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Charly liebt Autos

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Brigitte Schmidt hält überglücklich ihren Charly in den Händen. © Rieger

Charly liebt Autos, das brachte ihm eine vierwöchige Auszeit von Frauchen ein. Dennoch ließ es sich der Kater gutgehen.

Linden. Er ist alles andere als ein Herumtreiber. Vielmehr war er bislang dafür bekannt, zuverlässig in der Nähe seines Hauses in der Bahnhofstraße in Großen-Linden zu bleiben. Als Kater Charly aber kurz nach Weihnachten nicht mehr nach Hause kam, befürchtete seine Besitzerin Brigitte Schmidt bald das Schlimmste. Umso größer war die Freude bei ihr und ihrer Familie, den vierbeinigen Liebling einen Monat später wieder in die Arme schließen zu können.

Der 16-jährige Kater war Wochen nach seinem Verschwinden plötzlich in Dornholzhausen aufgetaucht, knapp sieben Kilometer von seinem Wohnort entfernt. Dank einer Suchanzeige auf eBay-Kleinanzeigen und einem hervorragend funktionierenden »Dorffunk« in Dornholzhausen konnte er identifiziert und seiner überglücklichen Besitzerin wieder übergeben werden.

Brigitte Schmidt erzählt: »Charly ist eine Mischung aus Türkisch Kurzhaar und Hauskatze. Er kam als junges Kätzchen 2006 zu uns und ist ein ganz ruhiger, genügsamer und verträglicher Typ. Er lässt sich gerne tragen und von jedem streicheln, ist verschmust und sehr zutraulich.«

Im Hause Schmidt teilte er sich die Zuwendungen der Familie mit den Katzen Käthy und Spike sowie dem Australian Shepherd-Rüden Sidney. Als Freigänger war der Kater meistens nachts unterwegs.

An Weihnachten ließ er es sich noch gut gehen, danach verschwand er spurlos. »In all den Jahren war Charly eigentlich immer nahe am Haus geblieben, er war höchstens und sehr selten mal zwei bis drei Tage weg. Man konnte sich darauf verlassen, dass er morgens im Hof saß. Er hatte es hier bei uns auch immer gut, warum sollte er weglaufen«, berichtet sein Frauchen.

Handwerker vor dem Haus

Sie vermutet, dass Charly, der für seine Vorliebe bekannt ist, gerne auch einmal in Autos zu springen, genau dies gemacht hat. »Gegenüber von unserem Haus ist gerade eine Baustelle, da stehen viele Handwerkerautos, bei denen immer mal die Schiebetüren aufstehen. Es kann gut sein, dass Charly in ein solches Auto reingesprungen ist und der Fahrer hat es nicht bemerkt.« Dadurch wurde Charly möglicherweise ganz unfreiwillig zum blinden Passagier und wechselte in unbekanntes Terrain.

Fakt war, dass der Kater verschwunden blieb. »Als er morgens nicht im Hof saß, dachte ich zuerst, dass er mal wieder um die Häuser zieht und am nächsten Tag wieder da ist. Nach ein paar Tagen hatte ich aber ein ungutes Gefühl«, bekennt Brigitte Schmidt.

Nachts konnte sie jetzt nicht gut schlafen und horchte immer, ob sie Charly vielleicht draußen hörte. Am 5. Januar stellte sie bei eBay Kleinanzeigen eine Vermisstenanzeige mit Fotos von Charly ein. »Wir haben auch Tierärzte angerufen und nachgefragt; mein Mann ist beim Gassi gehen mit Sidney besonders aufmerksam gewesen, und er hat mit dem Auto die Straßen bei uns in der Gegend abgefahren und den alten Kater gesucht.« Jedoch vergeblich. Es gab auf die Vermisstenanzeige Rückmeldungen, aber keine konkreten Hinweise auf den Verbleib von Charly.

Bis am Dienstagabend, EndeJanuar, ein vielversprechender Hinweis aus Dornholzhausen kam: »Bei uns in Dornholzhausen streunt eine Katze herum, die Ähnlichkeit mit Ihrer Katze hat«, schrieb Sarah Rau, die in der Straße ›Am Kesselberg‹ wohnt.

Sie erzählt: »Durch eine Verkettung günstiger Zufälle konnten wir Charly recht schnell wieder an seine Besitzerin übergeben.« Die Dornholzhäuserin hatte die Katze mehrfach in ihrem Hof gesehen: «Dort fraß sie die Näpfe unserer Katze, die immer draußen gefüttert wird, leer. Bald bemerkte ich, dass sie auch in unserer Scheune schlief und mich schon erwartete, wenn ich nachmittags von der Arbeit kam. Dann verlangte die Katze Futter.« Dies ging etwa eine Woche lang so.

