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Gestatten, Selda Demirel-Kocar

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Selda Demirel-Kocar an einem von Lollars Wahrzeichen, dem Schmaadleckerbrunnen. © Wisker

Kandidatin Selda Demirel-Kocar (CDU) will als Bürgermeisterin Lollar zur »Aufstiegsstadt« machen.

Lollar (dge). »Moment mal, ich werd verrückt. Ich kenne Sie.« Mitten in Lollar - auf dem Weg zum Foto am Schmaadleckerbrunnen - hält eine junge Frau Selda Demirel-Kocar an. Die junge Frau macht sogleich ein Foto mit der CDU-Bürgermeisterkandidatin und erklärt, dass sie es sofort in den sozialen Netzwerken posten werde. »Wissen Sie, ich bin Influencerin«, fügt sie hinzu. Demirel-Kocar nimmt die Gelegenheit wahr, richtet eine kurze Videobotschaft an die Wähler und wirbt schon mal um Stimmen.

Nein, Selda Demirel-Kocar ist in Lollar kein unbekanntes Gesicht, kennt die Buderus-Stadt schon von Kindesbeinen an. »Alle zwei bis drei Wochen haben wir hier Verwandte und Bekannte besucht. Ein Teil lebt immer noch hier.« Doch es gibt für die 47-Jährige noch eine berufliche Station: »Ich habe mein erstes Anwaltsjahr in einer Kanzlei in der Lollarer Innenstadt absolviert«, verrät sie. Das sei prägend für ihren Weg als Juristin gewesen. In dieser Zeit habe sie viele Bürger getroffen, Kontakt zur Integrationsbeauftragten der Schule aufgenommen und auch Lollars Strukturen näher kennengelernt.

Wer ist die Frau, die auf den Chefsessel im Rathaus will? Demirel-Kocar ist verheiratet, Mutter dreier Kinder (16, elf und acht Jahre alt) und Volljuristin. Sie lebt seit 13 Jahren in Heuchelheim, engagiert sich dort in der Kommunalpolitik, ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende in der Gemeindevertretung und war sechs Jahre lang ehrenamtliche Integrationsbeauftragte. Seit drei Jahren arbeitet sie als Juristin und Referentin beim Sozialverband VdK, zuvor war sie vier Jahre lang in der Kreisverwaltung des Landkreises Gießen und als Anwältin acht Jahre lang in mittelständischen Kanzleien sowie als selbstständige Rechtsanwältin mit eigener Kanzlei tätig.

»Ich bin mit viereinhalb Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland gekommen. Mein Vater hat bei Buderus gearbeitet«, blickt sie auf ihre frühen Jahre zurück. Eine Erfahrung will sie weitergeben: »Sprache ist der Schlüssel zur Bildung.« Das zeige ihr Beispiel. Lebte sie zunächst mit den Eltern in Wetzlar, zog sie später nach Großen-Linden und hat in Gießen Jura studiert. Während dieser Zeit jobbte sie als freie Mitarbeiterin für den Gießener Anzeiger. Und, so verrät sie, sie hat ein Faible für gute Literatur.

Die Eltern hätten sie immer unterstützt. Unterstützung habe sie, selbst im muslimischen Glauben erzogen, als Kind bei der Hausaufgabenbetreuung der evangelischen Kirche in Wetzlar bekommen. »Meine Familie war immer sehr offen.«

Sie selbst macht sich im Laufe der Jahre immer wieder für Integration stark, betont, wie wichtig diese sei. Sie öffne die Tür zur Bildung, zu beruflichen Chancen, sei das Tor zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Das habe sie selbst erfahren und sie sei für die Unterstützung, die sie immer wieder erfahren habe, sehr dankbar. Mit ihrem ehrenamtlichen Engagement, etwa bei der Familien- und Erziehungsberatungsstelle im Lahn-Dill-Kreis, wollte sie etwas zurückgeben. Auch während ihres Jahrs in Lollar hatte die damals junge Anwältin Kontakt zur Integrationsbeauftragten, sei in die Schulen gegangen und habe die Nähe verschiedener Bevölkerungsgruppen gesucht.

