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Gestatten, Jan-Erik »Janosch« Dort

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Jan-Erik Dort fühlt sich seiner Heimatstadt verbunden. © Wisker

Der 39-jähriger Jan-Erik Dort will Bürgermeister in Lollar werden. Er tritt als Unabhängiger an.

Lollar . (dge). »Mein Opa hat den Eiswagen umgebaut und als ich so zehn oder elf Jahre alt war, durfte ich sogar im Eiswagen mitfahren.« Jan-Erik Dort tritt als Unabhängiger bei der Bürgermeisterwahl an. Er blickt beim Gespräch mit dem Gießener Anzeiger auf seine Kindheit in Lollar zurück. Dass der Eiswagen zur Sprache kommt, liegt daran, dass eine Eisdiele der Treffpunkt war. Und auch hier kennt man den 39-Jährigen, weiß um »Janoschs« Bewerbung für das Amt des Bürgermeisters in Lollar.

Wie kommt es, dass ihn alle »Janosch« nennen? Dort lacht: »Auf einem meiner Schulzeugnisse stand sogar ›Janosch‹, obwohl ich ganz offiziell Jan-Erik heiße.« Er führt es zurück auf eine Bibel, die ihm die Großmutter geschenkt hatte. Die Bibel habe wohl mal einem Janosch Pfändert gehört. Irgendwie ist der »Janosch« wohl einfach an ihm hängengeblieben.

Der Vater kam aus Daubringen, die Mutter von der Röderheide. Dort selbst ging in Lollar zur Schule, baute an der Clemens-Brentano-Europa-Schule (CBES) sein Abitur. »Ich war auch stellvertretender Schulsprecher. Ungerechtigkeit ging mir damals schon gegen den Strich.« Nach dem Abi geht es erst einmal für sechs Monate nach Australien. Noch unschlüssig, wo der berufliche Weg hinführen sollte, entschied er sich für das Studium der Sozialwissenschaft. »Ich war der erste in meiner Familie, der studiert hat«,

Er komme aus keinem reichen Elternhaus, dennoch hätten seine Eltern immer versucht, ihren Kindern alles zu ermöglichen. Seine eigene Familie - Ehefrau und Söhnchen - sowie die Eltern und die Oma kommen immer wieder zur Sprache. Ihnen verdanke er viel. Und er gibt zurück: Der Vater war selbstständig, hatte vom Job beim Finanzamt die Nase voll gehabt und Schreiner gelernt. »Na ja, ich habe gedacht, ich helfe im Geschäft mal aus. Daraus wurden drei Jahre.«

Schließlich wurde man bei der Zaug gGmbH auf ihn aufmerksam, Jan-Erik Dort wurde sozusagen die rechte Hand der damaligen Geschäftsführerin Monika Neumeier. »Ich habe bei ihr unheimlich viel gelernt, habe alles gemacht. Projekte geleitet, Zeitarbeit vermittelt, Jugendliche ohne Anschlussperspektiven unterstützt, immer wieder Fortbildungen besucht.« Irgendwann habe er etwas Abstand gebraucht und sei »Personaler« in Frankfurt geworden. Doch die Vermittlung - »fast ein bisschen wie ein ›Headhunter‹« - sagte ihm nicht zu. »Gegen den Menschen, für den Profit - das war nicht meine Welt.« Seit 2016 arbeitet er bei der Bildungsinsel Gießen, hilft langzeitarbeitslosen Menschen mit gesundheitlichen Problemen.

»Mit den Menschen - diese Kultur will ich auch als Bürgermeister pflegen. Ich will wissen, wo der Schuh drückt, schauen, was ich machen, wo ich helfen kann.«

2019 kauft er mit seiner Ehefrau ein Haus in Lollar, die beiden sanieren es, schaffen ein Heim für sich und den fast dreijährigen Sohn. Sein Vater packt noch mit an, bevor er vor zwei Jahren unverhofft verstirbt.

