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Fasziniert von Tieren

Erstellt:

Von: Rose-Rita Schäfer

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Großmutter Christine Bender (Pferdebilder) und ihre Enkelin Johanna Bender (Tierporträts) stellen gemeinsam bei »Kunst in Licher Scheunen« ihre Werke aus. Foto: Schäfer © Schäfer

Christine Bender und ihre Enkelin Johanna schaffen einzigartige Kunstwerke. Ihre Bilder präsentierten sie jetzt der Öfffentlichkeit.

Lich (rrs). Generationsübergreifend stellten bei »Kunst in Licher Scheunen« Großmutter Christine Bender und Enkelin Johanna Bender gemeinsam in Hof und Scheune der Familie Lyncker in der Hintergasse ihre Werke einem breiten Publikum vor, 24 Exponate die Oma, fünf die Enkelin. Beide tragen wohl das gleiche Künstler-Gen in sich, sind fasziniert von Tieren und erschaffen mitreißende einzigartige Kunstwerke.

Für die 79-jährige Künstlerin Christine Bender gibt es ein Thema, das alle anderen in den Schatten stellt: Pferde, Pferde und nochmals Pferde. Diese Leidenschaft spiegelt sich ín all ihren Werken, sie wird nicht müde die Tiere immer wieder mit Pinsel und Farbe auf die Leinwand zu bannen. Sie malt in vielen Schichten übereinander so wie die alten Renaissance-Meister, der sogenannten Lasurtechnik. Eine aufwendige arbeitsintensive Vorgehensweise, die aber aufgrund der durchscheinenden Farben eine ungeheure Tiefe in die Gemälde zaubert. Alle Bilder sind großformatig, in Acryl gemalt und zeigen bis auf wenige Ausnahmen nicht das ganze Tier, sondern nur Ausschnitte aus dem Pferdeleben wie das Säugen des Fohlens, das Miteinander in der Herde Kopf an Kopf oder ein kurzes Wiehern.

Zeugnis großer Tierliebe

Am Eingang grüßte ein blaues Pferdeporträt die Besucher, während die übrigen Werke, zumeist in Grau-Weiß-Tönen gehalten, eine dreidimensionale Energie, Kraft und Stärke von selten gesehener Schönheit ausstrahlen. Einige wenige Bilder sind in Brauntönen coloriert oder zeigen ganze Pferdeherden. Beeindruckender Detailreichtum und dynamische Lebendigkeit stecken vor Allem in Fell, Mähnen und Schweifen, die Pferde wirken geradezu lebendig und zeugen so von der großen Tierliebe, geduldigen Beobachtungsgabe gepaart mit dem Wissen um das Verhalten von Pferden, das der Malerin inne wohnt.

Die erst 16-jährige Johanna Bender dagegen hat sich den Tierporträts in breiter Vielfalt verschrieben und in den mit einfachen Buntstiften meisterhaft gemalten Bildern ihrem verstorbenen Hasen, ihrem Pferd sowie einem Vogel mit buntem Gefieder und einem Fuchs künstlerisches Leben eingehaucht. Ihre Bilder erinnern stark an die Gemälde alter Meister, feinste Striche und Farbnuancen bringen die Weichheit der Tierfelle wirklichkeitsnah zum Ausdruck, die Augen schauen sanftmütig und doch voller Leben auf den Besucher. Niemand würde vermuten, dass diese Werke mit Buntstiften erschaffen wurden, eher denkt man an ein Ölgemälde höchster Güte. »Um die feinen Linien zu zeichnen, muss ich die Buntstifte alle ein bis zwei Minuten neu anspitzen. Für meine Art der Malerei ist stundenlanges konzentriertes Arbeiten erforderlich gepaart mit viel, viel Geduld. Wenn ich jeden Tag an dem Gemälde arbeite, ziehen 4 bis 6 Wochen ins Land, bis es fertig ist. Ich habe auch schon Aquarell und Acryl ausprobiert, bin aber immer wieder zu den Buntstiften zurückgekehrt, weil mir das am meisten Spaß macht«, erzählt die begabte junge Teenagerin.

Großmutter Bender wurde in der Bergbaustadt Bitterfeld geboren, der Vater fiel im Krieg und sie floh 1957 mit ihrer Mutter nach Westdeutschland. Seit 1985 wohnt sie zusammen mit ihrem Mann in Villingen, hatte sich zunächst dort ein eigenes Atelier eingerichtet, ist damit aber vor sieben Jahren in den alten Kornspeicher im Hofgut Utphe umgezogen. »Meine Enkelin ist sehr selbstkritisch und perfektionistisch. Nie sind ihr ihre Werke gut genug. Schon als Vierjährige hat sie zusammen mit mir in meinem Atelier gemalt. Oft saß sie zwei, drei Stunden an einem Bild, was für so ein kleines Kind beachtlich ist. Ich habe sie nie angeleitet, sie durfte sich aus sich selbst heraus weiter entwickeln und malen was und wie sie es wollte«, blickt die alte Dame liebevoll lächelnd zurück.

Sie selbst ist in ihrem gleich auf den Schulabschluss folgenden zweijährigen Englandaufenthalt in die Pferdewelt eingedrungen, hat in der bekannten Fulmer International School of Equitation reiten gelernt, die Prüfung zur Reitlehrerassistentin abgelegt und dann sogar unterrichtet.

»Immer besser und perfekter werden«

Ihr Lehrer, der weltbekannte Robert Hall hat ihr die Methoden der spanischen Reitschule vermittelt. Wieder zu Hause hat sie als landwirtschaftlich-technische Assistentin an der Uni Gießen ihre Brötchen verdient und später zusammen mit ihrem Mann eine Hobbypferdezucht aufgebaut. Noch heute hält sie Pferde auf ihren Weiden, beobachtet nach wie vor begeistert täglich die Verhaltensweisen der Tiere. Schon als Kind hat sie gemalt, es folgte eine Phase der Aquarellmalerei, bevor sie der Ehrgeiz packte, sich weiter zu entwickeln. Einmal pro Woche und in unzähligen Kompaktseminaren studierte sie bis 2019 bei Michael Siegel, Meisterschüler und Dozent am Städel, Staatliche Hochschule für Bildende Künste, in Frankfurt. Sie malte Landschaften, Blumen, Stillleben, Porträts, Tiere, kam aber immer wieder auf ihre geliebten Pferde zurück. »Malerei ist Leidenschaft. Aufträge nehme ich kaum an, ich will frei sein. Am liebsten male ich Ausschnitte von Pferden in typischen Situationen in Originalgröße, deshalb meine großformatigen Bilder. Meine Malerei finanziere ich aus meinen Bildern, richtig Geld verdienen will ich damit nicht. Mir ist es nur wichtig, immer besser und perfekter zu werden«, sagt sie über ihre Kunst.

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