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Sprachlosigkeit im Gehirn

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Heute steigt Martina Grabowski nur noch mit Helm auf ihr E-Bike. Foto: Grabowski © Grabowski

Martina Grabowski aus Salzböden leidet nach einem Fahrradunfall an Aphasie. In einem Buch schildert sie ihre bewegende Geschichte.

Lollar. Den 18. April 2020 wird Martina Grabowski nie vergessen. Die heute 64-Jährige befand sich mit ihrem Fahrrad auf dem Rückweg von einem Besuch bei Freunden in Staufenberg, als sie auf regennasser Straße zwischen Odenhausen und Salzböden ins Rutschen geriet und mit dem Rad stürzte. Martina Grabowski trug keinen Helm. An den Folgen des Sturzes leidet die 64-Jährige noch heute.

Eine Autofahrerin, die den Unfall gesehen hatte, verständigte sofort den Notarzt. »Keine vier Minuten später traf der Rettungswagen ein, der Notarzt folgte drei Minuten danach«, erinnert sich Manfred Besthorn-Grabowski, der seiner Frau auf dem Rad gefolgt war. »Meine Frau war bewusstlos und blutete stark.« Drei Schädelfrakturen, zwei Gehirnblutungen und ein Trümmerbruch des Schlüsselbeins - diese Diagnose stellten die Ärzte des Gießener Uniklinikums, in das Martina Grabowski gebracht wurde. Um ihr Leben zu retten, wurde sie in der Neurochirurgie sofort operiert. »Die ersten drei Nächte nach der OP sind die kritischsten«, erfuhr Ehemann Manfred von einem Arzt.

Drei Wochen lag die Salzbödenerin im künstlichen Koma. Nach vier Wochen auf der neurochirurgischen Intensivstation wurde sie noch liegend in die Früh-Reha nach Braunfels gebracht. Der Früh-Reha folgte die normale Reha, ebenfalls in Braunfels.

»In meinen Komaträumen wurde ich mit verschiedenen Bussen oder Zügen durch Kliniken gefahren«, berichtet Martina Grabowski im Gespräch mit dem Anzeiger. Wahrscheinlich seien das ihre Fahrten im Krankenbett durch die Gänge gewesen. »Die Kliniken sahen für mich aber nicht wie Kliniken aus, sondern wie Gebäude, die Neuschwanstein oder auch Kaufland glichen.«

Fredrik Vahle spielte für sie einige Lieder

Für Ehemann Manfred und die Kinder Carla und Lukas war es Corona-bedingt nicht möglich, die Patientin zu besuchen. »Sie mussten draußen bleiben und ich schaute vom Fenster hinab.« Noch während Martina Grabowski sich in Früh-Reha befand, kam ihr Salzbödener Freund Fredrik Vahle zu Besuch. Der bekannte Sänger spielte ihr zur Aufheiterung mit seiner Gitarre einige Lieder vom Hof aus vor. »Ich war damals als einzige Patientin in der Lage, seinen Liedern vom Balkon aus zuzuhören«, erzählt sie.

Dass sie 14 Monate nach ihrem schlimmen Unfall wieder ein Gedicht schreiben konnte, hat die promovierte Sprachwissenschaftlerin den Ärzten und vielleicht auch ihrem Schutzengel zu verdanken, denn die Prognosen nach einem solchen Unfall sind eher schlecht. »Martinas erste Notizen konnte keiner von uns verstehen«, erklärt ihr Mann. Aus diesem Grund habe die Familie eine »Rätselgruppe für Angehörige« gegründet. Aber Tag für Tag gelang es Martina Grabowski, sich verständlicher zu machen.

So verständlich, dass sie kürzlich mit »Gehirn in Reparatur? Kreative Aphasie« ein Buch auf den Markt gebracht hat. Der Begriff »Aphasie« stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie »Sprachlosigkeit«. Aphasien entstehen, wenn die Sprachzentren in der dominanten, in der Regel linken Hirnhälfte geschädigt sind. Ursache hierfür kann ein Schlaganfall, ein Gehirntumor oder wie im Falle von Martina Grabowski ein Schädelhirntrauma sein.

