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Nur spärliche Hinweise auf jüdisches Leben

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Die Gedenktafel an der Ecke Kirchstraße/Kantstraße erinnert an die deportierten Menschen. © Thomas Wißner

Linden (twi). Einmal mehr beschäftigt sich der bekannte Leihgesterner Heimatforscher Dr. Heinz-Lothar Worm mit dem jüdischen Leben in seinem Wohnort.

Im Mai 2018 hatte er gemeinsam mit dem Steinbacher Heimatforscher Hanno Müller ein Buch über das jüdische Leben in Leihgestern vorgestellt. Weitere Nachforschungen hat Worm zusammengetragen und damit die erstmals im Buch zur 1200-Jahrfeier des Lindener Stadtteils 2005 von Dr. Steffen Krieb veröffentlichte Geschichte des jüdischen Lebens in Leihgestern erneut fortgeschrieben.

Zwei Hinweistafeln

Neben dem vor 135 Jahren angelegten Jüdischen Friedhof mit seinen elf Grabsteinen gibt es im alten Ortskern gerade mal noch zwei Hinweistafeln auf jüdisches Leben. Neben einer aus dem Jahre 1988 stammenden Gedenktafel in der Rathausstraße mit Hinweis auf die 1938 zerstörte und später abgerissene Synagoge, bei der es sich um ein kleines Bethaus im Innenhof eines Anwesens auf dem Grundstück Ecke Rathausstraße 53/Klausegasse handelte, wurde am 10. November 2015 eine Gedenktafel zur Erinnerung an die Reichspogromnacht am Haus Ecke Kirch-/Kantstraße mit den Familien Bauer und Weisenbach ihrer Bestimmung übergeben.

Spuren bis in das 16. Jahrhundert

Zudem findet sich ein Hinweis an den Straßenschildern der Kirchstraße, die im oberen Bereich vor dem Zusammenschluss mit Großen-Linden zur Stadt Linden bis 1976 den Namen Schillerstraße und davor als Judengasse, im Volksmund »Jirregass«, bezeichnet wurde. Mit der Zerstörung der Synagoge 1938 und der Deportation im Herbst 1942 endete die Geschichte der kleinen jüdischen Gemeinde, welche bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht.

1568 wird mit dem Pferdehändler Gottschalk erstmals von einem in Leihgestern lebenden Juden berichtet. Dieser klagte vor der landgräflichen Kanzlei in Hanau. In den Standesamtsregistern des Ortes gehen Einträge zu jüdischen Familien bis zur Mitte/Anfang des 18. Jahrhunderts zurück. 1770 gab es acht jüdische Familien am Ort, darunter bereits die Familien Weisenbach und Bauer, die bis zur Auslöschung in Leihgestern wohnten. Dabei reduzierte sich die Zahl der jüdischen Einwohner von 1828 mit 46 stetig auf 15 im Jahre 1924.

An Einrichtungen bestanden neben einer Synagoge, eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und ein Friedhof. Ob zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde zeitweise ein Lehrer angestellt war, ist nicht bekannt. 1904 schlossen sich einige jüdische Gemeinden der Umgebung zusammen, um gemeinsam einen »Wanderlehrer« anstellen zu können (mit Sitz in Wieseck).

Auch die in Watzenborn-Steinberg lebenden jüdischen Personen (zusammen 22) zählten zur jüdischen Gemeinde in Leihgestern. Den Religionsunterricht der schulpflichtigen jüdischen Kinder erteilte Lehrer Max Goldschmidt aus Nieder-Weisel. 1932 waren die Gemeindevorsteher weiterhin Hermann Bauer, Moses Bauer und Julius Weisenbach. 1933 lebten 22 jüdische Personen am Ort (1,2 Prozent von 1.892 Einwohnern).

Synagoge zerstört

In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder aufgrund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen oder ausgewandert. Die Synagoge wurde beim Novemberpogrom zerstört und später abgebrochen. Da sie direkt an ein Wohnhaus angebaut war, verzichteten die Nationalsozialisten darauf, sie anzuzünden, weil man dann unweigerlich das Wohnhaus mit in Brand gesetzt hätte.

Das Fachwerkhaus, an welches die kleine Synagoge angebaut war, ist inzwischen abgerissen worden. Nach der Zerstörung der Synagoge wurden 1939 noch zehn jüdische Einwohner gezählt. Von der Familie Moses Bauer (drei Personen) verstarb der Ehemann noch in Leihgestern, die Tochter emigrierte 1938 in die USA, die Ehefrau verzog 1939 nach Frankfurt. Von der Familie Weisenbach (fünf Personen) emigrierte der Sohn Herbert 1939 nach Palästina/Israel, die Eltern Julius und Ida sowie der Großvater Sender wurden im September 1942 deportiert.

Von der Familie Louis Bauer (sechs Personen) konnten zwei Söhne in die USA emigrieren, ein Sohn ist verzogen, die übrigen wurden deportiert. Die Familie Max Lilienfeld (drei Personen) und Ernst Grünewald (zwei Personen) sowie Hermann Bauer (letzter Gemeindevorsteher, drei Personen 1936 beziehungsweise 1938 nach Südafrika) sind ausgewandert. Direkt aus Leihgestern sind 1942 neun Personen deportiert worden.

