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Fast ein Raub der Flammen

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Am 22. März 1994 wäre das Haus fast ein Raub der Flammen geworden. Repros: Schäfer © Rose-Rita Schäfer

Lich . Mitten in der Licher Altstadt steht ein wahres Kleinod der Fachwerkkunst, an dem zwar die meisten Einheimischen achtlos vorbei eilen, das aber Besucher von nah und fern anzieht: Das »Fingerhaus« in der Unterstadt 3-5, seit 1992 im Besitz des Ehepaares Ernst Otto und Ulrike Finger und seit 1998 auch ihr Zuhause. 70 Jahre bevor Kolumbus nach Amerika segelte, wurde das Haus von 1420 bis 1424 in Hessisch-Fränkischer Ständerbauweise, wahrscheinlich als Burgmannenhaus und zur Licher Befestigung gehörend, mit großer Halle und offener Feuerstelle errichtet.

Als Doppelhaus konzipiert, haben in Haus 3 mittlerweile neun Besitzer und in Haus 5 fünf Besitzer gelebt, geliebt und gelitten. Etliche Plaketten weisen es als ältestes Haus in Lich, achtältestes bewohntes Haus Hessens und anerkanntes Kulturdenkmal aus.

Fast 600 Jahre hat es jetzt schon auf dem Buckel, es hat den Dreißigjährigen Krieg, französische Einquartierungen zu Zeiten Napoleons und die beiden Weltkriege überstanden, aber vor fast 30 Jahren, am 22. März 1994, wäre es fast ein Raub der Flammen geworden. Bei einem Brand, ausgelöst durch den Leichtsinn einer Bewohnerin, wurde das Gebäudeinnere zu 65 Prozent zerstört und der Dachstuhl brannte völlig aus. Schaden über 1 Million DM.

Erst kurz vorher hatte Finger das Haus durch Beharrlichkeit erstanden. Sein Wüstenrot-Büro lag ebenfalls in der Unterstadt und jeden Samstag kehrten er wie auch sein Nachbar Ludwig Volz, auf der gegenüberliegenden Seite im uralten Fachwerkhaus wohnend, meist zur gleichen Zeit ihre Gehsteige. Aus Spaß rief Finger immer lauthals hinüber »Heh - verkaufst du mir deine alte Bude?«, aber von dessen Geldschwierigkeiten aufgrund einer Alkohol-Erkrankung der Ehefrau wusste er damals nichts.

Dann, im Jahr 1992, fragte Volz plötzlich lapidar: »Gehen wir Montag zum Notar?« - und damit gehörte das uralte Fachwerkhaus von heute auf morgen Finger. Er ließ Volz in dem Haus wohnen, zog mit Wüstenrot neben dem Volzschen Schuhladen ein und renovierte das Haus aufwendig mit den Auflagen des Denkmalschutzes.

Trümmerhaufen

Aber die Freude währte nicht lang, die Ehefrau von Volz schlief mit einer brennenden Zigarette ein, der Dachstuhl fing Feuer. Genau nachts um 4.33 Uhr meldete der 55-jährige Volz, der sich noch rechtzeitig aus dem Haus retten konnte, den Brand. Wenige Minuten später trafen rund 70 Männer der Feuerwehren aus Lich, Langsdorf, Eberstadt und Hungen ein, die gegen 8.10 Uhr das Feuer endlich unter Kontrolle hatten. Für die 53-jährige Ehefrau kam allerdings jede Hilfe zu spät. Gerade renoviert, stand Finger jetzt vor einem Trümmerhaufen.

Die wertvollen alten Eichebalken fingen wegen dem dichten Holz zwar schwer Feuer, aber als sie einmal brannten, konnte die Feuerwehr sie kaum mit Wasser löschen, da das Wasser nicht in das alte feste Holz eindrang. So waren die alten Balken trotz aller Bemühungen nicht mehr zu retten.

