1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Linden

Heimreise angetreten

Erstellt:

gikrei0907Glocke-Ausgang_4c
Nach 36 Jahren wurde die Glocke aus dem Rathaus getragen und wieder an die Kirchengemeinde abgegeben. Foto: Wißner © Wißner

Die Geschichte der »Großen-Lindener Glocke« hat zu bieten - und nun nach 36 Jahren auch ein gutes Ende.

Linden (twi). Ob nun Beute-Kultur oder Lokalposse, die Geschichte der »Großen-Lindener Glocke« hat von allem was zu bieten - und nun nach 36 Jahren auch ein gutes Ende.

Friedrich Schillers »Das Lied von der Glocke« gilt als Meisterwerk der deutschen Lyrik, die Glocken-Posse in Linden als Tiefpunkt bei der Entwicklung der Stadt Linden.

Diese war gerade neun Jahre alt, die Gräben zwischen den beiden Stadtteilen noch vorhanden und durch den Rathaus-Neubau nach der Stadthalle auf Leihgesterner Gemarkung nicht gerade förderlich für ein »Gemeinsam«.

Mit dem Rathausneubau und der im August 1986 erfolgten Einweihung einher ging der Verkauf des frei gewordenen Rathauses der Stadt Großen-Linden an die Kirchengemeinde, die wiederum dieses zu ihrem Gemeindehaus machte.

91 Jahre befand sich in jenem Türmchen des heutigen evangelischen Gemeindehauses, das aktuell saniert wird, die 1895 gegossene Glocke. Diese war einst Schulglocke, wurde zu Obst- und Holzversteigerungen wie auch zu Verkündigungen in Zeiten der Verwaltung geläutet. Zuletzt war die Glocke noch bei standesamtlichen Trauungen zu hören.

Allerdings war ihr letzter Einsatz bei einer Trauung 1986 nicht von Erfolg gekrönt, musste doch seinerzeit noch mit einem Seil geläutet werden, und dabei fiel der Schlegel aus der Glocke und schlug nur knapp neben Erwin Stein ein, der die Glocke läutete. Seitdem war der Schlegel verschwunden.

Unmittelbar vor dem Eigentumsübergang des Großen-Lindener Verwaltungsgebäudes der Stadt Linden von Stadt auf Kirchengemeinde kam es dann zu jener Posse, die für große Verstimmung sorgte und Schaden anrichtete.

»Nacht-und- Nebel-Aktion«

In einer »Nacht-und-Nebel-Aktion« hatte der damalige Bürgermeister Dr. Ulrich Lenz einen in Leihgestern beheimateten Bauhofmitarbeiter beauftragt, die Glocke ins neue Rathaus zu bringen.

Gerade mal neun Jahre nach Entstehung der Stadt Linden durch einen als Zwangszusammenschluss empfundenen Verwaltungsakt, war für alteingesessene Großen-Lindener der »Diebstahl« nicht das eigentliche »Verbrechen«, sondern die Tatsache, dass eine Großen-Lindener Glocke nun auf Leihgesterner Gemarkung steht.

Die »Rathaus-Kröte« war schon schwer genug zu verdauen, aber jetzt auch noch eine Glocke jenseits der Bahnline, das durfte einfach nicht sein. Kirchenvorstandsvorsitzender Artur Steinmüller und Pfarrer Howard Gedrose intervenierten lautstark und forderten die Glocke zurück, doch wer den heutigen Ehrenbürgermeister kennt, der weiß, dass dieser »knallhart in der Sache« auf- und diese auch so vertreten kann. Nichts war mit der Rückgabe, erhielt die Glocke im Foyer des neuen Rathauses gleich im Eingangsbereich einen Ehrenplatz.

Mit der zu Beginn des Jahres begonnenen Sanierung des Gemeindehauses und des geplanten barrierefreien Umbaus des Rathauses fügten sich nun zwei Ereignisse, die dazu führten, dass Bürgermeister Jörg König selbst mit anpackte, um die Glocke wieder der Kirchengemeinde zurückzugeben.

Diese vertrat stets den Standpunkt, dass die Glocke miterworben wurde beim Kauf, doch wie so oft fand sich im Vertragstext dazu kein Hinweis.

Der Magistrat entsprach dem erneuten Ansinnen des Kirchenvorstands und so war es der Vorsitzende des Bauausschusses der Kirchengemeinde, Jürgen Herold, der mit seinem roten zwölf PS starken Porsche-Traktor mit Anhänger zur Rückholaktion der mittlerweile 127 Jahre alten Glocke am Rathaus vorfuhr.

Diese von ihrem angestammten Platz nach 36 Jahren zu holen, erwies sich als nicht gerade einfach, und doch gelang dies mit vereinten Kräften, war auch Kirchenvorstandsmitglied und langjähriger Hauptamtsleiter Hans Ulrich Heymann mit dabei, der die »Glocken-Posse« noch miterlebt hatte.

Im sanierten Gemeindehaus soll die Glocke dann einen Ehrenplatz erhalten. Als es im vergangenen Jahr darum ging, die Sanierung mit dem Denkmalamt abzustimmen, da legte dieses sein Veto gegen den Abriss des Türmchens auf dem Gemeindehaus ein.

Dies war zugleich dann auch der Anlass der Kirchengemeinde, doch noch einmal bei der Stadt vorstellig zu werden, die Glocke zurückzuholen.

Bürgermeister König stand dem Ansinnen positiv gegenüber, denn eine Zukunft hätte diese an jener Stelle nicht mehr gehabt, gibt es doch Überlegungen, hier einen Aufzug einzubauen, um ein barrierefreies Rathaus zu schaffen.

Auch interessant