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»Heiße nun mal Selda, nicht Helga«

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Von: Debra Wisker

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Selda Demirel-Kocar tritt für die CDU bei der Bürgermeisterwahl an. Archivfoto: Wisker © Debra Wisker

Bürgermeisterwahl in Lollar: Die CDU-Kandidatin Selda Demirel-Kocar nimmt Stellung zu rassistischen Anfeindungen.

Lollar (dge). Der Wahlkampf geht in die heiße Phase, bei der Direktwahl am 18. September entscheidet sich, wer Bürgermeisterin oder Bürgermeister der Stadt Lollar werden wird.

Dass man als Kandidat oder Kandidatin mit sehr vielen Menschen ins Gespräch kommt und dabei auch nicht immer mit Samthandschuhen angefasst wird, liegt wohl in der Natur der Sache. Ginge es um sachliche Themen, würde das die CDU-Kandidatin Selda Demirel-Kocar ganz sicher nicht stören. Was sie jedoch so manches Mal zu hören bekommt, will sie so nicht stehen lassen, gehen manche Kommentare doch unter die Gürtellinie. Im Gespräch mit dem Anzeiger erzählt sie von Anfeindungen, die ihren Migrationshintergrund betreffen, von Vorurteilen, die sie nicht nachvollziehen kann.

»Die Türkin«

»Du willst doch die Türkin net wählen« - damit sei die Sache klar für einige Wählerinnen und Wähler in der Stadt Lollar. Demirel-Kocar ist eine deutsche Politikerin mit türkischem Hintergrund. Sie ist als kleines Kind mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, hat hier die Schule besucht, studiert und als Juristin gearbeitet.

Die Kandidatin verweist auf eine öffentliche Facebook-Gruppe, in der über sie etwa folgendes kommentiert werde: »Eine Kandidatin, die außer ihrer Nationalität keine Verbindungen zu Lollar hat und einen Bürgermeisterposten angeln will auf Teufel komm raus und spekuliert auf die türkischen Wähler«. Weiter werde dort kommentiert: »Genau, die türkische Kommuniti. Wenn die ihr drohen, geht es nach türkischem Muster weiter.« Die studierte Juristin sagt, sie sei nicht überrascht, da sie öfters Äußerungen wie »Scheißtürkin«, »Die Türkin wird viele neue Moscheen in Lollar bauen« hören. Auch Fragen wie »Haben Sie die deutsche Staatsbürgerschaft?« begegnen ihr.

»Ich heiße nun mal nicht Helga, sondern Selda. Und Fragen in Bezug auf meine Person, Religion oder meine Herkunft beantworte ich sehr gerne. Aber es gibt viele Menschen, die sie gar nicht erst stellen. Für diese steht fest, dass eine Selda Demirel-Kocar allein aufgrund ihres Namens und ihrer Herkunft keine Bürgermeisterin werden kann.« Ein bitteres Fazit, doch für Demirel-Kocar sind solche Äußerungen nicht neu.

Was sie aber wirklich betroffen mache, ihr nahe gehe, seien zum Beispiel Unterstellungen, dass sie »eine exzellent getarnte ›Schläferin‹« sei. Bei einer Veranstaltung habe sie am Tisch gesessen, als sich ein Mann von hinten über sie gebeugt und ihr ins Ohr geflüstert: »Wenn die türkischen Wähler sie wählen, haben Sie vielleicht eine Chance, ansonsten können sie es vergessen. Aber wenn die türkischen Männer ihre Frauen nicht wählen lassen, dann wird das auch nichts.« Noch im Rückblick, im Gespräch mit dieser Zeitung, ist ihr anzumerken, dass dieser Vorfall sie zutiefst betroffen gemacht hat.

Doch sie sieht auch die andere Seite. Der Umgang der Bürgermeisterkandidaten untereinander sei fair. Neben ihr treten noch Bianka de Waal-Schneider (SPD) und Jan-Erik Dort (unabhängig) an (Anmerkung der Redaktion). Und Selda Demirel-Kocar freut sich, dass nicht alle Lollarer Bürgerinnen und Bürger so denken.

Dennoch will sie zu der anderen Seite, den Anwürfen, die sie erlebt, Stellung nehmen: »Viele Gerüchte aufgrund meines Namens, meiner Religion und meiner Herkunft kursieren derzeit in der Stadt Lollar. Einige Bürgerinnen und Bürger haben mich in der Sache kontaktiert und um eine Stellungnahme gebeten. Ich kann immer nur betonen, dass ich zu keinem Zeitpunkt Mitglied in einer Religionsgemeinschaft, auch nicht der Ditib oder Anhänger von ausländischen Machthabern, bin. Ja ich habe es mittlerweile auch mitbekommen, dass von mir eine Interview-Aufnahme aus dem Jahre 2015 existiert, die falsch untertitelt ist. Ich spreche in dieser Aufnahme gegen die Radikalisierung von Jugendlichen. Anschließend werden auch andere deutsche Politiker interviewt. Eine Richtigstellung der falschen Untertitelung werde ich rechtlich einfordern«, so Demirel-Kocar.

Sie betont, dass sie sich als Referentin immer und immer wieder gegen Radikalisierung, Gewaltschutz für Frauen und weitere Themen öffentlich gesprochen habe.

»Deutsche Staatsangehörige«

Und noch etwas stellt Selda Demirel-Kocar klar: »Ich und meine Familie sind deutsche Staatsangehörige und leben seit Geburt und ich selbst seit 43 Jahren in Deutschland. Ich habe deutsches Recht studiert und verteidige die deutsche demokratische Grundordnung. Wie auch viele andere Politiker werde ich eingeladen zu Veranstaltungen und Rundgängen. Diese Termine nehme ich wahr, ob es eine Moschee, ein alevitisches Gemeindezentrum, eine Kirche oder Synagoge ist. Ich distanziere mich jedoch von allen, die extremes oder radikales Gedankengut verbreiten.«

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