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Bittere Abrechnung mit Licher Bürgern

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Sven Görtz (l.) und Sascha Feuchert bei der Lesung. Foto: Graf © Graf

Sven Görtz las in der Bezalel-Synagoge aus den Briefen des Juden Ernst-Ludwig Chambré . Die Moderation hatte Prof. Dr. Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur an der JLU.

Lich (kag). Briefe von Ernst-Ludwig Chambré standen im Mittelpunkt einer Veranstaltungsreihe zum 9. November 1938 im Kulturzentrum Bezalel-Synagoge in Lich. Prof. Dr. Sascha Feuchert, Leiter der Arbeitsstelle Holocaust-Literatur an der Uni Gießen, moderierte, Sven Görtz las aus den Briefen vor.

Nach aufwendiger Restaurierung war die ehemalige Synagoge, die während der NS-Zeit zerstört worden war, 2006 in ein Kulturzentrum verwandelt worden. Eigentümer ist die Stadt Lich. In diesem Jahr begeht die von dem Licher Chambré gegründete gleichnamige zugehörige Stiftung ihr 25-jähriges Bestehen.

Vor mehr als 25 Jahren hatte der Lehrer Klaus Konrad-Leder mit Schülern der Licher Dietrich Bonhoeffer-Schule die NS-Vergangenheit Lichs erforscht. Dabei suchten sie auch gezielt nach Licher Überlebende des Holocausts und fanden dabei Ernst-Ludwig Chambré, den Sohn von Max Chambré, dem einzigen Holocaust-Überlebenden der Licher Familie. Max Chambré betrieb in Lich ein Manufakturwarengeschäft und eine kleine Privatbank. Der Frontsoldat des 1. Weltkrieges Max Chambré und sein Sohn Ernst engagierten sich im SPD-nahen Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und gerieten damals in den Fokus der seit 1927 in Oberhessen agierenden Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei (NSDAP).

Eine Woche nach der Reichstagswahl, vom 12. auf den 13. März 1933, kam es in Lich zu Übergriffen. Licher SA-Männer überfielen die jüdischen Familien, folterten die Familienväter, zerstörten und stahlen deren Habe. Chambré, der auch als einziger seiner Familie den Holocaust überlebte, entkam dem Pogrom, weil er sich an diesem Tag nicht in Lich aufhielt.

Chambré junior, der sich inzwischen Ernest L. Chambré nannte, schrieb in einem Brief 1987 seine damaligen Erinnerungen auf. Der Licher Faschismus habe nicht 1933 sondern schon früher begonnen. Er führte eine Reihe von Akteuren namentlich auf. Die Licher seien ohne Zwang, mit Jubel zu den Nazis geeilt. Letztlich seien sogar nach dem Zweiten Weltkrieg Täter mit hohen Pensionen belohnt worden, heißt es bitter in einem Brief. Und das obwohl zwischen den jüdischen und den christlichen Bürgern bis zur Hindenburgwahl von 1925 ein freundschaftliches Verhältnis bestanden habe. Durch die Weltwirtschaftskrise habe sich das Verhältnis verschlechtert. »Die Nazis predigten, an all dem seien die Juden schuld«, hob Ernest Chambré hervor.

Acht seiner Briefe beschäftigen sich überwiegend mit dem März-Pogrom bezogen auf die Chambrés, den von den Nazis dabei verursachten Schäden und dem Versuch der Familie, nicht nur für zerstörte Habseligkeiten sondern auch schwerwiegende physische Leiden entschädigt zu werden.

Die Licher Nazis überfielen im März 1933 die Chambrés und raubten sie aus, einschließlich der Geschäftsbücher, in denen die Schulden und die Schuldner verzeichnet waren. Damit war die Basis des Bankgeschäfts verschwunden und das Manufakturgeschäft nicht mehr handlungsfähig. Max Chambré musste Konkurs anmelden. Es war unmöglich, die Gelder einzutreiben, heißt es im Brief. Auch sei die wertvolle Briefmarkensammlung gestohlen worden. Im Deutschen Reichsanzeiger sei eine Verfügung erschienen, dass das Vermögen seines Vaters wegen Hochverrates beschlagnahmt worden sei.

Die NSDAP müsse also die Verfügung über die Unterlagen und das Vermögen Chambrés gehabt haben, schrieb Ernest, was sich nach dem Krieg bestätigt habe. »Das ganze Vermögen fiel an die NSDAP. Die Licher haben ein großes Schweigen, denn viele Licher haben davon profitiert«, stellt er fest. Aber nach dem Krieg sei nichts mehr aufzufinden gewesen und die Licher hätten alles »unter Meineid verneint«.

Im Frankfurter Hof, dem Stammlokal der SA in Gießen, sei sein Vater zum lebenslänglichen Krüppel gemacht worden. Ihm seien beide Knie-scheiben zerschlagen worden. Max Chambré habe nie wieder alleine gehen können und habe eine schwere Gehirnverletzung gehabt.

Bezogen auf seine eigenen gesundheitlichen Schäden, die Ernest auf seiner Flucht aus Deutschland als Reichsdeutscher in einem französischen Lager erlitten hatte, und den Verlust des Eigentums der Familie, stellte er nach dem Krieg Wiedergutmachungsanträge bei deutschen Gerichten. Letztlich mit mäßigem Erfolg. Ernest sah in den deutschen Amtsstuben noch immer den Geist der Nazi-Zeit wehen und beklagte, dass die Täter durch hohe Pensionen belohnt worden seien. Dank der »Persilscheine« konnten die »schlimmsten Verbrecher frei oder fast frei ausgehen«, schreibt er und nennt zwei Täter, die nach dem Krieg öffentliche Führungspositionen inne hatten.

1997 - ein halbes Jahr nach Ernst-Ludwig Chambrés Tod - erfolgte die Gründung der nach ihm benannten Stiftung, deren Zielsetzungen noch zu seinen Lebzeiten mit ihm gemeinsam festgelegt worden waren und die er großzügig finanziell ausgestattet hatte.

Auch der Brief von Irma Lemberg, geb. Isaak, vom 30. November 1988, die in der Oberstadt 13 wohnte, wurde verlesen.

Sie schrieb, sie bewundere den Mut der Licher Schüler, die Decke ein bisschen gelüftet zu haben. Sie beschrieb ebenfalls das Licher Pogrom. Vom Erlös ihres Elternhauses habe sie nie etwas gesehen außer einer kleinen Abfindung für das Lagerhaus. Die Chambrés und die Isaaks seien die ältestansässigen Bürger Lichs gewesen, ihr Papa mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden. Foto: privat

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Ernst-Ludwig Chambré © Red

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