1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Lich

»Westerwelle ins Amt gesoffen«

Erstellt:

gikrei_klk_LesungSolms3__4c
Hermann Otto Solms und Nathalie Burg bei der Buchpräsentation in Lich. © Schäfer

Das 81-jährige FDP-Urgestein Hermann Otto Solms las im gut gefüllten Licher Lokal Savanne aus seiner 450 Seiten umfassenden Autobiographie »Frei heraus. Mein selbstbestimmtes Leben«.

Lich (rrs). Bescheiden und zurückhaltend lächelnd sitzt Dr. Hermann Otto Solms, waschechter Licher, FDP-Urgestein und Vollblutpolitiker, am frühen Sonntagabend in dem nahe am Licher Schloss gelegenen afrikanischen Lokal Savanne neben der Licher FDP-Ortsvereinsvorsitzenden Nathalie Burg. Der 81-jährige kann auf ein vielschichtiges, bewegtes und mit politischer Arbeit ausgefülltes Leben zurückblicken, das er in seiner 450 Seiten umfassenden Autobiographie »Frei heraus. Mein selbstbestimmtes Leben« detailliert festgehalten hat und nun dem dicht gedrängten Publikum im rappelvollen Lokal während einer Lesung im Rahmen der Licher Kulturtage mit ruhigen Worten vorstellt. Über 50 Jahre FDP-Mitgliedschaft, 37 Jahre FDP-Abgeordneter im deutschen Bundestag, 26 Jahre FDP-Bundesschatzmeister, acht Jahre Fraktionschef im Bundestag, von 1998 bis 2013 Bundestagsvizepräsident und seit 2017 Bundestag-Alterspräsident sprechen für seine steile politische Karriere und das Mittragen vieler wichtiger Entscheidungen.

Nathalie Burg erzählt stets vorweg die Lebensereignisse, bevor dann Solms aus seinem Buch die passenden Abschnitte vorliest. Im Lokal ist es derweilen mucksmäuschenstill, denn es dreht sich nicht nur um Politik, die Ära Brandt, Kohl oder Merkel, sondern auch um Erfahrungen fernab von Bonn und Berlin.

Im November 1940, mitten im zweiten Weltkrieg, wurde Solms als letztes von fünf Kindern mit dem Titel Prinz zu Solms-Hohensolms-Lich geboren. Da sein Vater vier Monate vor seiner Geburt umkam, wuchs er vaterlos auf. »Meine bürgerliche Mutter war Unternehmerin im Familienbetrieb und sehr liberal, trotz den Kriegswirren hatte ich eine glückliche Kindheit. Da ich meinen Vater nicht kannte, habe ich ihn auch nicht vermisst«, blickt Solms zurück und liest dann vor, wie nach der Ausbombung Gießens im Dezember 1944 die chirurgische Uniklinik das halbe Schloss in Beschlag nahm, seine Mutter die Kranken pflegte und er oft an deren Betten saß. Zu seinen frühesten Erinnerungen zählt die Einfahrt von amerikanischen Panzern 1945 in Lich. »Das hat mich mehr geprägt als der Aufenthalt im Luftschutzkeller, verarbeitet habe ich das erst später. 1949 siedelte er neunjährig, eigentlich viel zu jung, ins Internat nach Ruhpolding um und sagt dazu »Das Gemeinschaftsleben dort gehört zu meinen schönsten Erfahrung, aber ich war ein schlechter Schüler. Dafür war ich im Stuhl-Kippeln mit 26 Minuten der Beste«. Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt und Gießen inklusive Promotion zog es ihn 1969 nach Kansas in die USA. Als er von der sozialliberalen Koalition von SPD-Kanzler Willy Brandt erfuhr, stand sein Entschluss, 1969 in die FDP einzutreten, fest. Gleichzeitig gründete er mit 70 000 DM ein Unternehmen für Videospielautomaten in Lich und kandidierte parallel 1976 erstmals für den Bundestag. Mit dem Einzug klappte es aber erst vier Jahre später.

Er begann seine politische Karriere als persönlicher Referent der damaligen Bundestagsvizepräsidentin Liselotte Funcke (FDP) und machte sich als Finanzpolitiker einen Namen in der Partei.

Mitunter agierte Solms auch in der Personalpolitik, aber dazu muss man wohl manchmal trinkfest sein. »Ich habe 1996 Guido Westerwelle ins Parlament gesoffen und war danach zwei Tage krank«, steht er heute zu seinen Taten. Er sah in Westerwelle, der nur auf einer Nachrücker-Position war, großes Potential. Um ihn ins Parlament zu bringen musste ein Abgeordneter aus NRW sein Mandat niederlegen. Solms heckte den Plan aus, Heinz Lanfermann den Posten eines beamteten Staatssekretärs im Bundesjustizministerium anzubieten, denn das ging mit seinem Mandat nicht zusammen. Zwei Saufabende in einer Bar zusammen mit Detlef Kleinert, besiegelten den Pakt, der Aufstieg Westerwelles war gesichert und die FDP schwamm in der Folgezeit auf einer Erfolgswelle.

Seit letztem September hat Solms 80-jährig die politische Weltbühne endgültig verlassen, seiner Partei aber bleibt er weiterhin treu mit den Worten »Es ist uns gelungen, die FDP als unabhängige Kraft der Freiheit und Selbstbestimmung im Bundestag zu etablieren«. Seine Familie und seine drei Töchter rücken nun in den Mittelpunkt und frohgelaunt scherzt er »Ich bin jetzt Rentner im ersten Probejahr - laut meiner Frau habe ich mich da bisher ganz gut geschlagen«.

Auch interessant