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Widersetzen und erinnern

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Von: Thomas Wißner

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Die Gedenkfeier zum 9. November fand zum ersten Mal auf dem Jüdischen Friedhof in Großen-Linden statt. Foto: Wißner © Wißner

»Wehret den Anfängen« seien jene Worte, mit denen stets an einem solchen Tag an das Unbegreifliche erinnert werde, begann de Donges-Amiss-Amiss seine Begrüßungsansprache.

Linden (twi). Erstmals hatte die Jüdische Gemeinde Gießen zu einer Gedenkfeier zur Reichspogromnacht auf den Jüdischen Friedhof in Großen-Linden eingeladen. Es ist dies der älteste seiner Art in der Region, der 1637 in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges als Begräbnisplatz für bis zu 22 jüdische Gemeinden angelegt wurde und so als zentraler jüdischer Friedhof für viele Ortschaften - bis 1836 auch für Gießen - galt. Die ältesten lesbaren Grabsteine stammen aus den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts.

Die Jüdische Gemeinde Großen-Linden gehörte zum orthodoxen Provinzialrabbinat Gießen. Lawrence de Donges-Amiss-Amiss, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gießen, hatte dazu die Schulen und Bürger eingeladen und konnte von der Anne-Frank-Schule (AFS) Linden die Klassensprecher aller Klassen begrüßen, die sich an jenem vor einem Vierteljahrhundert im Eingangsbereich von der in die USA emigrierten Familie Rosenbaum und Theisebach gesetzten Holocaust-Gedenkstein versammelt hatten.

»Wehret den Anfängen« seien jene Worte, mit denen stets an einem solchen Tag an das Unbegreifliche erinnert werde, begann de Donges-Amiss-Amiss seine Begrüßungsansprache, um dann einen Blick auf die Geschichte zu werfen, die zeige das sich vieles wiederhole. »Deshalb müssen wir immer wieder und jeden Tag dagegenarbeiten«. Bürgermeister Jörg König verweis dabei auf den 9. November als einen der »freudigsten und auch traurigsten Tage der deutschen Geschichte« und dankte der Jüdischen Gemeinde für die Ausrichtung dieser Gedenkfeier an diesem Ort.

Großen-Lindens Gemeindepfarrerin Edith Höll appellierte an die Schüler, sich in die Geschichte zu vertiefen, während die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Gießen, Marina Frankfurt auf den Anlass dieser Gedenkfeier einging. »Jedes Jahr versammeln wir uns am 9. November, um der Vorkommnisse der Reichspogromnacht, vielen besser bekannt als ›Kristallnacht‹, von 1938 zu erinnern, als fast alle Synagogen Deutschlands geschändet, verbrannt und zerstört wurden. Mindestens genauso wichtig ist noch ein anderes Datum: Der 20. Januar 1942, an dem auf der Wannseekonferenz die Mittel und Wege ›der Endlösung der Judenfrage‹ bestimmt wurden. Diese Konferenz war es, die den Holocaust begründet hat - die Massenvernichtung der Juden«. Erst als 1978 im deutschen Fernsehen der amerikanische Mehrteiler »Holocaust« ausgestrahlt wurde, sei dieses Thema in den Blickpunkt gerückt, von dem »weder in der Schule, noch zu Hause, eigentlich nirgends etwas darüber zu hören war«. Fortan war dieses Thema allgegenwärtig, wurden neue Filme gedreht, Bücher veröffentlicht und es erfolgten Treffen mit den Menschen, die dieses Grauen erlebt haben.

Zeitzeugen verschwinden

»Diese Menschen, diese Zeitzeugen sind dabei, zu verschwinden; von Tag zu Tag gibt es immer weniger von ihnen«. Gerade in der aktuellen Situation, da Propagandisten die Geschichte verfälschen und erneut antisemitische Beschuldigungen und Aussagen auftauchen, manche sogar den Holocaust leugnen, sei es wichtig, »sich der Lügen, der Aggression und der Gewalt zu widersetzen. Daher dürfen wir die historische Wahrheit nicht vergessen, müssen sie den Kindern, den Jugendlichen erzählen, damit nie eine Wiederholung der schrecklichen Vorfälle möglich sein wird, die eine Vernichtung von sechs Millionen Menschen zur Folge hatten.« Dankesworte für die Gedenkfeier, die Rabbiner Shimon Großberg mit einem Gebet schloss, kamen vom AFS-Schulsprecherteam mit Ilayda Güleli, Leonie Lockwenz und Max Diebowski und de Donges-Amiss-Amiss stellte den Schülern seine Nachbarin Ariana Fricke vor, die vor einigen Jahren ein soziales Jahr in Israel absolviert und dort ihren Freund kennengelernt hatte - »und nächstes Jahr ist Hochzeit. Da freue ich mich darauf, das ist die beste Völkerverständigung«.

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