»Man konnte von oben durch die drei Stockwerke bis zum Boden blicken, es war einfach nur furchtbar«, erzählt Finger, heute noch sichtlich berührt. Durch das Löschwasser entstand enormer Schaden. Die Jahrhunderte alten Lehmgefache hatten sich mit Löschwasser vollgesaugt und bröckelten in den folgenden Wochen nach und nach zwischen den Balken herunter. 400 Quadratmeter Decken und Fußböden waren zerstört und mussten saniert werden. Erst nach und nach wurde das Ausmaß der Zerstörung richtig sichtbar. Glücklicherweise konnte Finger wenigstens seine Wüstenrot-Unterlagen zum größten Teil aus dem glimmenden Gebäude retten.

»Wir hatten Glück im Unglück. Frau Dr. Hilka Steinbach, die damalige Landeskonservatorin vom Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden, war sofort vor Ort und klopfte mir mit den Worten ›Es wird wieder aufgebaut‹ beruhigend auf die Schulter«, blickt Finger wehmütig zurück und lobt: »Schon zwei Tage später war die Baugenehmigung da und die Brandversicherung ging nur einmal kurz durchs Haus und meinte: ›Wir bezahlen den Scheiß, die Chefin von der Denkmalpflege will es so.‹«

Details gefunden

Aber der erste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Die Denkmalschutzbehörde des Landkreises Gießen forderte eine Dacheindeckung mit »Naturschiefer in deutscher Deckung«, die 50 000 DM über der Versicherungsleistung lag, was dann an Finger hängen geblieben wäre. Man einigte sich schließlich auf ein normales Ziegeldach aus roten Biberschwänzen mit Schiefereinfassung. Zur Ausbesserung des Gebälks mussten jahrhundertealte Eichenbalken aus Abrisshäusern herangekarrt werden, denn »altes und neues Holz verträgt sich nicht, da kann es zu Rissen kommen«. Im Gebäudeinneren wurde mit computergesteuerten Trocknungsmaschinen die Feuchtigkeit gesenkt. »Das muss im richtigen Tempo geschehen. Geht es zu schnell, reißen die Lehmgefache, geht es zu langsam, faulen die Balken«, erinnert sich Finger mit Schaudern.

Aber schon ein halbes Jahr später, im September, war das Unmögliche geschafft. Mit den von der Denkmalpflege locker gemachten 1,2 Millionen DM und viel handwerklichem Geschick bestach das Haus in alter Schönheit, Wüstenrot, Modegeschäft und Schusterwerkstatt konnten wieder einziehen.

Die Dachwohnung wurde sogar mit vom Denkmalschutz abgesegneten Gaupen heller gestaltet. »Das Feuer hatte sogar auch eine positive Seite. Wir haben einige Details gefunden, die schon seit Jahrzehnten gesucht wurden. Etwa einen tragenden Mittelpfeiler, von dem man wusste, dass er da sein muss, nur konnte niemand sagen wo«, freut sich Finger und erzählt: »Für sein Alter ist das Haus mit 440 Quadratmetern und 16,5 Metern Höhe enorm groß. Der Deckenbalken im ersten, nachträglich in der unteren Halle eingezogene Stock ist exakt 15,5 Meter lang und aus einem Stück. In Lich muss es damals große und vor allem alte Eichenwälder zum Holzschlagen gegeben haben. Im Erdreich existiert ein Gewölbekeller mit heute leider als Abwasserkanal genutzten unterirdischen Gängen zu den Nachbarhäusern als auch zum Schloss. Man vermutet, dass das einst Fluchtwege waren. Nur durch geschickte Heiratspolitik hatte der Solmser Fürst vor fast 600 Jahren wohl genug Geld, solch ein stolzes und vor allem großes Haus zu bauen.«

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In den Jahren 1420 bis 1424 wurde das heute älteste Haus in Lich erbaut. Es ist anerkanntes Kulturdenkmal. © Schäfer
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Drei Geschäfte befanden sich 1935 in dem Gebäude. © Rose-Rita Schäfer

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