Zwei Jahre Patientin

Aphasien sind Sprach- und keine Sprechstörungen. Das bedeutet, dass nicht der Prozess der Wortbildung gestört ist, wie beispielsweise beim Stottern, sondern die Fähigkeiten, Sprache zu codieren und decodieren. »Nachdem ich zwei Jahre lang hauptberuflich Patientin war, wollte ich wieder etwas Sinnvolles tun«, betont die 64-Jährige, die nicht nur promovierte Sprachwissenschaftlerin, Schwerpunkt Slavistik, und Psychotherapeutin ist, sondern als Diplom-Sozialarbeiterin zuletzt bei der Jugendhilfe gearbeitet hat.

Da Martina Grabowski schon immer gerne gelesen und »Dinge aufgeschrieben hat, um sie zu sortieren«, hat sie sich kurzerhand an den PC gesetzt und begonnen zu schreiben.

»Eigentlich war dieses Buch nicht geplant. So wie das gesamte Ereignis nicht geplant war. Es ergab sich einfach«, heißt es am Anfang des etwa 200 Seiten starken Werkes, das einen Zeitraum von zwei Jahren - vom Tag des Unfalls bis Februar 2022 - umfasst.

»Kapitel für Kapitel wuchs nicht nur meine Sprachfähigkeit, sondern auch mein Horizont«, betont die Autorin. Bereits eineinhalb Jahre nach dem Unfall habe sie ihre Aphasie-Dokumentation beendet. »Bis heute habe ich zahlreiche Erinnerungen noch nicht wiedererlangt. Meine frühesten Erinnerungen sind als erste wiedergekommen«, erklärt Martina Grabowski. »Ereignisse, die ich in den Jahren vor dem Unfall erlebte, waren hingegen in die unterste Schublade meines Gehirns verschoben worden.«

»Es ist ein wenig wie eine Zeitreise in die Vergangenheit oder auch ein Blick durch ein Schlüsselloch in die eigene Black Box. Wenn ich mich an Begriffe erinnere, kehren auch die Inhalte wieder.« Vor allem, wenn Dinge aus dem Zusammenhang herausgerissen werden, hat Martina Grabowski ein Problem. »Kürzlich sah ich im Kino den biografischen Film über die Sängerin Bettina Wegner. Im Interview erwähnte sie den Namen Oskar Lafontaine. Ich verstand den Namen nicht, obwohl er mir natürlich geläufig ist. Ich hatte ihn aber unter der Sparte Politik abgespeichert.«

Vokabeln verschwunden

Auch das Verständnis von Zahlen fällt ihr noch schwer. Martina Grabowski beherrschte polnisch, russisch, französisch, spanisch und die lateinische Sprache. Dass fast alle Vokabeln aus ihrem Kopf verschwunden sind, macht der Sprachwissenschaftlerin besonders zu schaffen.

In der umfangreichen Dokumentation, die auch Gedichte enthält, kommen neben ihrem Mann, der Martina Grabowskis Unfall und die Zeit im Koma beschreibt, auch ihre Therapeutinnen, allen voran die Logopädin, zu Wort. »In meinen Job kann ich nicht zurück. Mein Ziel ist es, mich meiner Erkrankung zuzuwenden und mit anderen Menschen über Aphasie auszutauschen. Dies gilt für Erkrankte und ihre Angehörige, aber auch für Menschen, die sich beruflich damit beschäftigen.«

Auf das Rad traut sich Martina Grabowski wieder. »Aber nur noch mit Helm«, wie sie betont. Diesen habe sie sich sogar noch vor der beruflichen Reha gekauft.

»Auch auf längeren Touren an Ruhr oder Lahn habe ich früher nie einen Helm getragen. Nach meinem Unfall trage nicht nur ich, sondern auch die meisten meiner Bekannten diesen Kopfschutz.«

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