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»Wir haben von nichts gewusst«

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An den Gitterzäunen finden sich Zitate etwa von Holocaust-Überlebenden, Historikern und einige wichtige Ereignisse nach 1945. © Zylla

In einer beeindruckenden Ausstellung haben Schüler der Clemens-Brentano-Europaschule Lollar die Zeit nach 1945 und die Aufarbeitung der NS-Zeit zusammengefasst.

Lollar (zye). Bei der kooperativen Ausstellung der Fächer Geschichte und Kunst, haben Schüler der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) die Zeit nach 1945 und die Aufarbeitung der NS-Zeit zusammengefasst. Dabei wurde deutlich, wie wichtig es selbst heute noch ist, an die zwölfjährige Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu erinnern. Bei der Eröffnung wurde deutlich: Die Ausstellung regt nicht nur zur Reflektion der Deutschen Geschichte an, sondern auch für die Einstellung dazu von der heutigen Bevölkerung.

Schuldfrage

Kann die Aufarbeitung vom dunklen Kapitel »Nazi-Deutschland« jemals abgeschlossen sein? Darf man diesen Abschnitt deutscher Geschichte tatsächlich als »Fliegenschiss« bezeichnen, wie das einst Politiker Alexander Gauland von der rechtspopulistischen und rechtsextremen Partei AfD tat? Die Schülerinnen und Schüler um Geschichtslehrerin Anne Daniele Lenz und Kunstlehrer Michael Kühn stellten weitere Fragen im Zusammenhang mit der Schuldfrage der heutigen Bevölkerung Deutschlands: »Kann ich Deutschland meine Liebe geben?«, »Bin ICH schuld?«, »Wie lange währt die Schuld?« und »Ist das Rammstein-Video legitim?« - diese und weitere Fragen sind in roter Schrift als Ausstellungsstück an einer dunklen Wand zusammengetragen worden.

Doch was hat es mit dem Video der deutschen Rockband »Rammstein« auf sich? Das »Musikvideo« zum Song »Deutschland« wird im Zentrum der Ausstellung auf den Boden projiziert und stellt exemplarisch den Umgang mit der schwierigen und sensiblen Thematik dar.

Zu sehen sind »Rammstein« in ihrem Video von 2019 gewohnt provokativ. Die Bandmitglieder treten dort in gestreiften Uniformen von KZ-Insassen auf. Sie haben einen Strick um den Hals und sollen wohl hingerichtet werden. Zuvor wurde der Öffentlichkeit ein Teil des Videos als kurzen Clip gezeigt.

Es sollte für die neue Single der Band werben. Genau das ging dem Zentralrat der Juden zu weit: Der Holocaust dürfe nicht missbraucht werden und schon gar nicht zu Marketingzwecken.

Eine Aussage aus dem umstrittenen Video lautet: »Ich kann Dir nicht meine Liebe geben.« Die Band spricht hier ihre schwierige Beziehung zu Deutschland und seiner Vergangenheit an.

Klar, dass Lehrkräfte und Schüler hier das Video ins Zentrum der Ausstellung rückten.

Sensibler Umgang

Um das Musik-Video am Boden haben die Arbeitsgruppen Gitterzäune aufgestellt. An ihnen finden sich Zitate etwa von Holocaust-Überlebenden, Historikern und einige wichtige Ereignisse nach 1945.

An den Außenwänden der Ausstellung zeigen verschiedene Plakate, wie sich politische Parteien, Wirtschaftsunternehmen und die ehemals nationalsozialistische Bevölkerung während der Entnazifizierung der Siegermächte ihrer Vergangenheit stellten. »Wir haben von nichts gewusst«, ist die Aussage eines gezeichneten Plakates, bei dem ein Mensch vor dem Trümmerhaufen einer zerbombten deutschen Stadt steht. Oft taten die Deutschen nach 1945 so, als sei nichts gewesen. Alt-Nazis fanden Platz in der neu geformten Parteienlandschaft oder Unternehmen führten ihre Geschäfte unter neuer Flagge weiter. Dass heute eine rechtsextreme Partei, wie die AfD, im Bundestag sitzt, sehen die Macher der Ausstellung offenkundig sehr kritisch bei der Vergangenheit dieses Landes.

Das Schulprojekt sei von »einer Gruppe historisch interessierter und sehr engagierter Schülerinnen und Schülern« abgeschlossen worden, zeigte sich Geschichtslehrerin Anne Daniele Lenz sehr stolz auf das Ergebnis der Jahrgangsstufe 13.

Sabine Gerbich, die erste Vorsitzende des Elternbeirates, gefiel der sensible Umgang der Schüler mit dem Thema: »Wir möchten, dass unsere Kinder mit offenen Augen, kritischem Verstand und Mitgefühl die Welt betrachten.« Das sei hier bestens gelungen.

Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller, unterstrich, warum so eine Ausstellung nicht selbstverständlich ist: »Wir haben Glück, dass wir heute in einer Gesellschaft leben können, in der wir frei gestalten und uns frei verhalten können.« Damit das so bleibt »sollten wir stets einen Blick auf unsere Vergangenheit werfen.«

Die Ausstellung soll für Interessierte zwei Wochen lang während der Schulzeiten zugänglich sein.

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