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»Das geht gar nicht«

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Kein Grün mehr: Norbert Bischoff und das Ehepaar Eichberger wollen keinen Riesenbau in der Sudetenstraße in Linden. Sie sind die Köpfe einer Bürgerinitiative. Foto: Weißenborn © Weißenborn

Die Entscheidung zum Großbau in Linden fällt bald. Daher meldet sich die Bürgerinitiative »Grüne Sudetenstraße« erneut zu Wort.

Linden. Ein sattes Grün - das fällt einem auf, wenn man in der Sudetenstraße in Linden den Blick von einem Balkon in Richtung Norden lenkt. Hier lebt es sich gut, aber nicht unbedingt ruhig wegen der nahen Bahntrasse. Der Bahnhof ist unterhalb einer Böschung zu finden. Seit 2019 kochen die Emotionen der Anwohner allerdings hoch. Seitdem wird ein Projekt heiß diskutiert, das für die Kleinstadt Linden ungewohnte Dimensionen aufweist.

Hin zur Bahn soll östlich der Sudetenstraße ein 300 Meter langer Gebäudekomplex mit 120 Wohnungen entstehen. Immerhin geschätzte 300 Menschen, die dort zukünftig leben, werden Lindener Neubürger. Dass die Gemüter erhitzt sind, dürfte klar sein. Verschwindet das Grün? Warum so ein großes Gebäude? Wie viele Menschen ziehen dort ein? Was ist mit dem Verkehr? Was bedeutet der weitere Zuzug für Linden? Der Charakter der Siedlung geht verloren, das steht bei einem modernen Riesenneubau fest.

In einer gemeinsamen Sitzung werden die Mitglieder von Bau- sowie Finanzausschuss am Montag, 27. Juni, in der Stadthalle die abschließende Empfehlungen zur Bauleitplanung und dem städtebaulichen Vertrag mit der Grekon 3 GmbH aus Lahnau geben.

Hinter dem Unternehmen stehen letztlich der bekannte Gießener Projektentwickler Daniel Beitlich und sein Kompagnon Martin Bender. Beide sind über den Gesellschafter Revikon GmbH beteiligt. Beitlich hatte das Projekt vom Gießener Architekten Felix Feldmann planen lassen.

Die anstehenden Beratungen nahm die 2019 gegründete Bürgerinitiative (BI) »Grüne Sudetenstraße« zum Anlass, noch einmal gegen das Großvorhaben öffentlich Stellung zu nehmen. Die Kommunalpolitiker sollten neu abwägen. Dazu hatten Christine Frank-Eichberger und Andreas Eichberger zusammen mit dem Umweltplaner Norbert Bischoff auf ihre Veranda in der Sudetenstraße 4 eingeladen. Sie sind die Köpfe der BI.

Nachdem das Vorhaben vor drei Jahren an die Öffentlichkeit gekommen war, wurde die BI gegründet und sammelte in einem ersten Schritt 1300 Unterschriften und jetzt erneut, weil die Umsetzung droht, in kurzer Zeit 800.

Nicht allein die Sudetenstraßen-Anwohner sehen im über 12 000 Köpfe zählenden Linden das Projekt kritisch. Eichberger ist vor kurzem SPD-Vorsitzender geworden. Seine Parteikolleginnen und -kollegen im Stadtparlament sind mehrheitlich gegen das Vorhaben. Doch die anderen Parteien möchten neuen, dringend benötigten Wohnraum schaffen und die vielfach geforderte Innenverdichtung umsetzen.

Im Garten der Familie Eichberger ist anfangs des Gesprächs gleich ein vorbeifahrender Zug hinter dem Haus lautstark zu vernehmen. Das neue Gebäude solle nur 5,60 Meter Abstand zur Bahntrasse haben, meint Bischoff. Als Gebäudebasis sind teils in die Böschung eingelassene Tiefgaragen vorgesehen, auf denen die eigentlichen Wohnungen entstehen. Wie es um den Lärmschutz der Anwohner dort steht, fragt sich der Umweltplaner. Gerade das für Immissionen zuständige Regierungspräsidium (RP) spiele eine fragwürdige Rolle. Ein offener Brief ist bereits an das RP gegangen, aber noch unbeantwortet geblieben.

