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Linden: 1,4 Millionen Euro fließen in Gemeindehaus

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Umfangreiche Sanierungsarbeiten stehen am evangelisches Gemeindehaus Großen-Linden an. © Wißner

Am 17. Januar beginnen in Linden die Umbauarbeiten. In Großen-Linden werden 1,4 Millionen Euro in das evangelische Gemeindehaus investiert.

Linden (twi). »All Ding auf Erd vergänglich ist. Allein Dein Wort Herr Jesu Christ bleibt war bestendig und gerecht ob schon die Welt dasselb verschmacht wer Christo glaubt und ihm vertraut der hat weislich und wohl gebauwt«, heißt es in Großbuchstaben auf der Südseite des evangelischen Gemeindehauses Großen-Linden. Wie wahr, denn einmal mehr wird sich das Gebäude optisch verändern, wenn am 17. Januar nun endlich die Sanierungs- und Umbauarbeiten beginnen.

Aktuell werden fleißig Umzugskartons gepackt, wird doch in der kommenden Woche der Umzug von Gemeindebüro und dem Büro der Pfarrerin ins Pfarrhaus in die Bahnhofstraße 3 erfolgen. Rund 1,4 Millionen Euro werden die nun anstehenden Arbeiten kosten, wobei sich hier auch die lange Vorbereitungszeit seit 2017 und die zwischenzeitlich erheblich gestiegenen Material- und Arbeitskosten negativ auswirken.

Viereinhalb Jahre Wartezeit

Bereits seit September 2017 ist das Gemeindehaus von einem Schutzgerüst umgeben und doch dauerte es nun fast viereinhalb Jahre bis mit den Sanierungs- und Umbauarbeiten an einem der markantesten Gebäude der Stadt beginnen können. Rund eineinhalb Jahre werden die Arbeiten dauern und danach wird sich einiges verändert haben an jenem Gebäude, das gemäß einer in Großen-Linden umlaufenden und im hessischen Staats- und Adressenkalender von 1789 verzeichneten Sage von den Tempelherren im 13. Jahrhundert erbaut worden ist.

Im Laufe der Zeit wurde das Haus innen und außen vielfältig verändert, hat jedoch als Ganzes bis auf den kleinen Anbau von 1987 seine Gestalt behalten. Und eben jener Anbau wird nun komplett abgerissen und durch einen rund 60 Quadratmeter großen Anbau, der sich über die gesamte Breite des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes erstreckt, ersetzt. Vor allem als »altes Rathaus« ist das heutige Gemeindehaus vielen noch ein Begriff, doch diente das bis in die gotische Zeit zurückgehende markante Fachwerkgebäude wohl ursprünglich als Zehntscheune des Landgrafen mit einem Zimmer im Oberstock, in dem die Ratsherren tagten.

Direkt hinter dem Eingangssatz findet sich ein weiterer Schriftzug, der darauf schließen lässt, als sei das Haus am 10. Juli 1611 erbaut worden, heißt es dort: »Aufgericht den 10.Dag IVLII Anno Domini 1611«. Vor 411 Jahren wurde das Haus vollständig umgebaut und auf dem massiven Sockel- und Erdgeschoss ein Obergeschoss in Fachwerkbauweise errichtet. Noch heute befindet sich ein Stück mittelalterlichen Mauerwerks an der Südwestecke des Sockels. Die Balkenlagen ruhen auf je zwei Unterzügen, deren Stützen beseitigt sind.

Der bekannte Frankfurter Illustrator, Genre- und Landschaftsmaler Jakob Fürchtegott Dielmann (1809-1885), der als Mitbegründer der Kronberger Malerkolonie gilt, hat während einer seiner Studienreisen an die Lahn 1838 das Gebäude gezeichnet. Jene Zeichnung findet sich im Frankfurter Städel, einem der bedeutendsten und bekanntesten Kunstmuseen in Deutschland. 1848 wurde das Gebäude umgebaut und diente bis 1934 als Schulhaus, in dem vier Klassen untergebracht waren. Im Speicherstock befanden sich die Amtsräume des Gemeinderates. Der Dachstuhl wurde wesentlich verändert und ein kleiner Turm für die Schulglocke darauf errichtet. Es folgte nachfolgend eine 52-jährige Nutzung als Rathaus.