»Dann kam die Pandemie und keiner wusste, wie es nun mit der Firma weitergehen sollte.« Die Geschwister helfen, wo sie können, um die Mutter zu unterstützen. Für Jan-Erik Dort war ein Punkt gekommen, an dem er sich fragte, was er vom Leben erwartete. »Ich helfe Menschen zur Zeit im Kleinen. Wie kann ich mehreren, vielen Menschen helfen?« Seine Ehefrau und seine Schwägerin hätten ihn auf den Gedanken gebracht, sich als Bürgermeister zu bewerben. Dort kam ins Grübeln, suchte den Rat der Mutter. Schließlich kam er zu dem Schluss: »Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.«

Eine Art Familienunternehmen wird auch der Wahlkampf. Jan-Erik Dort erklärt, dass die gesamte Familie ihn unterstütze. »Meine Frau kümmert sich um Social Media. Sie ist da wirklich fit.« Er selbst will unter anderem Haustürwahlkampf machen. »Es gibt Dinge, die will ich einfach angehen. Wohnraum für junge Familien, aber auch die Sorgen und Nöte älterer Menschen - ich will mit allen Bürgern, allen Parteien ins Gespräch kommen.«

Er weiß um die Problematik, dass auf der einen Seite junge Familien bezahlbare Wohnungen suchen, sich den Traum vom Eigenheim erfüllen wollen und es auf der anderen Seite in den Ortskernen Häuser gibt, die häufig nur von einer Person, zumeist älteren Menschen, bewohnt werden. Da gebe es keine einfachen Antworten. »Meine Oma lebt auch alleine in ihrem Haus. Sie ist da zu Hause. Da muss man Alternativen überlegen, Angebote machen.« Jan-Erik Dort sieht sich als Mittler. Auch in Sachen transparente Verwaltung. »Die Leute im Rathaus machen einen tollen Job. Das muss man den Bürgern aber auch näher bringen, ihnen sagen.« Die Pandemie habe zudem gezeigt, dass man vieles online erledigen könne. »Da muss man keinen Tag Urlaub nehmen, um den Pass abzuholen.« Auch darauf will er einen Fokus legen.

Was ihm an Lollar so gut gefällt, ist die Vielfalt, das Multikulturelle. Von einer Parallelgesellschaft könne man nicht reden. Das sei längst aufgebrochen. »Viele sind in der zweiten oder dritten Generation hier. Viele haben sich etwas aufgebaut.« In Bezug auf Lollar von Integration zu sprechen, findet er überholt: »Das sind alle Lollarer.« Und auch hier kommt wieder ein kleiner Exkurs zur Oma. Als in ihrer Nähe Flüchtlinge aus Eritrea untergebracht worden seien, sei die alte Dame Vorurteilen entgegengetreten. Auf der Röderheide leben viele Ungarn-Deutsche. Vor diesem Hintergrund nahm die Oma mit einem einfachen Argument Kritikern den Wind aus den Segeln: »Wir waren doch auch mal ›die da‹.« Er gibt zu bedenken, dass viele etwas mitbrächten. »Multikulturelles Leben ist doch auch eine Bereicherung für uns.« Vieles, was unter den Begriff Integration falle, sei über den Sport passiert. »Die Vereine haben das toll gemacht, Hervorragendes geleistet«, zollt er den Ehrenamtlern Respekt.

Als Wirtschaftsstandort sieht er seine Heimatstadt gut aufgestellt. Die Zukunft sieht er eher in kleinen Unternehmen. »Nehmen Sie mal Buderus, das wird immer kleiner. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es gut, wenn sich große Firmen in Lollar ansiedeln.« Ihm seien aber kleine Betriebe insofern lieber, als bei ihnen der Standort auch der Ort sei, an dem sie ihre Steuern zahlten. »Das kommt der Stadt und damit allen Bürgern zugute. Es sollte eine gesunde Mischung aus großen und kleinen Betrieben sein.« Die Stadt Lollar solle sowohl für Unternehmen und Betriebe als auch für die Menschen attraktiv sein.

»Ich lebe gerne in Lollar, ich fühle mich hier wohl.« Als Bürgermeister will er dafür Sorge tragen, dass das auch das Credo seiner Mitbürger ist.

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