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Das Älteste der Region

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In Scharen kamen die Besucher am 20. Juli 1952 zur Einweihungsfeier. Repro: Wißner © Thomas Wißner

Seit 70 Jahren gibt es das Hüttenberger Heimatmuseum, das Fachwerkgebäude wurde indes schon 1772 errichtet.

Linden (twi). Ob nun der Kirchturm oder das heutige Hüttenberger Heimatmuseum das bekannteste Gebäude des Lindener Stadtteils Leihgestern ist, darüber lässt sich hinlänglich streiten. Allerdings kann das seit nunmehr 70 Jahren als Heimatmuseum genutzte Gebäude in diesem Jahr ein ganz besonderes Jubiläum feiern, wurde das bekannte Fachwerk-Gebäude doch 1772 errichtet wie die Jahreszahl über der Eingangstür verrät und ist demzufolge 250 Jahre alt. Für Leihgestern hat das bekannte Fachwerk-Gebäude inmitten des alten Ortskerns eine vielfache Bedeutung, wurde es doch vor der Umwidmung zum Heimatmuseum ursprünglich als Rathaus der Gemeinde errichtet. In den 180 Jahren seiner Geschichte vor der Zeit als Heimatmuseum, war es Rathaus, Spritzenhaus, Dorfschule und diente auch als Notwohnung für Flüchtlinge.

Leihgestern Vorreiter

Obwohl 250 Jahre Gebäude und 70 Jahre Heimatmuseum gleich einen doppelten Anlass für eine Feier bieten, steht noch nicht fest, ob es eine solche gibt. Bei der Jahreshauptversammlung des Förderkreises Hüttenberger Heimatmuseum regte Ehrenbürgermeister Dr. Ulrich Lenz zwar an, das 70-jährige Bestehen anlässlich des Dorffestes in Leihgestern zu feiern. Doch wird es in diesem Jahr wohl kein Dorffest geben, weil nicht zuletzt Corona keine Planungen ermöglichte und diese Veranstaltung dann so kurzfristig nicht auf die Beine gestellt werden kann.

In einem Atemzug mit dem Hüttenberger Heimatmuseum zu nennen ist Museumsgründer Georg Heß, nach dem auch der Platz vor dem Museum und der gegenüberliegenden Heimatstube benannt wurde. »Schlicht ean aafach klingt doas Wertche, oawer schie eas doach u’s Neast; jedes Häusche hot sei Gärtche, ean die Leut sei näit vo geast« begann einst Georg Heß sein Gedicht über seinen Heimatort »Laastern«, um zugleich auch die Übersetzung dazu mitzuliefern. »Schön und einfach klingt das Wort, aber schön ist unser Nest, jedes Haus hat seinen Garten und die Leute sind nicht rückständig« ließ er die Leser im Leihgesterner Heimatbuch zur 1150-Jahrfeier im Jahre 1955 wissen. Und damit hatte er recht und drei Jahre zuvor selbst dazu beigetragen.

Mit der Eröffnung am 20. Juli 1952 war Leihgestern Vorreiter für eine Heimatmuseumentwicklung im heimischen Raum. Das Hüttenberger Heimatmuseum ist nämlich nicht nur ein Dorfmuseum, sondern das älteste Heimatmuseum der Region und zugleich ein Museum, das Ausstellungsstücke aus dem gesamten Raum des Hüttenbergs unter seinem Dach vereint.

Und im vergangenen Jahr wurde bereits mit der Digitalisierung der Ausstellungsstücke begonnen, um künftig dann auch virtuelle Besuche zu ermöglichen und das Museum für die Zukunft zu positionieren. Hierfür verantwortlich zeichnet der seit über drei Jahrzehnte mittlerweile als ehrenamtlicher Museumsleiter tätige Dr. Heinz-Lothar Worm, der auch an den Öffnungstagen - stets am ersten Sonntag eines Monats - wie auch für Führungen zur Verfügung steht.

Doch wie kam es überhaupt zu diesem Kleinod in Leihgestern und was ist im Museum zu sehen? Seit nunmehr fünf Jahren wird auf einer am Ende der Straße »Am Haanes« errichteten Tafel »Kulturhistorische Stätten im GießenerLand« auch auf das Hüttenberger Heimatmuseum verwiesen und Leihgestern als Wahrzeichen der Brauchtumspflege gelobt. Wegbereiter und Initiator war Georg Heß, der von alteingesessenen Laasternern auch »Stoarke Schosch« genannt wurde.

Seine Intention beschrieb er in einem selbst verfassten Beitrag im Heimatbuch und geht dabei auch auf die Geschichte des Gebäudes ein: »Das alte Rathaus diente schon lange Jahre seinem ursprünglichen Zwecke nicht mehr.