Soziale Erosion befürchtet

Das Projekt stehe jedenfalls auf tönernen Füßen, weil die Lautstärke der Bahn großen Einfluss habe. Daran würden auch die Mini-«City-Hafen-Fenster« auf der Ostseite hin zur Bahn nichts ändern, die einen Flur abtrennen, indem sich die Wohnungszugänge befinden. »Die Fenster sind nicht mal zu öffnen.« Im Städtebau müssten aber nachhaltige und gesunde Wohnverhältnisse geschaffen werden. Bischoff, der auf der anderen Seite der Gleise in Leihgestern am Bahnhof lebt, geht davon aus, dass es eine »soziale Erosion« geben wird. »Das ist da zu laut und zu stickig.«

Er vermisst einen objektbezogenen und städtebaulichen Schallschutz und betont: »Kein Mensch würde an der Autobahn ein Haus bauen.« Auch ein Erschütterungsgutachten fehle, immerhin verkehrten hier täglich Dutzende von Zügen. Selbst wenn gebaut würde, würden im Bereich der Sudetenstraße weiterhin die Lärmimmissionswerte überschritten. »Und 300 Personen sind eine zusätzliche Belastung. Das ist eine Massierung. Nicht einmal die Einwohnerzahl im Mühlberg kommt hier mit. Die zunehmende Verstädterung bedeutet zudem für alle Lindener eine höhere Belastung. Die Nachverdichtung hat auch ein Limit.«

Wenn von Innenverdichtung,die Rede sei, denkt Bischoff unweigerlich an die idyllische Pferdekoppel gegenüber des Netto-Marktes in Leihgestern. Warum hier keine Wohnbebauung forciert werde, versteht er nicht. Die Stadt habe immer eine Alternative zu prüfen, das wäre eine.

Das Vorgehen des Architekten nannte er »scheinheilig«, denn der setze auf viele kleinere Wohnungen. Aber gerade in Linden fehle es massiv an Wohnraum für Familien. Städtebaulich sei der Verlust der Grünfläche besonders schmerzlich: »Wir alle wollen doch ein grünes Linden haben«, meinte Bischoff.

Noch heute klinge ihm im Ohr, dass Bürgermeister Jörg König (CDU) bei einem Ortstermin besorgten Anwohnern erklärt habe, dass das Grün nicht angerührt werde. Nun würden zwar einige Bäume mehr erhalten, doch wie sehe es wirklich aus, wenn die Bagger einmal anrollten. »Auf jeden Fall bleibt die Grünfläche nicht so bestehen wie heute.«

Und dass sie jetzt zukünftig als Parkanlage bezeichnet werde, sei ein Witz. »Ich hole mir ein Picknickdecke und mache dort ein Lagerfeuer«, witzelt der Umweltplaner. Eine Abstandsgrün sei im Übrigen nichts Besonderes, es sei in jedem Fall vorgeschrieben, fügt er hinzu.

Herber Verlust

Der Artenschutz werde im Projekt unzureichend berücksichtigt. »Das ist ein herber Verlust. Wo sollen Amsel, Drossel, Fink und Star unterkommen? Wo sind die Ausgleichsflächen für die Haselmaus?« Es sei schon peinlich, dass es vorher keine Bestandsaufnahme im Gebiet gegeben habe und nunmehr in den Abwägungen gefundene Arten wegdiskutiert würden.

Im Übrigen vertrage sich das Ganze nicht mit der Vision »Linden 2036«. Darin gehe es auch um öffentliche Grünflächen und Verzahnung. »Wo haben wir die denn? Warum wird an der Bahnstrecke entlang vom Bahnhof aus nicht an einen Fahrradweg Richtung Langgöns gedacht?«

Andreas Eichberger unterstreicht zuletzt, dass die Dimension des Projektes alles sprenge. »Das geht gar nicht. Das kann man den Menschen, die hier leben, nicht zumuten.«

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