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Alte Schätze frisch verpackt

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Die neue Vitrine in der Heimatstube birgt viele alte Schätze . © Wißner

Die neue Vitrine in der Heimatstube Leihgestern ist eingeweiht. Sie bietet Platz für historische Fundstücke aus der Gemarkung und mehr.

Linden (twi). »Hier bleibst du nicht länger als du musst«, war der erste Eindruck, den der damalige Student Heinz Lothar Worm vor 55 Jahren von Leihgestern hatte. Aus Bad Wildungen zum Studium nach Gießen gekommen, fand Worm 1967 eine Studentenbude im heutigen Lindener Stadtteil - und ist hier geblieben. »Und jetzt will ich auch nicht mehr weg«, leitete er seinen Vortrag über Fundstücke aus der Leihgesterner Gemarkung ein. Zu diesem hatte der Heimatverein Leihgestern anlässlich der Einweihung seiner neuen Vitrine in der Heimatstube eingeladen.

Die kulturgeschichtliche Vergangenheit reicht weit länger zurück als jene 1217 Jahre, die der Ort als offizielles Alter aufgrund seiner urkundlichen Ersterwähnung 805 als »Leizgestre« in villa (802/817) des Codex Eberhardi im Kloster Lorsch angibt.

Die von der Seniorenwerkstatt Linden gebaute Vitrine ist für die Präsentation der ältesten Fundstücke der Gemeinde bestimmt und auch eine kleine Hütten erger Trachtenpuppe darf darin nicht fehlen. Hier finden sich Leihgesterner Funde aus der Altsteinzeit (600 000 bis 10 000 vor Christus), altsteinzeitliche Artefakte aus dem Mittelpaläolithikum (30 000 bis 40 000 vor Christus), Scherbenfunde aus der Jungsteinzeit und dem frühen Mittelalter. Und darauf kam auch Worm in seinem Vortrag zu sprechen, wobei es jedoch vor allem die zu Beginn berichteten ersten Begegnungen mit Leihgesterner Bürger waren, die gar manches Schmunzeln hervorriefen. »Das schlimmste Manko, den ich hatte: dass ich nicht in Leihgestern geboren bin«, räumte Worm ein, der noch Georg Heß in seinen letzten Lebenstagen erlebte. Und dieser drehte Worm stets demonstrativ den Rücken zu »weil ich kein Oberhesse bin«.

Funde im Gepäck

Und ebenjenen Vorwurf musste er sich in späteren Jahren anhören, als ihn längst schon der damalige Bürgermeister Dr. Ulrich Lenz gefragt hatte, ob er es sich nicht vorstellen könnte, das Heimatmuseum zu betreuen. »Sie sind ja nicht aus Oberhessen«, warf ihm Georg Heß Tochter Tilly, im Ort noch bestens als »Fräulein Heß« bekannt, vor. Da nutzte auch nicht der Hinweis, dass seine Vorfahren schon bei Luther lernten und an der Universität lehrten, als in Leihgestern keiner wusste, was eine Alma Mater überhaupt ist.

Johannes Eisermann (1486-1558), genannt Ferrarius Montanus aus Amöneburg war nicht nur der erste Rektor der Universität Marburg, sondern auch ein Vorfahre Worms. Und eben jener Eisermann war Student an der Uni Wittenberg, wo Luther ab 1513 lehrte.

Was Worm in seinen Anfangsjahren vor allem interessierte, war die ursprüngliche Sprache, der alte Dialekt. Und auch das Leben der Menschen in Oberhessen. »Es interessierte mich, wie die Leute früher gelebt hatten. Ich kannte noch rund ein Dutzend Trachtenfrauen im Ort und wenn man mal eine Trachtenträgerin im VW Käfer mitgenommen hat, das war gar nicht so einfach. So habe ich dann auch begonnen, Dialektwörter zu sammeln, wie etwa ›Krabbeleist‹ (Kleiderhaken) und ›Owerlepp‹ (Dachboden), habe Spinnstubenlieder gesammelt und mir diese von alten Leuten vorsingen lassen.«

Und dann packte Worm seine mitgebrachten Funde aus, ging auf die 7000-jährige Siedlungsgeschichte Leihgesterns und auf die in der Vitrine gezeigten, alle vom Hof Obersteinberg stammenden Funde ein. »Hier, wo heute der Ort ist, da war es früher sumpfig und keiner konnte hier leben. Besiedelt wurde der Ort wohl durch Bandkeramiker, die sich aus dem Donauraum ungefähr 5700 vor Christus aufmachten und innerhalb von 200 Jahren einen großen, kulturellen einheitlich und stabilen Siedlungs- und Kulturraum schufen. Funde der Bandkeramiker weisen für Leihgestern zwei große Besonderheiten auf. Der Leihgesterner Stil ist gekennzeichnet durch ein überproportionales Element von mit Kamm gezogenen Verzierungen, die besonders das Band betreffen und teilweise eine Komposition im Zusammenhang mit dem Rand zeigen. Das ausführende Gerät besaß meist zwischen zwei und vier Zinken und die Bänder sind charakteristisch als Winkel- oder Wellen-Bänder ausgeführt. Große Kerben sind ein weiteres Merkmal.

Grabbeigaben

Der älteste Fund in Leihgestern ist eine bandkeramische Siedlung, die im Bereich der Flur »Hardtäcker« bei Flurbereinigungsarbeiten im März 1914 entdeckt wurde. Es fanden sich Siedlungsgruben, Scherben, zahlreiches Feuer-Steingerät, Steine, Mühlsteinfragmente und Hütten. Die zeitliche Eingrenzung liegt bei etwa 5500 bis 5000 Jahre vor Christi.

Vermutlich zu dieser Siedlung gehörend, wurden bereits 1911 bei Fundamentierungarbeiten drei Körperbestattungen geborgen, die anhand der Grabbeigaben derselben Zeitstellung zugehören könnten. 1910 wurde ein merowingisches Reihengräberfeld mit mindestens 14 Einzelgräbern zutage befördert. Durch den nassen Untergrund hatten sich viele organische Funde bis ins 20. Jahrhundert erhalten. So wurden dabei Holzwerke, Holzgegenstände, Leuchter, Schemel, Totenladen und weitere Holzgegenstände aufgefunden. Weiterhin wurden Schmuckstücke, Keramik, Kämme, bronzene Beschläge, Waffen und ein römischer Silberdenar gefunden.

Die Nachbildungen dieser Holzgegenstände sind noch heute im Römisch-Germanischen Zentralmuseum Mainz zu bewundern. Und auch aus heutiger Sicht ist dieses Gräberfeld noch nicht vollständig entdeckt, da das Verhältnis von Männergräbern zu Frauengräbern zu unausgewogen war, wurden zwei Männer und zehn Frauengräber sowie zwei Kindergräber seinerzeit ausgehoben. Aber auch als das Baugebiet »Brautgarten« Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre bebaut wurde, wurde dort ein Gräberfeld aus der Zeit der Bandkeramiker entdeckt. Und weil ein solcher Fund auch damals bereits einen Baustopp verursacht hätte, wurde schnell alles wieder zugeschüttet, um weiterarbeiten zu können. Nur wenige Personen wussten davon. Dieses Gräberfeld lässt vermuten, dass die Bandkeramiker sich in Schafbachnähe niedergelassen hatten.

Eine weitere Bandkeramikersiedlung befand sich auf dem Gut Neuhof. Aufgefundene Bandkeramikscherben werden nun in der Vitrine in der Heimatstube ausgestellt.

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Lothar Worm ging auf die mitgebrachten Fundstücke ein. © Wißner

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