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»Sternchen ist Gewöhnungssache«

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Von: Rose-Rita Schäfer

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Constanze Spieß und Meike Rieckmann-Berkenbrock beschäfigten sich mit dem Gendern. Foto: R. R. Schäfer © R. R. Schäfer

Theologin und Sprachwissenschaftlerin beschäftigten sich in Lich mit dem Gendern im Rahmen der Ausstellung »Gott w/m/d - Geschlechtervielfalt seit biblischen Zeiten«.

Lich (rrs). Seit einigen Jahren wird hitzig über das Reizthema geschlechtergerechte Sprache mit Genderstern, Doppelpunkt oder Unterstrich debattiert und langsam bahnen sich neue sprachliche Formen gegen Diskriminierung ihr

Unter dem Titel »M*nsch m/w/d« beleuchteten Dr. Meike Rieckmann-Berkenbrock, Theologin mit einem Lehrauftrag zur Genderforschung an der Universität Gießen, und Dr. Constanze Spieß, Professorin am Institut für Germanistische Sprachwissenschaften der Universität Marburg, im Licher VHS-Haus die spannungsgeladene Beziehung von Sprache, Identität und Wahrnehmung.

Die Kooperationsveranstaltung von Kreisvolkshochschule und evangelischer Kirche im Landkreise Gießen fand im Rahmen der Ausstellung »Gott w/m/d - Geschlechtervielfalt seit biblischen Zeiten« statt.

VHS-Leiter Torsten Denker merkte zum Kulturkampf an: »Das Gendersternchen findet sich zwar mittlerweile auch im Duden, dennoch lehnt es der Rat für deutsche Rechtschreibung in seinem amtlichen Regelwerk ab, betont aber gleichzeitig, dass allen Menschen mit geschlechtergerechter Sprache begegnet werden soll, was aber eine gesellschaftliche Aufgabe sei«.

Die Theologin Rieckmann-Berkenbrock beschäftigte sich mit der Geschlechteridentität in der Bibel sowie der christlichen Kultur. Obwohl es im Buch Mose heißt, »Du sollst Dir kein Bildnis machen« sei Gott in den Köpfen der Christen beharrlich männlich. In vorchristlichen Zeiten habe es viele weibliche Gottheiten und sogar Götter, die zeugen und gebären konnten.

Auch der Gott in der Bibel sei nicht so eindeutig wie gedacht. Er zeige sich barmherzig, übernähme mütterliche Rollen, tröste wie eine Mutter, alles typisch weibliche Eigenschaften.

»Besser in Metaphern reden«

»Gott ist größer und anders als jedes Bild, das wir uns von ihm machen«, bekräftigte die Theologin. Trotzdem reden wir bis heute von dem »Herrn« und beten »Vater unser«, auch Jesu sprach vom Vater. Wenn wir aber Gott als weiblich und männlich zugleich oder als »alles« ansehen, wie sollen wir von ihm sprechen?

Vorgeschlagen wurde, das »Du« für das Gegenüber, an das man sich wendet, aber auch »Weisheit« oder »Dreifaltigkeit« stehen zur Debatte. »Wir sollten von Gott und den Menschen besser in Metaphern reden, die neue Möglichkeiten als Wirklichkeit erschließen«, fand Rieckmann-Berkenbrock.

Der Sprachwissenschaftlerin Spieß war Gendersensibilität fundamental wichtig. »Jeden Tag kann man in Zeitungen erleben, wie selbst Politiker genderspezifisches Sprechen abwerten«. Gendern sei kein neues Problem, schon in früheren Zeiten sei über das Anhängen des »in« gestritten worden, etwa bei Gast-Gästin. Mit der Frauenbewegung sei das generische Maskulinum, das für alles die männliche Form benutzt, zunehmend in Frage gestellt worden. Mann und Frau sollten auch in der Sprache gleich sichtbar sein. Nach wie vor gebe es bis heute »weibliche Wörter« wie Hebamme und »männliche Wörter« wie Bürgermeister. Weibliches sei oft negativ besetzt wie Jungfer im Gegensatz zum positiven Junggeselle.

Den Geschlechtern würden außerdem weiterhin bestimmte Eigenschaften zugeschrieben, so steht Einfühlungsvermögen für weiblich, Druck für männlich, ebenso sei Gymnastik eher weiblich und Fußball natürlich männlich. Auch seien fiese Beleidigungen oft weiblich und sexualisiert wie Hure, wobei die männlichen Pendants wie Weichei nicht so exzessive auf Sexualität abzielten. »Solche Bilder aus dem Kopf zu bekommen, ist schwierig. Man kann Sprache und Gesellschaft nicht auseinander dividieren, gesellschaftliche Änderungen schlagen sich immer in der Sprache nieder«, stellte Spieß klar. Auch die Werbung arbeite noch mit geschlechtsspezifischen Bildern, der Mann im Labor, die Frau mit dem Baby, obwohl sich hier ein Trend zum Besseren abzeichne.

»Sie-er« weitere Möglichkeit

Der Publikumseinwand, das Sternchen würde die Sprache verkomplizieren, entkräftete Spieß mit einer Studie, die keinen Unterschied in den Blickbewegungen gefunden hätte. Das Sternchen sei wohl eine Gewöhnungssache. Schwierig werde es bei Pronomen wie er, sie. Hier könne man mit die Person, Mensch oder ähnlichem umschreiben oder »sie-er« verwenden. »Das Sternchen verunsichert viele, sie haben Angst; dass altes kaputt geht. Aber es geht auch um Macht und um Diskriminierung«, vermutete Spieß.

Weiter kam die Frage, ob Gendern ein rein deutsches Problem sei, worauf Spieß erklärte: »Nein, auch Schweden, Italien oder Frankreich diskutieren ähnliches.« Im Englischen, das die Geschlechter nicht genauer spezifiziere, streitet man dagegen eher über Bilder, die Geschlechterrollen einseitig zeigten. Die Araber hätten das Problem, dass sie mit dem Geschlecht jedes Wort eines Satzes ändern müssten«.

Auch den Einwand, biologische wäre alles streng binär mit Wesen, die entweder XY-Chromosomen für männlich oder XX-Chromosomen für weiblich tragen, konnte Spieß widerlegen: »Die Biologen streiten sich seit Neuestem über die Anzahl der Geschlechter abhängig von der Länge der Chromosomen. Je nach Länge gebe es viele »Zwischengeschlechter« zwischen männlich und weiblich«.

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