Lollar sieht Demirel-Kocar als »Aufstiegsstadt«. Es gebe eine sehr gute Verkehrsanbindung, eine gute Infra- und Wirtschaftsstruktur. Sie könne sich vorstellen, noch mehr mittelständische Unternehmen hier anzusiedeln. »Solche wie Startups, die wenig Raum brauchen.« Lollar habe zudem nicht nur die Kernstadt, sondern auch »sehr malerische Stadtteile«, in denen sie viel Potenzial sieht. »Altes und Schönes bewahren, aber auch neue Wege gehen.«

Auf jeden Fall solle das Vereinsleben aufrecht erhalten werden, das sei immens wichtig für die dörfliche Struktur. Ehrenamt und gesellschaftliches Miteinander förderten den Zusammenhalt. »Mittendrin leben ist mir wichtig.« Daher werde sie im Falle ihrer Wahl »definitiv« auch nach Lollar ziehen. Man habe eine größere Bürgernähe, wenn man vor Ort nicht nur als Führungskraft oder Repräsentantin der Stadt arbeite, sondern dort auch wohne, wo man wirke. »Ich fühle mich hier wohl«, so Demirel-Kocar.

»Ich möchte zuhören, wissen, wo der Schuh drückt, eine Bürgermeisterin für alle Bürger sein« - beim Haustürwahlkampf will sie in den kommenden Monaten mit den Bürgern ins Gespräch kommen. Ja, es sei vor dem Hintergrund der kulturellen Vielfalt Lollars sicher ein Vorteil, dass sie als deutsche Staatsbürgerin türkische Wurzeln habe, könne sie doch die Menschen direkt ansprechen. »Das ist anders, als wenn ein Dolmetscher ein Gespräch übersetzt.« Doch betont sie erneut, dass sie es für wichtig halte, die deutsche Sprache zu lernen. »Nochmal: Sprache ist der Schlüssel zur Bildung. Ich selbst habe dadurch ganz andere Möglichkeiten gehabt.« Auch in diesem Sinne sehe sie Lollar als Aufstiegsstadt. Als mögliche CDU-Bürgermeisterin trifft sie in der Stadtverordnetenversammlung auf eine rot-grüne Koalition. »Ich will mit allen Parteien vor Ort zusammenarbeiten, mit ihnen ein Team bilden, denn wichtig sind ja die Dinge vor Ort.« Teamfähigkeit, aber auch Durchsetzungsvermögen seien erforderlich. Beides habe sie. In der Politik sollten alle an einem Strang ziehen, damit sich die Bürger wohlfühlten. Gerade die Pandemie habe gezeigt, wie wichtig sozialer Zusammenhalt sei. Auch um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Dazu gehört für die Kandidatin auch die Digitalisierung, die immer mehr zum Teil des Lebens gehöre. Für berufstätige Eltern sei beispielsweise die Vereinbarkeit von Familie und Job durch das Home Office leichter. Diesen Spagat zwischen Beruf und Familie kennt die dreifache Mutter aus eigener Erfahrung. Aber auch hier habe sie stets den Rückhalt von Ehemann und Kindern gehabt. »Das ist Gold wert.« Ja, hier sei noch viel zu tun. Ihr Wunsch sei ein barrierefreies, selbstbestimmtes Leben für alle. Zu dieser Barrierefreiheit gehörten neben baulichen Aspekten eben auch der Zugang zur Digitalisierung ohne Hindernisse.

»Fördern und fordern« beschreibt sie ihre Sichtweise. Als Bürgermeisterin übernehme sie Verantwortung, habe einen Auftrag gegenüber den Bürgern. Doch auch die seien aufgefordert, sich einzubringen. »Zum Beispiel durch die Wahl, die höchste Form der Bürgerbeteiligung.«

Wie Dr. Jens-Christian Kraft, Vorsitzender des CDU-Stadtverbands, erklärte, soll Demirel-Kocar noch bei der Mitgliederversammlung des CDU-Stadtverbands im März noch offiziell nominiert werden. Vorstand und Fraktion hätten aber bereits in einer gemeinsamen Sitzung Ende Januar den Beschluss gefasst, die 47-Jährige ins Rennen zu schicken.

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