Aus Schandfleck wird Schmuckstück

Oft hörte man im Dorfe, daß es der Schandflecken von Leihgestern wäre und abgerissen werden müßte. Es kam der Zweite Weltkrieg mit seinen Folgen und unser Dorf wurde, wie alle anderen, mit Flüchtlingen belegt, so daß man im Rathaussaal eine Zwischenwand einzog und zwei Notwohnungen errichtete. Dann kam die Zeit, in der eine Erleichterung in der Wohnungsnot eintrat. Und nun wäre im Zuge der Dorfverschönerung vielleicht das Rathaus doch noch der Beseitigung preisgegeben worden. Da stellte ich (....) einen Antrag an den Gemeinderat, mir das alte Rathaus zur Herrichtung eines Heimatmuseums zur Prüfung zu stellen. Diesem Antrag stimmte die Gemeindevertretung stimmig zu, jedoch mit dem Hinweis, daß die Gemeinde kein Geld dafür habe, es in Ordnung bringen zu lassen. (...) Ich veranstaltete Werbeabende für den Aufbau des Heimatmuseums in den übrigen Ortschaften des früheren Amtes Hüttenberg und nahm den Erlös für den Ausbau. Ich wandte mich schriftlich und mündlich an alle Baufirmen in Gießen und Umgebung und erreichte so den Zuschuss für Baumaterial im Gesamtwerte von rund 4500 DM. Dann ging ich mit einem Antrag um Geldspenden an viele bekannte Firmen und Geschäftsleute und erreichte hiermit einen Barbetrag von etwa 4000 DM. Am 13. Januar 1952 begannen die Renovierungsarbeiten am alten Rathaus. (....) Nach und nach stellten alle Leihgesterner Handwerksmeister ihre Leute zur Verfügung: Maurer, Schreiner, Zimmerleute, Elektro-Installateure, Plattenleger, Bild- und Steinhauer und schließlich die Weißbinder. Sie leisteten eine Gesamtarbeit von über 2000 DM gratis. Auch Gießener Handwerksmeister hatte ich gebeten, etwas zu tun, und sie erreichten eine Arbeitsleistung von etwa 800 DM. Dazu kam noch, dass ich selbst 160 Tage in meinem alten erlernten Beruf als Weißbinder im Rathaus gearbeitet habe, was in Geld umgerechnet nach dem damaligen Arbeitslohn der Weißbinder allein 3400 DM ausmachte. Zwischendurch sammelte ich für die Ausgestaltung des Heimatmuseums notwendige Gegenstände wie Trachtenstücke und alte handwerkliche Geräte. Ich kann hier sagen, daß mein Aufruf an die Leihgesterner Bevölkerung um Stiftungen zum vollsten Erfolg geführt hat. (...) Währenddessen schritt die Arbeit am Rathaus (jetzt Heimatmuseum) frisch voran. Es war inzwischen der 20. Juli 1952 herangekommen, an dem unter großer Anteilnahme die Einweihung des Heimatmuseums stattfand. Ein stattlicher Festzug bewegte sich durch die Ortsstraßen und die Einweihung war ein voller Erfolg.

Am 10. Januar 1953, an meinem 65. Geburtstage, übereignete ich das Heimatmuseum der Gemeinde Leihgestern mit dem Vorhaben, dasselbe noch weiter auszubauen. An demselben Tage wurde ein Teil der Kirchstraße von der Gemeinde in »Am Heimatmuseum« umbenannt. Was ich versprochen hatte einzulösen, war mein ganzes Bestreben. So baute ich im Jahre 1954 den zweiten Stock aus, in dem die handwerklichen Geräte untergebracht sind. Möge das Heimatmuseum auch späteren Generationen noch viel Freude bereiten und möge es eine Pflegestätte heimischen Brauchtums werden.«

So wurde vor 65 Jahren aus einem Schandfleck ein Schmuckstück und auch weshalb nicht das komplette Fachwerk freigelegt wurde, erklärte Heß: »Der obere Stock wurde vom Verputz freigelegt und das hübsche Fachwerk wieder sichtbar gemacht. Bei dem unteren Stock war das nicht mehr möglich, weil ganze Wände inzwischen mit Mauerwerk unterfangen waren«. Jener Spruch »Lasset uns am Alten, soweit es gut ist, halten, doch auf dem alten Grunde, Neues schaffen zu jeder Stunde« auf einem Querbalken des Fachwerks sagt alles aus.

500 Einzelteile

1986 wurde das Museum einer gründlichen Außenrenovierung unterzogen, welche 1987 im Inneren fortgesetzt wurde. 1996 wurde der Vorplatz neu gestaltet und vis-a-vis eine Heimatstube angegliedert. Im Folgejahr fand die Umbennung des Museumsvorplatzes in Georg-Heß-Platz statt. Eine erneute Außenrenovierung erfolgte 2005 .

Im Museum finden sich auf 180 Quadratmetern 500 Einzelteile. Im Erdgeschoss sind unter dem Leitgedanken »Von der Saat zur Ernte« Arbeitsgeräte sowie ein Schlafzimmer des 19. Jahrhunderts untergebracht.

Weitere Ausstellungsbereiche dokumentieren mit historischen Geräten und Haushaltsgegenständen die bäuerliche Alltagskultur und das ländliche Handwerk. Im Obergeschoss ist die große Trachtenausstellung, die in großen Glasvitrinen lebensgroße Figuren mit echten Trachtenstücken präsentiert, und ein neu instand gesetzter Webstuhl untergebracht.

Eines der Schmuckstücke ist ein 1992 dem Museum von der damaligen Volksbank Leihgestern übereignetes Gemälde des Heimatmalers Karl Sümmerer. Dieser hat, zum damaligen Zeitpunkt keinesfalls absehbar, mit Marie Jäger die älteste Leihgesternerin (verstorben 2004 im 107. Lebensjahr) in Hüttenberger Tracht porträtiert.

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Museumsgründer Georg Heß. Repro: Wißner © Thomas Wißner
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Das Heimatmuseum ist ein echtes Kleinod. Foto: Wißner © Wißner

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