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»Ich blickte genau in die Armbrust«

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Ein 47-jähriger Gießener Reichsbürger steht wegen versuchten Totschlags vor Gericht. Er bedrohte Polizisten mit einer Armbrust.

Linden (ww). An der Tat war nicht zu rütteln, sechs Beamte waren dabei. Ein 47-Jähriger Gießener richtete eine geladene Armbrust am 7. September des Vorjahres auf zwei Polizeibeamte. Im Gemenge löste sich ein Schuss, der glücklicherweise nur eine Wohnungsdecke in Mitleidenschaft zog. Es gab nur Miniblessuren. Der jetzt Angeklagte, der amtlich zur Gruppe der Reichsbürger gezählt wird, muss sich seit Mittwoch vor der fünften Großen Strafkammer des Landgerichts unter der Vorsitzenden Regine Enders-Kunze wegen versuchten Totschlags, Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte und illegalen Waffenbesitzes verantworten.

Er selbst bestritt die Tat nicht, ließ aber von seinem Anwalt Dr. Ulrich Endres erklären, dass er mit Einbrechern gerechnet habe.

Der Frankfurter Rechtsbeistand des Gießeners ist kein Unbekannter, hatte er doch den Mörder und Entführer von Jakob von Metzler einst verteidigt. Schon bei seiner Festnahme sprach der Angeklagte von seinen psychischen Problemen, womöglich einer Angststörung. Ein Gutachter wird allerdings erst am kommenden Mittwoch, 9. März, ab 9 Uhr in der Fortsetzungsverhandlung zu dessen seelischen Zustand Stellung nehmen.

Öfter aufgefallen

Bereits der Stadt Linden war der Mann aufgefallen, weil er seine deutsche Staatsangehörigkeit in Zweifel zog. Auch die Justiz musste sich bereits mit dem Sonderling beschäftigen, dem ein Strafbefehl wegen versuchten Betruges ins Haus flatterte, weil er einen Jagdkurs nicht bezahlt hatte. Gegen den Strafbefehl legte er Einspruch mit der Begründung ein, dass er als Reichsbürger solche »Verträge« nicht eingehen könne.

Er wurde später erneut wegen versuchten Betruges auffällig, nachdem er eine weitere Armbrust bestellt hatte und für deren Bezahlung einen Überweisungsträger fälschte. Er gab dem Händler das Konto seines ehemaligen Arbeitgebers, eines Versandhändlers, an. Während der Ermittlungen wurde zudem festgestellt, dass er den Behörden die Adresse eines Namensvetters angegeben hatte. Da diese Armbrust bereits eine illegale Waffe darstellte, beantragte die Staatanwaltschaft die Hausdurchsuchung im vergangenen Jahr.

Vorab hatte ein Polizeibeamter, der am Mittwoch vor Gericht als Zeuge gehört wurde, ausgekundschaftet, wann der Reichsbürger täglich seine Wohnung verließ. Am 7. September wollte man seiner vor dem Haus habhaft werden, doch es kam anders.

Der Angeklagte ließ sich nicht blicken, sodass ein Sextett an Behördenvertretern vor seine Wohnungstür im Doppelhaus im Lindener Stadtzentrum zog. Dort war es im Dachgeschoss so eng, dass nur zwei Beamte direkt vor der Tür Platz fanden, die anderen standen auf den Treppenstufen.

Im Prozess geht es auch darum, ob der Armbrustträger erkennen konnte, dass es sich um Amtsträger handelte. Ein 37-Jähriger und sein 35-jähriger Kollege sagten deutlich, dass sie zwar in Zivil unterwegs gewesen seien, aber Schutzwesten mit Polizei-Ausdruck trugen. Einer der beiden Beamten erklärte zudem, dass er damals eine gelbe Armbinde mit der Aufschrift Polizei trug.

Sein 37-jähriger Kollege hielt ein Plexiglas-Schutzschild mit dem Aufdruck Polizei vor sich. Neben einem Vertreter des Staatsschutzes war damals auch ein Gerichtsvollzieher anwesend, der parallel zur Durchsuchung eine Vollstreckung vollziehen wollte.

Der Einsatz drohte jedoch zu platzen, da zunächst nach dem Klingeln und dem Ruf »Hausverwaltung« niemand aufmachte und auch aus der Wohnung nichts zu hören war.

Als die Gruppe gerade abziehen wollte, sah ein Beamter von der Treppe aus am Bodenspalt der Tür einen Schatten. »Die Tür öffnete sich und ich blickte genau auf die Armbrust«, betonte der 37-jährige Frontmann. Er presste sofort das Schild gegen den Aggressor, rief zusammen mit seinem Kollegen »Polizei« und trieb ihn nach hinten durch den Flur. Sein 35-jähriger Kollege, gleich hinter ihm, drückte den Arm mit der Waffe an die Wand, sodass diese nach oben schaute. Dabei löste sich der Schuss. Der Polizeibeamte mit dem Plexiglas-Protektor schilderte unter anderem, dass der Reichsbürger versucht habe, die Armbrust über die Kante seines Schutzes nach unten zu drücken, aber sein Kollege dies verhindert habe.

Durch den Flur wurde der 47-Jährige in Sekunden in sein Wohnzimmer getrieben. Hier fielen alle auf den Boden. Der Reichsbürger, nur mit Unterhose bekleidet, wurde dann widerstandslos gefesselt. Der jüngere Beamte erinnerte sich, dass der Angeklagte verwirrt gewesen sei und aussagte, dass er mit Einbrechern gerechnet habe.

Am Fortsetzungstermin stehen noch die Einlassung des psychologischen Gutachters und die Plädoyers an, bevor das Urteil gefällt wird.

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