1. Startseite
  2. Kreis Gießen
  3. Lollar

»Ziehen den Hut vor seiner Leistung«

Erstellt:

Von: Debra Wisker

gikrei_1712_dge_Wieczore_4c_3
Bernd Wiecorek (r.) nimmt seinem Nachfolger Jan-Erik Dort den Amtseid ab. Foto: Scherer © Scherer

Nein, so ganz angekommen sei der Gedanke an den Ruhestand noch nicht, bekannte Dr. Bernd Wiezcorek kurz vor der großen Feier. Fast zwei Jahrzehnte prägte er als Bürgermeister Lollar.

Lollar . Nein, so ganz angekommen sei der Gedanke an den Ruhestand noch nicht, bekannte Dr. Bernd Wiezcorek kurz vor der großen Feier. Fast zwei Jahrzehnte, 18 Jahre, um genau zu sein, prägte Wieczorek als Bürgermeister die Geschicke der Stadt Lollar. Am Donnerstag wurde er feierlich verabschiedet. Sein Nachfolger Jan-Erik Dort - genau wie Wieczorek ein Unabhängiger - legte seinen Amtseid ab.

Ein Wechsel im Rathaus gibt Anlass für einen Rückblick. Die Gelegenheit nutzten Stadtverordnetenvorsteher Horst Klinkel, Landrätin Anita Schneider, Dr. David Rauber (Geschäftsführer des Hessischen Städte- und Gemeindebundes, HSGB), Lars Burkhard Steinz (Bürgermeister in Heuchelheim und Sprecher der Kreisbürgermeister) sowie Stadtbrandinspektor Marco Kirchner. Die Liste der Redner war relativ überschaubar - und genau das war auch die Absicht von Bernd Wieczorek, ist er doch keiner, der gerne im Mittelpunkt steht. Ruhig, pragmatisch, immer gesprächsbereit und mit einem subtilen Humor versehen - so beschrieben ihn die Laudatoren. Auch die Liste dessen, was er für die Stadt, in der er aufgewachsen war, erreicht hat, konnte sich sehen lassen. »Bernd Wieczorek übergibt eine gesunde Stadt mit einer modernen Infrastruktur und einer gut aufgestellten Verwaltung. Wir ziehen den Hut vor seiner Leistung«, bilanzierte Horst Klinkel und überreichte dem scheidenden Bürgermeister den Ehrenbrief, die goldene Ehrennadel und Ehrenplakette der Stadt Lollar. Und noch etwas betonte Klinkel, nämlich das Verständnis und die Unterstützung, die Andrea Wieczorek dem Beruf ihres Mann immer entgegengebracht hatte. »Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau«, so Klinkel.

Wieczorek nahm dem neuen Bürgermeister den Amtseid ab, während Klinkel ihn per Handschlag verpflichtete. Kommunen brauchten Bürgermeister, die nicht nur die Visionen mit ihren Gemeinderäten und Bürgern teilten, sondern auch Strategien entwickelten und sie umsetzten. Klinkel wünschte Jan-Erik Dort »eine ruhige Hand und eine Begeisterung, die ansteckt«.

Es sei schon ein besonderer Moment, »wenn der dienstälteste Bürgermeister heute ›Auf Wiedersehen‹ sagt«, stellte Landrätin Schneider fest. »Er war schon da, als ich mein Amt antrat.« Sie betonte die immer konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit. Der Diskurs sei immer sachlich, immer wertschätzend gewesen. »Ich werde Bernd Wieczorek sehr vermissen, auch seinen Humor - manchmal auch ein wenig Galgenhumor.«

Von einem »süß-sauren Abend« sprach Lars Burkhard Steinz, der sich von seiner launigen Seite zeigte. Ein Bürgermeister müsse immer erreichbar sein.