Sarah Rau fragte derweil in der WhatsApp-Flohmarktgruppe von Dornholzhausen nach, ob jemand die Katze kennt oder vermisst. »Es kamen auch ein paar Rückmeldungen, das passte aber alles nicht.«

Schließlich postete sie die Anfrage noch in der örtlichen WhatsApp-Faschingsgruppe. Tini Grimm brachte die Suchanzeige bei eBay mit der Findel-Katze in Dornholzhausen schließlich zusammen. »Von der Kopfzeichnung her passte es sehr gut, wir glaubten, dass es der gesuchte Kater ist. Ich habe am gleichen Abend Kontakt zur Besitzerin aufgenommen«, erinnert sich Sarah Rau.

Für Brigitte Schmidt und auch für ihre beiden erwachsenen Töchter, mit denen sie sich über die sozialen Medien ständig über die unerwarteten Neuigkeiten austauschte, waren die paar Stunden, bis sie Gewissheit über Charlys Schicksal hatten, sehr spannend: »Wir waren total aufgeregt, ob er es wirklich ist. Als wir dann die Bilder gesehen haben, habe ich gleich gesagt, ›das kann nur Charly sein‹. Auch meine Töchter sagten, er ist es zu 99,9 Prozent. Wir konnten es kaum abwarten, ihn zu sehen.«

Angesichts seiner markanten Fellzeichnung war seine Identifizierung nicht allzu schwer. Am selben Abend um halb elf hatte die Lindenerin dann Gewissheit: Charly war wieder aufgetaucht. Sarah Rau hatte den Ausreißer vor seiner Abholung extra noch einmal angefüttert und dann eingefangen.

Gleich den Napf anderer geleert

Von ihr erfuhr Charlys Besitzerin dann, dass er »kein Kostverächter war und auch sehr gerne die Reste vom Futter der hofeigenen Katze gefressen hat.« Die erste Begegnung nach ziemlich genau einem Monat Trennung verlief relativ unspektakulär: »Ich habe ihn gerufen, er kam zu mir, als wäre er nie weg gewesen. ›Jetzt geht’s nach Hause‹, sagte ich ihm und setzte ihn in die Katzenbox«, schildert Brigitte Schmidt das Happy End.

In der ersten Nacht daheim hat sie ihn im Haus gelassen, »morgens wollte er aber schon wieder raus. »Unsere Freude war riesengroß, dass er wiedergefunden wurde, wir hätten nicht damit gerechnet und waren wirklich vom Schlimmsten ausgegangen«, resümiert sie erleichtert.

Den Monat als Vagabund hat der Katzen-Senior offensichtlich gut verkraftet: »Er wirkte überhaupt nicht ausgehungert, sondern gut ernährt wie immer. Er war schon immer ein geschickter Mäusefänger und ich glaube, er kann sich sehr gut selbst durchschlagen«, lobt ihn seine Besitzerin. Wieder daheim, wurde er gleich mit seinen Lieblingsleckerlis verwöhnt.

Im Hause Schmidt lebt zwischenzeitlich eine neue junge Katze, weil sie nicht geglaubt hatte, dass Charly noch einmal wiederkommt. »Trotzdem habe ich die Hoffnung nie ganz aufgegeben und immer den Gedanken gehabt, wenn er doch nochmal auftaucht, ihm selbstverständlich wieder ein Zuhause zu geben«, betont sie.

Nun ist die Lindenerin Chefin eines munteren Katzenquartetts. »Unser junger Kater Mailo und der alte Charly fremdeln noch ein wenig miteinander, aber das wird schon werden«, ist sie zuversichtlich. Ihr ausdrückliches Dankeschön geht an die Finder: »Wir sind wirklich glücklich, dass wir ihn wiederhaben, vielen lieben Dank.«

Auch Sarah Rau freut sich: »Es ist schön, dass es so schnell geklappt hat. Orientierungstechnisch war Charly völlig aufgeschmissen, er hätte von sich aus vermutlich nicht allein nach Hause gefunden«, meint sie und betont: »Es ist cool, dass wir durch unseren engen Dorfzusammenhalt diese Geschichte aufklären und zu einem guten Ende bringen konnten.«

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Charly hat jetzt ein neues Stief-Geschwisterchen. © Imme Rieger

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