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Kein temporäres Päuschen

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Selbst wenn der Lindener Forst aus der Bewirtschaftung genommen würde, müssten unter anderem Verkehrssicherungspflichten wie hier an einer der Wald-Kitas wahrgenommen werden. © Wißner

Lindens Grüne wollten den Lindener Wald zwei Jahre aus der Bewirtschaftung nehmen. Das fand keine Mehrheit im Finanzausschuss.

Linden (ww). In Linden wird nächste Woche am Faschingsdienstag der Doppelhaushalt verabschiedet. Im Finanzausschuss wurde dazu von den Grünen um Dr. Christof Schütz ein Antrag behandelt, in dem es darum ging, dass im arg strapazierten Stadtwald eine zweijährige Pflegepause eingelegt werden sollte.

Die Grünen konnten sich damit nicht durchsetzen, nicht zuletzt, weil der zuständige Förster Jörg Sennstock Bedenken hatte. Dagegen lebte eine ältere Angelegenheit, die Idee einer Umgehung Linden West, wieder auf. Um die Ortsdurchgangsstraßen zu entlasten, war angedacht worden, den Durchlass der A 485 in Höhe der Bowlingbahn im Gewerbegebiet Lückebachtal zu nutzen, um dann entlang der A485 einen Anschluss an die L 3129 nach Lützellinden zu erreichen.

Frank Hille (CDU) hatte kürzlich Bürgermeister Jörg König nach dem Sachstand gefragt und dabei war herausgekommen, dass die Studie bisher nicht beauftragt wurde, obwohl bereits Geld in älteren Haushalten dafür bereitgestellt worden war.

Für Gudrun Lang (SPD) sprach nichts dagegen, diese Studie endlich zu beauftragen. Für die Grünen machte Dr. Christof Schütz deutlich, dass seine Fraktion schon als die Idee aufkam, gegen das Vorhaben gestimmt habe und es auch heute nicht für sinnvoll erachte. »Wir machen hier einen Schritt, den die Grünen nicht mitgehen wollen.«

Thomas Altenheimer (CDU) erklärte, dass es nicht um eine neue Straße gehe, sondern eine Baustraße entlang der Autobahn gemeint sei, die bereits bestehe und nur verbreitert werden müsste. Damit könnte die Frankfurter Straße entlastet werden. Es sei ihm schon klar, dass Schütz das »Gewerbegebiet Pfaffenpfad trapsen« höre, doch das Projekt sei völlig unabhängig davon.

Dr. Barbara Ibe von den Grünen plädierte dafür, die CO2-Ziele einzuhalten. Das gehe nur durch weniger Verkehr. Wenn der Fahrradweg von Hüttenberg nach Linden umgesetzt sei, dann könne man daran denken, auf der Baustraße eine Fahrradumgehung in Richtung Gießen zu schaffen. Letztlich wurde der CDU-Antrag, die Gelder für eine Machbarkeitsstudie wieder im Etat bereitzustellen, mehrheitlich empfohlen.

60 Hektar nicht mehr genutzt

Die Pflegepause, die sich die Grünen für den Wald in Linden wünschen, kommt nicht. Förster Sennstock sah keinen Nutzen darin. Seiner Expertise folgte die Mehrheit der Ausschussmitglieder. Sennstock umriss zunächst den Wert des Waldes. Er stellte fest, dass das Refugium vor Ort als Laufstrecke, für Spaziergänge und Waldkindergärten genutzt werde. Hier gebe es Frischluft und es werde CO2 gebunden. »Wir tun etwas für den Natur- und Artenschutz. Es wird gejagt. Es ist eine Menge los, jeder weiß das. Es gibt hier auch viele Wildschweine.«

Schon jetzt habe man 15 Prozent der 380 Hektar Wald aus der Bewirtschaftung genommen. Das seien immerhin 60 Hektar. »Da machen wir nix mehr.« Dennoch stelle die Gesamtfläche eine enorme Arbeitsherausforderung dar. Neben der Holzgewinnung sind es die Pflege und die Verkehrssicherungspflichten. Laufend müssten Wege geprüft werden, damit den Waldnutzern nichts auf den Kopf falle. Besonders sensibel sei hier der Bereich der Waldkitas. Es gebe zudem Aufforstungspflichten im Wald. Die Fichten hätten brutal gelitten. Der Borkenkäfer habe immensen Schaden hinterlassen.

