Wasser in dem Behälter selbst erzeugt, reicht also zum Betrieb aus. Zwei Pumpen, eine elektrisch, eine solar, pumpen jetzt das Wasser aus dem Brunnen in den oberen Behälter von PAUL, das drückt sich aufgrund der Schwerkraft durch den Filter nach unten, wo dann täglich bis zu 1200 Liter sauberes Trinkwasser entnommen werden können.

Die integrative Mreweni-Schule mit etwa 700 Kindern hat vor vier Jahren von einer österreichischen Hilfsorganisation eine große Photovoltaik-Anlage mit einer starken Wasserpumpe erhalten, die aber seit zwei Jahren defekt und daher ungenutzt herumsteht. Keiner der Afrikaner hat sich um Reparatur gekümmert, dann wird eben teures Wasser gekauft! BFF konnte einen Handwerker besorgen, der die Anlage wieder zum Laufen brachte und plant in Zukunft mit dieser Anlage den in der Schule benötigten Strom bereitzustellen.

Außerdem gibt es in dieser Schule eine Biogasanlage und eine moderne Zahnarztpraxis mit Röntgengerät, bezahlt von Hilfsorganisationen. Wie in Afrika nicht unüblich, wurden Teile geklaut, die Biogasanlage ist fast vollkommen demontiert und baufällig, die Zahnarztpraxis nicht mehr einsatzfähig.

Dies zeigt, dass es in der Entwicklungshilfe nicht nur um die Bereitstellung von Technik geht, eine nachhaltige Projekt-Betreuung ist unabdingbar. Der Traum von einer eigenverantwortlichen Übernahme ist da schnell ausgeträumt. Die Mentalität und Kultur im ländlichen Afrika ist eine völlig andere als in den Industrieländern, das erfuhren vor allem die THM-Studenten in Tansania hautnah. Es geht um Akzeptanz, Korruption, Neid, Religion, Aberglaube und den Willen zur Problemlösung, der dort fast vollkommen fehlt. Was kaputt ist, bleibt eben kaputt stehen, vorher ging es ja auch ganz gut ohne diese Technik. Da werden Teile geklaut, um sie gewinnbringend auf dem nächsten Flohmarkt an den Mann zu bringen, egal ob dann Kinder vom wieder dreckigen Wasser krank werden. Da wird das gesäuberte Wasser nicht getrunken weil es aus der Erde von den bösen Erdgeistern kommt. Eine Welt, die uns völlig fremd ist, wo Elend auch Mentalitätssache ist und Hilfsgüter oft das Elend nur vergrößern - um zu verstehen müsste man mindestens mal ein halbes Jahr im Land leben. Naujoks setzt hier auf die Überwachung seiner Projekte durch Mitglieder von BFF Tansania. PAUL wurde runterherum eingemauert und mit einer verschließbaren Stahltür versehen um Diebstahl zu verhindern. Ob das ausreicht wird die Zukunft zeigen. Die bessere Lösung und schon angedacht, wäre wohl ein fest angestellter und vor allem vertrauenswürdiger »Hausmeister«, der alles regelmäßig kontrolliert und wartet.

Für weitere Projekte benötigt BFF dringend finanzielle Unterstützung. Naujoks betont, dass jede Spende ohne Verwaltungskosten direkt und vollständig den Leuten vor Ort zu Gute kommt.

Wer BFF unterstützen möchte, auch kleinste Beträge sind willkommen: Sparkasse Gießen, IBAN DE 73 5135 0025 0205 0661 27 Stichwort »Albinos in Tansania« oder Kontakt Ralf Naujoks Handy 0173-945 72 65 oder info@better-foundation.de. Übrigens ist für 30 Euro pro Monat auch eine Ausbildungspatenschaft für Albino-Kinder möglich.

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