Am 3. März 1986 verkaufte die Stadt das Gebäude an die Kirchengemeinde samt Grundstück für 165 000 Euro. Der Umbau 1986/87 zum Gemeindehaus samt Anbau kostete die Kirchengemeinde 380 000 Euro. Gravierendster Eingriff seitdem war 1995 die Giebelrenovierung infolge falscher früherer Renovierung und Witterungseinflüssen. Zur Erhaltung der Substanz musste die ortsbildprägende Fachwerkfassade auf der Westseite durch Natur-Schieferplatten gesichert werden. Künftig wird so auch das Fachwerk auf der Nord- und Ostseite mit Natur-Schieferplatten bedeckt, bleibt einzig und allein das Fachwerk an der Südseite unbedeckt.

Gefahrenquellen

Es waren auch jene Schieferplatten vom Glockentürmchen und Kamin, die dafür sorgten, dass 2017 ein Bauzaun um das Gebäude errichtet wurde, weil sich Gefahrenquellen auftaten. Eine bei einem Wettenberger Architekturbüro in Auftrag gegebene Bestandsuntersuchung ergab eine marode Dachbedeckung bei einem intakten Gebälk, das nur zu einem geringen Teil sanierungsbedürftig ist. Mit der Dachuntersuchung einher ging eine Komplettuntersuchung des Gebäudes, wobei das Fachwerkgebälk auf der Südseite mit dem bekannten Schriftzug zwar gut aussieht, aber insgesamt in einem schlechten Zustand ist. Das Tragwerk ist hier angegriffen, weil Feuchtigkeit ein- aber nicht abzieht.

Die erforderliche Sanierung musste nicht nur mit der Kirchenleitung der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in Darmstadt und dem Amt für Denkmalschutz abgestimmt werden, sondern bei der geplanten Sanierung auch die von der EKHN aufgrund der weniger werdenden Gemeindeglieder vorgegebene Reduzierung der Versammlungsfläche berücksichtigt werden. Während in Kirchenvorstand und Bauausschuss Überlegungen gemacht wurden, wie die Versammlungsfläche reduziert werden kann, fand eine Brandschutzbegehung statt.

Kein Notausgang im Dachgeschoss

Diese brachte ein weiteres Problem mit sich, verfügt das einst als Jugendräume und zwischenzeitlich auch als Bandprobenraum genutzte Dachgeschoss über keinen Notausgang. Wie der für die vorbereitenden Maßnahmen im Bauausschuss verantwortliche Kirchenvorsteher Jürgen Herold berichtet, wird deshalb das Dachgeschoss zurückgebaut und ist künftig nicht mehr begehbar.

Erhalten bleibt die Treppe, welche dann nur noch einen Zugang zum ersten Obergeschoss ermöglicht Dieses Stockwerk soll künftig zwei Wohnungen erhalten, welche vermietet werden sollen.

Durch den neuen Anbau gibt es auf der Ostseite eine 32 Quadratmeter große Terrasse, die zugleich als Fluchtweg genutzt werden kann. Während der Zugang zu den Mietwohnungen über das Treppenhaus von der Nordseite erfolgt, gibt es auf der Südseite einen barrierefreien Zugang zu Anbau und dem dann auf 84,5 Quadratmeter reduzierten Gemeindesaal.

Das Gebäude wird innen komplett renoviert und saniert, wobei auch alle Fenster durch neue ersetzt werden. »Es gibt eine Kombination von alt und neu, wobei im Haus die Fachwerkstrukturen sichtbar bleiben sollen.

Erhalten bleibt die Heizung, welche erst vor wenigen Jahren erneuert wurde und durch die auch die benachbarte Peterskirche versorgt wird. Von den Baukosten muss die Gemeinde 34 Prozent selbst tragen.

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