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Export gibt’s erst nach Feierabend

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Ist sehr zufrieden mit ihrem Ausbildungsberuf: Saija Ludwig mit dem Geschäftsführer der Licher Privatbrauerei, Ulrich Peters (l.) und ihrem Ausbilder Dietmar Joseph. © Zielinski

In Lich werden seit Langem Brauerinnen ausgebildet. Der Anzeiger stellt Saija Ludwig vor.

Lich (paz). Während viele andere junge Menschen nach ihrem Schulabschluss nicht so richtig wissen, was sie beruflich machen wollen, stand für Saija Ludwig die Entscheidung bereits ein Jahr vor dem Abitur fest: Eine Ausbildung zur Brauerin und Mälzerin sollte es sein. Und die gibt es für sie in der Licher Privatbrauerei.

»Spätestens nach einem Schulpraktikum in einem Büro wusste ich, dass ich etwas Handwerkliches machen möchte«, erklärt die junge Frau aus Altenlotheim (Region Edersee) im Gespräch mit dem Anzeiger. Hinzu kam ein gro-ßes Interesse an Naturwissenschaften und der Herstellung von Lebensmitteln. Als sie dann im Fernsehen eine Doku-mentation über das Brauhandwerk gesehen hat, beschloss sie, sich um ein Praktikum zu bewerben.

Drei Wochen schaute Saija Ludwig in den Sommerferien 2019 den Brauern und Mälzern in zwei Brauereien über die Schultern und war begeistert. Da ihre Heimat Nordhessen nicht gerade viele Brauereien aufweist, bewarb sie sich Ende 2019 bei der Licher Brauerei.

Eine richtige Entscheidung, wie sich schnell herausstellte. Nach einem Bewerbungsgespräch mit anschließendem Einstellungstest folgte ein einwöchiges Praktikum. »Eigentlich sollte es länger dauern, musste aber wegen Corona verkürzt werden«, erinnert sie sich. Kurze Zeit später hielt Saija Ludwig bereits ihren Arbeitsvertrag in der Hand.

Längst Normalität

Aktuell beschäftigt die Licher Privatbrauerei 28 Brauer und Mälzer. Alle seien aus einem Umkreis von etwa 30 Kilometern gekommen und hätten nach Ende ihrer Ausbildung an weiterbildenden Maßnahmen teilgenommen. Dietmar Joseph macht deutlich, dass Brauerinnen längst eine Normalität sind.

»In den vergangenen Jahren haben vier Frauen bei uns eine Ausbildung in diesem Berufsbild gemacht«, betont der Ausbilder von Saija Ludwig, Dietmar Joseph und macht deutlich, dass Brauerinnen längst eine Normalität sind.

Wichtig ist für ihn bei einer Bewerberin oder einem Bewerber die persönliche Einstellung zum Beruf. Hinzu kommen dann technisches Ver-ständnis, Kenntnisse naturwissenschaftlicher Grundlagen, Teamfähigkeit sowie die Bereitschaft, körperlich zu arbeiten. Beispielsweise wenn es darum geht, Passbögen anzuschrauben oder den Boden zu wischen. Denn Hygiene ist in einer Brauerei oberstes Gebot.

Brauende und Mälzende steuern und bedienen bei der Herstellung von Malz oder von Bier, Biermisch- und alkoholfreien Getränken weitgehend automatisierte Produktionsanlagen, die sie auch reinigen, pflegen und warten. In allen Produktionsphasen kontrollieren und regulieren sie Temperaturen, nehmen Proben und überwachen Messwerte, um bei Abweichungen schnell eingreifen zu können.

»Das Gesamtbild der Bewerbenden muss überzeugend sein«, unterstreicht Joseph. Vor allem sollte das Interesse an dem Produkt Bier und allem, was dahintersteckt, vorhanden sein. »Unsere Brauerinnen und Brauer gehen ihrem Beruf mit großem Einsatz und viel Liebe zum Detail nach - nur so können wir Biere in gleichbleibend hoher Qualität brauen«, so Joseph.

Liebe zum Gerstensaft

»Wir haben hier keinen Brauer, der Bier nicht liebt«, bestätigt Ludwig. Auch sie trinkt gerne mal ein Licher Export oder ein Hessenquell Landbier, eine milde Spezialität der Licher Privatbrauerei. Wer allerdings denkt, dass Brauer bei der Arbeit ständig Bier trinken, täuscht sich. Außer zu Verkostungen herrsche an der Arbeitsstelle absolutes Alkoholverbot.

»Meine Ausbildung macht nicht nur Spaß, sondern ist auch sehr abwechslungsreich«, berichtet Saija Ludwig. Wäh-rend ihrer dreijährigen Ausbildung ist sie unter anderem im Sudhaus, im Gär- und Lagerkeller, in der Filtration, in der Abfüllung und Verpackung sowie in der Qualitätssicherung tätig. »Ich finde es interessant zu lernen, wie aus drei Zuta-ten - Wasser, Hopfen und Malz - plus Hefe unterschiedliche Biere entstehen können.«

Der Berufsschulunterricht findet in Blöcken in Karlstadt am Main statt. In dieser Zeit wohnen die Auszubildenden in einem Internat.

Praktikum angeraten

Interessierten Jugendlichen rät die junge Frau unbedingt im Vorfeld zu einem Praktikum. »Damit man genau weiß, auf was man sich einlässt«, erklärt sie. So sei es schon ein Unterschied, ob man den ganzen Tag die Schulbank drücke oder in einer Brauerei arbeite. Denn trotz moderner Hilfsmittel sei die Arbeit dennoch zum Teil körperlich anstrengend.

Für ihren Traumjob musste die junge Frau ihre Heimat verlassen und sich in Lich eine Wohnung nehmen. Gerade in der Pandemie keine leichte Entscheidung. Dennoch hätten sich Eltern und Freunde mit ihr über ihren außerge-wöhnlichen Beruf gefreut. Auch von den Kollegen sei sie von Anfang an akzeptiert worden.

Im März steht nun die Zwischenprüfung an, auf die sich Saija Ludwig gut vorbereitet hat. Wie es nach der Ausbildung weitergehen soll, weiß sie noch nicht. »Auf jeden Fall werde ich dann endlich alles darüber wissen, was hinter dem Qualitäts- und Naturprodukt Bier steckt.«

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