»Eine beeindruckende Episode erzählte mir Helmut Hosbach aus Lützellinden. In seiner Familie gab es Kontakt zu den Leihgesterner Juden. Hosbach war damals noch ein kleiner Junge, der am Küchentisch saß und das Gespräch zwischen seiner Großmutter und dem jüdischen Mann mithörte. Der Besucher klagte, dass er mit seiner Familie pro Monat nur einen Laib Brot erhalte und nicht wisse, wie er sich und die Seinen ernähren solle. Dabei habe er heftig geweint. An diesem Tag sei zufällig das Hoftor an der Hosbach’schen Scheune zugeschlagen und habe ein unvorsichtiges Huhn dabei zur Strecke gebracht. Dieses Huhn habe die Großmutter zusammen mit einen Laib Brot dem Leihgesterner Juden geschenkt. Eine Nachbarin habe daraufhin die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gerufen: ›Hoiii! Das darfst du aber doch nicht machen.‹ Auch in unmittelbarer Nähe der in Leihgestern wohnenden Juden gab es Menschen, die bereit waren zu helfen. Dazu gehörte neben anderen auch Marie Krämer, die der benachbarten Familie Bauer immer wieder verbotenerweise Lebensmittel zusteckte«, so Worm.

Einen ausführlicheren Augenzeugenbericht zur Deportation im September 1942 hat Katharina Brückel hinterlassen. Sie erzählt: »Mein jüngerer Bruder Otto, der später gefallen ist, kam ganz aufgeregt zu mir in den Hof und sagte: ›Da drüber werden Weisenbachs abgeholt. Wir Schulkinder sollen da Spektakel machen. Das kann ich nicht.‹ Ich ging mit ihm vor das Hoftor und sah, dass drüben fremde Männer in Naziuniform in das Haus von Weisenbachs eingedrungen waren. Das Haus stand schräg gegenüber von unserem Anwesen, wo jetzt die Kantstaße auf die Schillerstraße (heute: Kirchstraße) mündet. Das Haus ist dem Bau der Kantstraße dann zum Opfer gefallen. Der alte Herr Weisenbach war gehbehindert. Er sollte zur Schule laufen, wo die Sammelstelle für die Juden war. Ich sehe heute noch, wie die uniformierten Männer ihn immer wieder vor sich her gestoßen haben. Ich habe die Arme über dem Kopf zusammengeschlagen. Rektor Lotz, der auch dabei war, hat mich angesehen, als ob ihm auch nicht wohl in seiner Haut wäre. Ida Weisenbach, die junge Frau, ist in der Zeit der Judenverfolgung mit uns zum Rübenhacken gegangen, um sich etwas zu essen zu verdienen. Mein Schwiegervater hat Weisenbachs heimlich Kohlen gebracht, weil sie nichts zu brennen hatten und auch nirgendwo Kohlen bekamen. Ida stellte mir nachts immer eine leere Milchkanne ins Fenster. ›Ich weiß, dass du gottesfürchtig bist‹, hatte sie zu mir gesagt, ›deshalb wage ich zu fragen, ob du mir Milch geben kannst? Ich hole sie dann, wenn es dunkel ist, damit ihr keine Schwierigkeiten bekommt.‹ Ich füllte die Kanne abends mit frischer Milch. Ida holte sie heimlich ab und brachte dafür wieder eine leere Kanne. Ihren Sohn Herbert hatte Weisenbachs mit einem Transport nach Israel geschickt«.

In Israel änderte er seinen Namen in Arie Lewanon und baute sich in der Nähe von Tel Aviv eine Existenz als Farmer auf. Auf Einladung seines ehemaligen Schulkameraden Walter Wißner hatte er noch einmal Leihgestern besucht.

Silberner Löffel als Erinnerung

Wie Brückel festhielt, sei einige Tage vor der Deportation Ida zu ihr gekommen. »›Bald werden wir fortkommen‹, sagte sie. ›Du sollst meine silbernen Löffel zur Erinnerung haben. Wenn ihr damit esst, dann denkt an uns!‹« Dabei übergab sie ihr auch ein Tischtuch. Als Herbert Weisenbach seinen Schulkameraden besuchte, gab sie ihm die silbernen Löffel seiner Mutter zurück. Von den in Leihgestern geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des »Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945«): Berthold Bauer (1905), Betty Bauer geb. Siegbert (1906), Clara (Klara) Bauer geb. Stern (1877), Louis Bauer (1872), Markus Bauer (1872), Moses Bauer (1876), Rickchen Bauer geb. Strauß (1886), Hedwig Weisenbach (1902), Ida Weisenbach geb. Rollhaus (1887), Ilse Weisenbach (1914), Julius Weisenbach (1888), Sender (Alexander) Weisenbach (1855).

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Heinz-Lothar Worm © Thomas Wißner
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Ein Hinweis befindet sich auf dem Straßenschild »Kirchstraße«. © Thomas Wißner

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