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»Das Buch wird uns beschützen«

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Katerina Poladjan bei ihrer Lesung in Lollar. © Scherer

LOLLAR (sle) Ins ferne Armenien entführte die Autorin Katerina Poladjan ihre rund 50 Zuhörer in der Aula der Clemens-Brentano-Europa-Schule Lollar (CBES). Sie las aus ihrem Buch »Hier sind Löwen«.

Der Roman erschien 2019 und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Katerina Poladjan erhielt für dieses Buch Stipendien des deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie außerdem mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet.

Schauplatz des Romans ist Armenien vor rund hundert Jahren, ein wesentlicher Punkt waren Vertreibungen und Gewalt, ein Thema, das sich auch heute, nach rund einhundert Jahren kaum verändert habe.

Die Schriftstellerin, die in Moskau geboren wurde, wuchs in Rom und Wien auf und lebt heute in Deutschland. Sie selbst hat viele Monate in der Region, in der ihr Buch angesiedelt ist, verbracht, und hat die Vertreibung und die Flucht der beiden Hauptpersonen ihres Buches, die Kinder Anahid und Hrant, in Worte gefasst. Das Buch beginnt mit einer Reise, die sie zu Freunden führt. Poladjan ließ die Zuhörer teilhaben am Alltag der Familie. Dazwischen erzählt sie, dass ihr Vater in Moskau geboren wurde, und sie das Licht der Welt erblickte, als ihr Großvater starb. Eine Bibel sei überall in der Familie präsent gewesen. »Wenn jemand krank wurde, bekam er sie unter das Kopfkissen gelegt, um schneller gesund zu werden.« In ihrem Buch beschreibt sie die Restauratorin Helen, der eine alte Bibel anvertraut wird. Helen fragt sich, was es mit der Inschrift, die am Rande steht, auf sich hat. »Hrant will nicht aufwachen«, stand da. Sie macht sich auf die Suche, geht nach Armenien und taucht in eine Geschichte ein, die vom Verlorengehen und dem Schmerz einer Generation spricht.

Die Reise geht zur Schwarzmeerküste und zur anderen Seite des Ararat. »Auf dem Schwarzen Markt konnte man immer Bücher kaufen«, erzählte Poladjan. »Ich habe mich dabei russisch verständigt. Alle haben russisch gesprochen, nur die junge Generation sprach englisch. Später, als ich acht Monate in Istanbul gelebt habe, kam man immer wieder auf den Völkermord zu sprechen. Die Armenier wollten, dass ich von meiner Geschichte berichten sollte.«

Die beiden Hauptpersonen des Buches, die Kinder, haben immer noch die Worte der Mutter im Ohr. »Lauft weg!«, hatte die ihnen zugerufen. Sie wussten aber nicht wohin, nur nach Hause konnten sie nicht mehr. Bewegend beschreibt Poladjan, wie beide Kinder in der Dunkelheit immer weiter laufen, der Bruder ist müde, die Schwester macht ihm ein Lager zurecht und legt ihm die Bibel, die ihr einziger Schatz ist, den sie gerettet haben, unter den Kopf. »Das Buch wird uns beschützen.« Die Autorin beschreibt Bilder der kargen Landschaft, gibt dem Leser das Gefühl, direkt dabei zu sein.

Die Lesung wurde mit Unterstützung durch das Staatliche Schulamt ermöglicht und durchgeführt.

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