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Schwere Persönlichkeitsstörung

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War der 47-jährige Armbrustschütze aus Linden zum Zeitpunkt, als er auf Polizisten zielte, schuldfähig? Ein Gutachter nahm dazu Stellung vor dem Gericht.

Linden (ww). War der Lindener Armbrustschütze schuldfähig, als er die Waffe auf Polizeibeamte am 7. September des Vorjahres in Linden richtete. Zu dieser Frage hörte die fünfte Strafkammer um Angelika Enders-Koch am Mittwoch einen psychiatrischen Gutachter der Uniklinik Gießen am zweiten von drei Verhandlungstagen an. Dem Angeklagten wird versuchter Totschlag, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und der Besitz von illegalen Waffen vorgeworfen.

Auf einen Durchsuchungsbefehl und einen Vollstreckungsauftrag hin suchten vier Beamte und zwei Beamtinnen, darunter eine Gerichtsvollzieherin, die Wohnung des Mannes auf. Sie kamen aber zunächst nur bis vor die Tür. Als sie wieder abziehen wollten, sahen sie durch einen Türspalt, das sich etwas im Inneren bewegt. Der Mann öffnete ihnen, stand allerdings mit einer Armbrust im Anschlag, nur mit einer Unterhose bekleidet, direkt vor zwei Polizisten. Der eine wehrte sich, indem er sofort ein Plexiglas-Schild gegen den Aggressor stemmte. Sein hinter ihm stehender größerer Kollege lenkte den Arm mit der Waffe in die Höhe. Es löste sich ein Schuss, der von der Decke abprallte. Niemand wurde verletzt.

Dem Diplom-Betriebswirt, ein Sonderling, wurde ohne weitere Gegenwehr festgenommen und sitzt bis heute in Untersuchungshaft. Ihm drohen immerhin ab fünf Jahren Haft, allerdings kann der Versuch einer Tat milder bestraft werden.

Der psychiatrische Gutachter mochte keine verminderte Schuldfähigkeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellen. Dass er zum Tatzeitpunkt erheblich eingeschränkt war, sei aber auch nicht auszuschließen. Er attestierte dem Angeklagten eine schwere, kombinierte Persönlichkeitsstörung, die sich ab dem siebten Lebensjahr aufgebaut habe und die therapiert werden müsse. Der Gutachter gab aber unumwunden zu, dass es schwierig sei, derzeit einen Therapieplatz zu finden.

Der heute 47-Jährige sprach mit dem leitenden Oberarzt im November 2021 darüber, dass er zu Schulzeiten gehänselt und im Laufe seines Lebens oft gemobbt worden sei. Nach geregelten Jobs wechselte der Diplom-Betriebswirt immer wieder kurzfristig die Arbeitsstelle. 40 Mal zählte der Gutachter bis der Mann arbeitslos wurde. Immer wieder gab es Zwischenfälle, die er zum Anlass nahm, aufzuhören. Zuletzt fiel er durch Betrügereien wegen Geldschwierigkeiten auf. Um sich sicher zu fühlen, trug er immer ein Messer bei sich, sammelte allerdings auch Teddybären. Zweimal war der zurückgezogen lebende Mann freiwillig in die Vitos-Tagesklinik gekommen, zuletzt kurz vor der Tat. Ihm sei sein Rückzug aus der Gesellschaft bewusst und sein Leidensdruck hoch.

Zum Tatzeitpunkt sei eine akute Belastungssituation durch den Polizeieinsatz entstanden, allerdings schränkte der Gutachter ein, dass der Mann die Armbrust holen und laden musste. Das seien bewusste Vorbereitungshandlungen gewesen. Nachdem ihm aufgefallen war, dass etwas vor seiner Tür geschah, wollte er seine Mutter anrufen, entschied sich dann aber anders und eilte mit der Waffe zur Tür, gab der Gutachter Schilderungen des Lindeners wider.

Der 47-Jährige hatte zuvor eineinhalb Jahre niemandem mehr in seine Wohnung gelassen. Der orientierungslose Mann würde viel über seine Zukunft grübeln und sei für Sekten anfällig, stellte der Oberarzt fest. Er sah ihn nicht als Reichsbürger an, aber anfällig für solche Doktrin, mit denen er Halt suchte.

Der Angeklagte habe auf einer Reichsbürger-Internetseite anfangs der Coronawelle recherchiert und dort Formulare heruntergeladen, die dazu dienten, die deutsche Staatsangehörigkeit zu verneinen. Das ausgefüllte Formular landete dann beim Einwohnermeldeamt der Stadt Linden mit dem Hinweis, dass er in den Nicht-EU-Staat Norwegen auswandern wolle. Seinen Personalausweis habe er jedoch nie abgeben, wusste der Gutachter. Der 47-Jährige kenne nicht einmal Reichsbürger.

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