All das koste Geld. Es wäre ohne Holzverkauf ein größeres Minusgeschäft, da allgemeine Kosten und viele der genannten Arbeiten auch in einer Atempause weiter anfielen. Allein Versicherungen würden 20000 Euro jährlich verschlingen. All das werde durch den Holzverkauf finanziert, aber es sei auch wichtig, dass man liefere. Pro Kopf würden in Deutschland jährlich immerhin 1,4 Kubikmeter Holz verbraucht. Das seien auf Linden bezogen dann rund 15000 Kubikmeter. Dieses Volumen sei durch die weniger wertvollen Kronen der gefällten Bäume gedeckt, die abgegeben würden.

Eine Waldnutzung sei sinnvoll, denn mittelfristig würde das Holz in Möbel und Innenausbau investiert, aber natürlich auch zum Heizen genommen. Sennstock findet, dass die gerade wegen Feinstaub in Verruf geratenen Pelletheizungen weitergefördert werden müssten.

Förster: Fortführung ist sinnvoll

Die Pflege des Bestandes sorge für CO2-Bindung. »Ich halte es für sinnvoll, weiter zu machen zum Wohle aller.« Das sei »ökologisch, ökonomisch und die Fortführung eines Generationenvertrages.« Katrin von der Decken erklärte allerdings, dass der Antrag »eine Reaktion auf die Veränderungen im Wald« sei, denn er »ist so, wie er war, nicht gesund. Wir müssen etwas ändern, es gibt kein »weiter so«. Die Gesamtperspektive sei ein bisschen zu verschieben. Das Spannungsfeld zwischen Natur und Arbeitsschutz und Wirtschaft sei eine althergebrachte Sichtweise.

»Bei unserem Antrag geht es darum, innezuhalten, dem Wald Zeit zu geben, Jahre zu verarbeiten, die hart waren.« Es gehe um mehr Flexibilität und darum, den »wirtschaftlichen Druck herauszunehmen.« Die Grünen wünschten sich auch einen höheren Stilllegungsanteil, anstatt 15 wären es 20 Prozent. Gerade die Eichen müssten aus der Nutzung herausgenommen werden. »Wir wollen nichts Grundlegendes ändern, sondern dem Wald Zeit verschaffen.«

Burkhard Nöh (CDU) wollte wissen, was eine Nutzungspause für Folgen habe: »Eventuell immense!?« Es gebe dann immer mehr Totholz und mehr Verkehrssicherung. Das sei wenig sinnvoll. Als Förster nehme er für sich in Anspruch, auch nachhaltig zu agieren. »Ich würde mich scheuen, Bäume umzuhauen, die dann im Ganzen als Brennholz verschwinden«, betonte Sennstock.

»Ich habe schon gedacht, Sie grüßen mich nicht mehr, nach dem Antrag«, freute sich Christof Schütz, der Fraktionsvorsitzende der Grünen. Er schätzt wie viel andere den engagierten Lindener Förster und wusste bereits, dass der Antrag der Grünen eine Provokation sein könnte.

Schütz: Wir haben das Geld

Es sei klar, dass Sennstock weiterhin seine Arbeit erledige. »Wir wissen, dass das Geld kostet, aber wir haben das Geld, um dem Wald eine Pause zu gönnen. Es muss nichts aus dem Holzverkauf gedeckt werden.«

Thomas Altenheimer (CDU) sprach von einem »begnadeten Fachmann«, den man für den Lindener Forst habe: »Für mich ist entscheidend, was die Fachleute sagen. Die Nutzung von heimischem Holz vor Ort halte ich für nachhaltig.« Er sprach von gut gemeinter Symbolik, die aber Nützliches unterbinde. Wenn urwaldähnliche Strukturen im Wald entstünden, mag das ja Sinn machen, aber »bei uns ist das zu weit gedacht.«

Und dass Förster Sennstock »aus drittbegünstigter Raffgier Eichen rausholt, das traue ich ihm nun wahrlich nicht zu.« Schütz wiederum meinte, dass es um ein Signal gehe. Die Waldbewirtschaftung müsse zukünftig in eine andere Bewirtschaftungsform überführt werden, »das machen dann aber lieber andere«, zeigte er sich enttäuscht, dass die anderen Fraktionen nicht dem Vorschlag der Grünen folgten.

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