1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Lich

Post von ganz rechts außen

Erstellt:

gikrei_klk_050222_Lied_0_4c_1
Paul-Martin Lied mit einer Kopie des Schreibens, das als Absender die frühere Vereinsadresse der Licher Heimatkundler trägt. © Kächler

Der Licher Heimatkundler Paul-Martin Lied ist das Opfer von Identitätsdiebstahl geworden. Jetzt ermittelt der Staatsschutz.

Lich , »Ich war entsetzt, als ich las, was da in unserem Namen verschickt wurde«, schildert Paul-Martin Lied, der stellvertretende Vorsitzende des Heimatkundlichen Arbeitskreises Lich. Nur durch Zufall war herausgekommen, was da mit der früheren Adresse seines Vereins verschickt wurde. Denn: Weil der Adressat, ein Heimatverein in Chemnitz, nicht aufzufinden war, hatte die Post den Umschlag mit dem Stempel »Unzustellbar zurück zum Absender« versehen und an die - allerdings schon veraltete - Vereinsadresse nach Lich geschickt. Dort holte Lied den Brief ab, ehe er ihn öffnete und »aus allen Wolken« fiel.

»Was ich da las, war ein Pamphleteschreiben mit übelstem Inhalt; zehn Seiten widerwärtiges rechtsextremistisches Zeug, von Antisemitismus über Weltverschwörung bis hin zur Versklavung der Anständigen.«

Lied weiter: »Diesen Brief haben wir nie verschickt. Deshalb haben wir sofort nach Erhalt des Schreibens Strafanzeige bei der Polizei erstattet.

Nach einem ersten Telefonat habe er das Dokument persönlich zur Polizeistation nach Grünberg gebracht. Dort überlegte man zunächst noch, unter welchem Tatbestand die Anzeige aufzunehmen sei, entschied sich dann aber für »Identitätsdiebstahl«.

»Es ist unser Interesse, deutlich zu machen, dass diese Inhalte nicht im Entferntesten etwas mit unserem Geschichtsverständnis zu tun haben«, so Lied, der im Namen des Vorstands des Heimatkundlichen Arbeitskreises spricht. »Wir wollen ein Zeichen gegen solche Agitation setzen und die Öffentlichkeit auf diese kriminellen Methoden Rechtsextremer hinweisen.« Leider ließen sich weder durch den Stempel noch sonstige Dinge Anhaltspunkte auf den wahren Absender finden.

Wie Jörg Reinemer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen in Gießen auf Anfrage mitteilte, wurde der Brief, der auch den Tatbestand der Volksverhetzung erfüllt, an den Staatsschutz weitergeleitet. Die kriminalpolizeilichen Ermittlungen laufen.

Identitätsdiebstahl komme besonders bei Betrugsdelikten »immer mal wieder« vor. Weitere Anzeigen wegen Adressenmissbrauchs im Zusammenhang mit der Versendung rechtsextremistischer Hetze lägen im Bereich Mittelhessen derzeit nicht vor.

In dem Pamphlet ist etwa von »Hassverbrechen gegen Nichtjuden« die Rede. »Das Judentum« hingegen sei verantwortlich für die Corona-Krise, an der es noch verdiene. Mit dem Maskenzwang wolle man für Kohlendioxid-Vergiftungen sorgen, heißt es da weiter. Auch werden der Klimawandel und der Holocaust geleugnet. Die Gaskammern seien eine Erfindung der alliierten Siegerjustiz gewesen. Der Brief schließt ironischerweise mit einer »gut gemeinten« Warnung vor Cyberattacken und Falschinformationen.

»Wir fürchten natürlich, dass solche Briefe uns Licher Heimatkundler in Verruf bringen«, sorgt sich Lied. Der Heimatkundliche Arbeitskreis mit seinem neuen Vorsitzenden Uwe Mogk stehe für ganz andere Werte. »Vorstandsmitglieder von uns arbeiten bei der Flüchtlingshilfe mit und sind auch in der AG Spurensuche aktiv«, macht Lied deutlich. Unser Begriff von Heimat beinhaltet Weltoffenheit und Integration. Diese Werte, kombiniert mit dem Interesse für Geschichte, wolle man zukünftig auch jungen Menschen vermitteln, etwa durch Zusammenarbeit mit Licher Schulen.

Auch interessant