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Bewohnern droht Rauswurf

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Von: Frank-Oliver Docter

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Stiftungsvorsitzende Sabine Sommerlad (l.) steht mit ihren Mitarbeitern Rudolf Kirchner und Leane Remer vor einem der von zahlreichen Mietern bewohnten Gebäude, für das der Landkreis ein Nutzungsverbot ausgesprochen hat. Foto: Docter © Docter

Die Bauaufsicht des Landkreises Gießen moniert zahlreiche »Verstöße« bei Gebäuden der Lindener BuFu-Stiftung. Betroffen sind rund 70 sozial Schwache wie Studierende und Flüchtlinge.

Linden . Am Rande des Leihgesterner Wegs in Gießen befindet sich kurz vor der Brücke über die A485 hinter Bäumen versteckt ein Gebiet, von dem selbst mancher Einheimischer gar nicht wissen dürfte, dass es zur Stadt Linden gehört. In den Häusern mit den Adressen Am Bergwerkswald 2, 2a und 2b wohnen etwa 70 Studierende, Flüchtlinge mit Kindern und andere sozial Schwache, die hier von den günstigen Mieten des Eigentümers der Gebäude, der BuFu-Familienstiftung - die Abkürzung steht für »Bei uns, für uns« - profitieren. In dieser sonst eigentlich sehr ruhigen Gegend herrscht zurzeit große Aufregung. Die Bauaufsicht des Landkreises Gießen hat jetzt nämlich für mehrere auf diesen Grundstücken stehende Häuser ein ab Mai 2023 geltendes Nutzungsverbot verhängt. Dadurch droht allen Bewohnern, darunter 17 Kindern, der Rauswurf und eine sicherlich schwierige Wohnungssuche. Zudem könnte die Stiftung insolvent gehen und sind deren Arbeitsplätze in Gefahr.

Die Verzweiflung angesichts der Situation ist der Stiftungsvorsitzenden Sabine Sommerlad im Gespräch mit dem Anzeiger deutlich anzumerken. »Wie sollen das die Eltern ihren Kindern erklären?«, fragen sie und ihre beiden engsten Mitarbeiter Leane Remer und Rudolf Kirchner. »Es wird das zweite Mal sein, dass die Menschen flüchten müssen.« In der Hoffnung auf Unterstützung haben die Drei bereits Briefe an zahlreiche Vertreter aus Politik und von Gemeinden bis hin zur Landesregierung in Wiesbaden geschickt. Die Zeit drängt, spätestens bis zum heutigen Freitag soll die Stiftung der Bauaufsicht alle Mietverträge in den betroffenen Häusern vorgelegt haben.

Gewerbegebiet

Bei alldem gibt es jedoch ein großes Problem: Laut Flächennutzungsplan ist das komplette Areal seit langer Zeit als ein Gewerbegebiet ausgewiesen. Dennoch seien hier schon seit Mitte der 80er Jahre vom vorherigen Eigentümer »Wohnungen an Studierende vermietet und sogar beim Studentenwerk Gießen angeboten worden«, berichtet Sommerlad.

Dass die Kreis-Bauaufsicht jetzt so konsequent gegen die Wohnnutzung vorgeht, hat mehrere Gründe: »Auf den beschriebenen Grundstücken ist seit 2005 eine illegale Wohnsiedlung entstanden. Diese ist von zuvor einem illegalen Mehrfamilienhaus auf nunmehr vier illegale Mehr- und Einfamilienhäuser im Außenbereich Stück für Stück angewachsen«, antwortet man aus der Kreisverwaltung auf Anfrage dieser Zeitung. Und macht deutlich, dass »diese wiederholten und immer zahlreicher gewordenen Verstöße gegen das öffentliche Baurecht in dieser Gegend, einschließlich der Missachtung mehrerer Baustopps, mittlerweile ein Ausmaß angenommen haben, das ein Einschreiten der Bauaufsichtsbehörde dringend notwendig macht«.

Als »Verstöße« aufgeführt werden unter anderem der Umbau einer früheren Lagerhalle zu rund einem Dutzend Wohnungen, in denen nun Geflüchtete leben, die Errichtung eines »villenähnlichen Wohnhauses« und die offensichtlich schon vor über drei Jahrzehnten erfolgte »illegale« Aufstockung eines ehemaligen Bürogebäudes, dessen ungefähr 30 vor allem von Studierenden genutzten Wohnungen und Zimmer, darunter auch Wohngemeinschaften, »nie genehmigt wurden«, heißt es.

Ein Teil dieser Vorwürfe wird von Sabine Sommerlad nicht bestritten. So seien 2004 und 2018 tatsächlich Baustopps durch den Landkreis verfügt worden, gegen die man jeweils Widerspruch eingelegt habe. Mehrere Nutzungsänderungsanträge in all den Jahren seien allerdings jeweils negativ beschieden worden, »so dass die Bestandsgebäude entweder ohne gültige Baugenehmigung errichtet wurden oder Nutzungsänderungen ohne Genehmigung erfolgten«, ist dem versandten Brief zu entnehmen. Als Lösungsvorschlag für die aktuelle Situation wird ein Beschluss der Landesregierung angeführt, demnach »auf vereinfachtem Weg« Nutzungsänderungen vorgenommen werden könnten, um nach Vorgaben des Sozialgesetzbuches (SGB) »bezahlbaren Wohnraum für sozial schwache Familien und asylsuchende Flüchtlinge zu schaffen«. Darüber hinaus erhofft sich die Stiftung Unterstützung durch die Gemeinde Linden, um den Flächennutzungsplan zu ändern und das Wohnen auf dem Areal künftig zu erlauben.

Den betroffenen Bewohnern möchte der Landkreis »großzügige Auszugsfristen von einem Jahr gewähren, um sich legale Alternativwohnungen zu suchen«. Zugleich lässt man wissen, dass »die Lösung für Wohnungsmangel nicht eine sich immer weiter ausdehnende illegale Bebauung im Außenbereich sein kann, der vor Bebauung gesetzlich geschützt ist«. Bezüglich der Folgen für die Mitarbeiter sei »zu hoffen, dass der Eigentümer eine Tätigkeitsperspektive bietet, die über die illegale Vermietung von Wohnungen im Außenbereich hinausgeht«.

Inwieweit es bereits konkrete Pläne für die künftige Nutzung dieses Gewerbegebiets gibt, wie etwa Neuansiedlungen von Unternehmen, ist bislang nicht bekannt. Die Bauaufsicht verweist diesbezüglich auf »die Planungshoheit der Stadt Linden«. Aus dem Lindener Rathaus gibt es jedoch hierzu auf Nachfrage dieser Zeitung keine Auskunft.

Bis vor etwa zehn Jahren gab es noch das Vorhaben, zumindest einen Teil des Gebiets für die Schaffung einer Autobahn-Auf- und -Abfahrt zu nutzen. Doch diese Pläne wanderten dann bekanntlich wieder zurück in die Schublade.

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Diese zu Wohnungen umgebaute frühere Lagerhalle soll ebenfalls nicht mehr genutzt werden dürfen. Foto: Docter © Docter

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