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Erleichterung über Königs Rücktritt

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Von: Frank-Oliver Docter

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Durch die Entscheidung Jörg Königs (CDU) kommt es am 12. März zur Neuwahl. Foto: Wißner © Wißner

Lindens CDU-Bürgermeister zieht nach monatelanger harscher Kritik an seiner Arbeit die Reißleine. Somit kommt es am 12. März statt zum Bürgerentscheid über ihn zur Neuwahl des Rathauschefs.

Linden . Die Stadt Linden muss sich einen neuen Bürgermeister suchen. Der bisherige Amtsinhaber Jörg König (CDU) hat am Montagnachmittag die Konsequenzen aus der seit Monaten anhaltenden Kritik an ihm gezogen und in einer kurzen Pressemitteilung erklärt, »auf eine Entscheidung der Bürger über eine Abwahl zu verzichten«. In anderen Worten ausgedrückt hat der 55-jährige Jurist damit seinen sofortigen Rücktritt eingereicht. Und das auch per Brief an Stadtverordnetenvorsteher Fabian Wedemann (CDU). Somit steht fest, dass die Lindener am 12. März 2023 dazu aufgerufen sind, einen neuen Rathauschef zu wählen. Hätte König jetzt nicht von sich aus die Reißleine gezogen, hätte an diesem Datum der Bürgerentscheid über seine Zukunft als Bürgermeister stattgefunden. Die Amtsgeschäfte übernimmt bereits ab heute vertretungsweise der Erste Stadtrat Harald Liebermann (CDU).

Vernichtendes Zeugnis ausgestellt

Jörg Königs Rückzug nach fast neun Jahren an der Spitze der Verwaltung kommt gerade noch rechtzeitig, bevor ebenfalls heute die Frist dafür ausgelaufen wäre. Vergangene Woche hatten die Stadtverordneten parteiübergreifend nahezu einstimmig - mit 35 von 37 möglichen Ja-Stimmen bei zwei Enthaltungen - das Abwahlverfahren in die Wege geleitet. Bei der Sitzung des Stadtparlaments waren noch einmal alle Argumente für eine Ablösung des Amtsinhabers auf den Tisch gelegt worden, wobei ihm ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt wurde, das bis hin zu Vorwürfen der Inkompetenz und Überforderung reicht (der Anzeiger berichtete). Was genau ihn nun zu seiner Entscheidung bewogen hat, führte König in seiner Mitteilung noch nicht aus. In den nächsten Tagen wolle er aber eine schriftliche Stellungnahme folgen lassen.

Nach ihren ersten Reaktionen befragt, ist bei den Vertretern der Parteien vor allem Erleichterung zu spüren. »Spät, aber noch rechtzeitig hat er die Kurve gekriegt«, sagt Thomas Altenheimer über seinen Parteikollegen. Der CDU-Fraktionsvorsitzende ist König dankbar dafür, die Situation somit »nicht völlig eskalieren zu lassen«. Gudrun Lang, Fraktionschefin der SPD, zeigt sich »sehr froh darüber, dass er sich so entschieden hat«. Zumal König weder als Bürgermeister noch im Parlament Vertrauen genießen würde. Aus Sicht von Dr. Christof Schütz (Grüne) hat König letztlich doch noch »klug gehandelt« und mit seinem Rücktritt auch »Schande von sich und seiner Familie abgewendet. Wer weiß, was da noch gekommen wäre?«, sagt der Fraktionsvorsitzende und sieht den Zeitpunkt gekommen, wieder gemeinsam die Zukunft Lindens gestalten zu können.

Meric Uludag findet es derweil »gut, dass er diesen Schritt gemacht hat. Das zeigt Größe«. Wobei der Linken-Politiker Jörg Königs Entscheidung auch als »gut für die CDU« wertet. »Wenn er es durchgezogen hätte, wäre es zwischen ihm und der CDU zu einer Schlammschlacht gekommen«, so Uludag. Joachim Schaffer, Fraktionschef der FW, sieht den Schritt Königs, der damit den Willen der Stadtverordneten akzeptiere, auch als »Erleichterung für die Bürger«, denen somit die Abstimmung über seine Abwahl erspart bleibe. Lothar Weigel schließlich wünscht König »menschlich alles Gute«. Dieser sei seinen Aufgaben einfach »nicht mehr gewachsen« gewesen, urteilt der FDP-Fraktionsvorsitzende.

Viel Zeit für die Kandidatensuche bleibt den Parteien nicht. Wobei die meisten darauf verweisen, sich erst noch in Fraktions- oder Ortsverbandssitzungen hierzu beraten zu wollen. Einer, auf den wohl so mancher bereits getippt hat, lässt aber schon jetzt wissen, kein Interesse an einer Kandidatur zu haben: Thomas Altenheimer. »Ich bin es definitiv nicht«, betont der CDU-Fraktionsvorsitzende. Da aber im Hintergrund bereits Gespräche laufen würden, geht er davon aus, dass seine Partei »innerhalb der nächsten Woche ein erstes Statement abgeben wird«. Wer es nun von welcher Partei letztendlich auch immer sein wird, aus Sicht von Joachim Schaffer sei es ohnehin »keine sehr dankbare Aufgabe«, das Bürgermeisteramt zu übernehmen. Sollte im Übrigen am 12. März keiner der Kandidaten die nötige Stimmenmehrheit erreichen, würde am 2. April die Stichwahl folgen.

Harald Liebermann ab heute Vertreter

Harald Liebermann hingegen ist als Vertreter im Chefsessel des Rathauses bereits ab heute gefordert. Wobei der 69-Jährige hierfür schon reichlich Erfahrung mitbringt, denn er habe Jörg König in seiner Funktion als Erster Stadtrat auch schon in der Vergangenheit vertreten und stehe mit diesem »in regelmäßigem Kontakt«, erläutert Liebermann. Im Laufe dieser Woche wolle er sich mit Verwaltung und Fachdienstleitern absprechen und in die eine oder andere Fragestellung einarbeiten, in der er bislang noch so tief drin sei. »Ich werde aber nicht fünf Tage lang 40 Stunden anwesend sein«, stellt Liebermann klar, zumal der Rentner die Aufgaben des Ersten Stadtrats nur ehrenamtlich ausübe und auch seine zahlreichen anderen Ehrenämter weiterführen möchte.

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