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Zwischen Heimat und Horizont

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Von: Rose-Rita Schäfer

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Pfarrer Bernd Apel fand bei seiner Predigt auch kritische Worte. Foto: Schäfer © Schäfer

Mit 66 Jahren geht Pfarrer Bernd Apel in den Ruhestand. Mit einem Festgottesdienst wurde er in Lich feierlich entpflichtet

Lich (rrs). Das berufliche Spektrum von Pfarrer Bernd Apel war breit gefächert, zehn Jahre wirkte er als Pfarrer in Reiskirchen, seit 2003 bekleidet er die Profilstelle Ökumene im Dekanat »Gießener Land« und seit 2006 ist er Geschäftsführer des von ihm ins Leben gerufenen »Rat der Religionen im Kreis Gießen«. Außerdem ist er christlicher Vorsitzender der »Christlich-Islamischen Gesellschaft in Gießen« und seit 2013 Vorsitzender der »Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Gießen-Wetzlar«.

Miteinander

Nun, mit 66 Jahren, verabschiedet er sich Ende September in den Ruhestand. Am Sonntagmittag fand im Rahmen eines Festgottesdienstes in der bis auf den letzten Platz besetzten Marienstiftskirche Lich seine Entpflichtung statt.

Begleitet vom Orgelspiel von Kirchenmusiker Christof Becker, betrat Apel zusammen mit Abderrahim En-Nosse von der Islamischen Gemeinde Gießen, Dekanin Barbara Lang vom evangelischen Dekanat Gießener Land, Pfarrer i.R. Dieter Sandori aus Grünberg, Diplom-Theologin Sophia Schäfer aus Mannheim, Propst Matthias Schmidt von der evangelischen Propstei für Oberhessen und Dekan André Witte-Karp vom evangelischen Dekanat Gießen die Kirche. Gemeinsam wurde der sich anschließende Gottesdienst zelebriert.

Nach der Begrüßung durch Dekanin Lang, die dankbar auf den Dienst Apels zurückblickte und sein Einstehen für das Miteinander aller Religionen hervorhob, legte Apel den Psalm 127 »Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen« aus. »Wie oft verrennen wir uns in selbst gemachte Pläne, werden unruhig, wenn etwas nicht klappt, wir sollten auf Gott vertrauen.«

Sophia Schäfer las anschließend aus Matthäus 6, 25-33: »Macht euch keine Sorgen um euren Lebensunterhalt, um Nahrung und Kleidung«, denn Leben sei mehr als das. Wichtiger sei es, nach dem Reich Gottes zu streben, dann würde sich alles wie von selbst ergeben. Bernd Apel widmete seine Predigt nicht einem Bibelspruch oder Psalm, sondern erzählte von seinem Lebensweg, der Entwicklung und Wandlung seines Glaubens. Als Pfarrer lebe man im Spannungsfeld zwischen »von Gott reden« und dem Eingeständnis von nicht können und nicht wissen. Es gelte, Gott mutig zur Sprache zu bringen aber gleichzeitig demütiges Staunen über ihn zuzulassen. Das sei wahres Christentum. Gerade in den nördlichen Ländern dieser Welt lebe es sich heute sehr gut ohne Religion, ohne einen Gott.

»Als ich 1975 das Abitur abgelegt habe, war noch fast jeder Kirchenmitglied. Trotzdem bröckelte auch bei mir das dogmatische Gottesbild, als ich in andere Religionen hineinschnupperte, Israel besuchte und eine erste Moschee erlebte. Aber mein Religionsspruch ›Gott der Herr ist Sonne und Schild‹ hat mich nie verlassen.«

Kritisch beleuchtete er die heutige Kirche und vermerkte, dass »Multikulti noch nicht wirklich Einzug« gehalten habe. Noch überwiege die Selbstbezogenheit. Für Apel ist das wirkliche Leben Begegnung. Für ihn gibt es nur den einen Gott, egal ob der jüdisch, islamisch, orthodox oder christlich ist. Deshalb arbeite er begeistert in der Ökumene mit.

»Alle Menschen leben zwischen Heimat (steht für die Gemeinde) und Horizont (steht für Ökumene), wo zwischen beiden Polen ein Beziehungsnetz entstehen sollte. Wir alle bleiben Sehnsuchtsmenschen über unsere Heimat hinaus«. Überzeugt ist Apel, dass der eine Gott mehr ist, als die Bilder, die wir uns von ihm machen. »Gott ist nah und doch so fern, er ist Glück und Segen, aber auch dunkles Schicksal. Wir können uns Gott nicht zu eigen machen«.

Probst Schmidt lobte Apels vielfältige Wege, bunte Projekte und den weiten beruflichen Bogen, den er gespannt hat, bevor er ihm die Entpflichtungsurkunde überreichte.

Nach einem kleinen Imbiss verabschiedeten sich Prominenz und etliche Honoratioren mit Grußworten aber auch Geschenken von Apel, darunter Landrätin Anita Schneider, Gießens Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher, Pastoralreferentin Carola Daniel für die katholische Kirche im Raum Gießen, Pastorin Sabine Bockel für die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Gießen-Wetzlar, Dow Aviv für die Jüdische Gemeinde Gießen, Pfarrer Wolfgang Grieb für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar, Dr. Halit Aydin für die Muslimische Gemeinde Gießen, Martin Braner für die Christlich-Islamische Gesellschaft Gießen, Hansa Ortac für die Jesidische Gemeinde Hessen und Pfarrer Israel Be Josef für die Syrisch-orthodoxe Gemeinde Pohlheim.

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Bernd Apel (l.) erhielt aus den Händen von Probst Matthias Schmidt seine Entpflichtungsurkunde. Foto: Schäfer © Schäfer

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