Jan-Erik Dort sei jetzt zuständig für alles, was zwischen Schmelzmühle und Lollarer Köpfchen passiere. Das werde ihn jetzt treffen. »Dazu gratulieren wir.« Bernd Wieczorek versprach er »die Abrechnung«. An den Lagerfeuern werde sicherlich noch lange von ihm erzählt werden.

Doch Steinz betonte auch, dass die Bürgermeisterrunde einen »guten Freund und Anführer« verliere. Er sei »ein Mordskerl, ein guter Kumpel«. Wieczorek könne austeilen, habe aber auch Nehmerqualitäten. Das habe er wohl in seiner Zeit als Fußballer gelernt, aus der man ihm übrigens nachsage, er sei »ein Knochen«. Mit seinem Amtsantritt 2004 habe der »politische Wiederaufstieg der Stadt Lollar« begonnen. Dennoch habe der scheidende Rathauschef jeglichen Personenkult um sich stets zurückgewiesen. Seine Stadt in »Wieczorekhausen« umzubenennen, habe er beispielsweise strikt abgelehnt, erklärte Steinz dem staunenden Publikum.

Manchmal habe man glauben können, Wieczorek habe Philosophie studiert. So habe er mal einen frisch gewählten, jungen Kollegen mit der Weisheit verblüfft, dass Bürgermeisterjahre anfangs keine Herrenjahre seien. Doch daraus habe auch Erfahrung und Kenntnis gesprochen. Bernd Wieczorek sei immer ein ehrlicher Makler zwischen den Kommunen gewesen. »Ein Philosophen-Bürgermeister, der mit Weisheit gelenkt hat«, schloss Steinz seinen humorigen Beitrag, bei dem er auch nicht vergaß, das »Geheimgremium« - die Partner und Partnerinnen der Bürgermeister - zu erwähnen. Dieses Gremium wäre durchaus in der Lage, die Geschäfte zu übernehmen.

Auch HSGB-Geschäftsführer David Rauber hob das angenehme, »oft verschmitzte« Miteinander hervor. »Politik ist in gewisser Weise ein Kampfsport, aber auch ein Mannschaftssport«, zitierte er Altbundeskanzler Helmut Schmidt. Demokratie lebe vom Kompromiss, das müsse immer austariert werden, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.

Stadtbrandinspektor Kirchner zeigte sich dankbar, dass man eine aktive, funktionierende Gefahrenabwehr an den neuen Bürgermeister übergeben könne. Er sprach Wieczorek seinen Dank aus für eine gute und loyale Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Feuerwehr. Unter seiner Amtsführung habe man vieles erreicht, eine moderne Feuerwehr, eine neue Feuerwache, die Bildung von Schutzbereichen und auch die Ehrenamtskampagne für die freiwilligen Brandschützer. »Bei der Feuerwehr geht es um die Menschen«, so Kirchner. Daher sei es wichtig, in die ehrenamtlich Tätigen zu investieren. Für Jan-Erik Dort gab es eine Dienstjacke und einen Helm, ist er doch künftig oberster Dienstherr der Wehr.

Bernd Wieczorek zeigte sich beim Blick ins Publikum bewegt. »Heute sind viele hier, die mich 18 Jahre lang begleitet haben. Doch 18 Jahre waren genug. Das ist Alter und Gesundheit geschuldet und man muss sich auch eingestehen, dass andere es auch können.« Der 64-Jährige blickte zurück: Ohne Erwartung eines Wahlsiegs habe er 2004 kandidiert. Angetreten sei er, weil er in seiner Stadt etwas bewegen wollte. »Ich bin froh, dass ich Weichen stellen konnte.« Er habe viele positive Erinnerungen. Doch hätten auch Krisen seine Amtszeit begleitet. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, die Flüchtlingskrise 2015/2016, die Pandemie und nun der Ukraine-Krieg, der erneut eine Flüchtlingswelle nach sich zieht, so wie die Energiekrise. All das wirke sich natürlich auch auf die Kommunalpolitik aus.

Hinzu komme die immer größere Diskrepanz zwischen Einnahmen und Ausgaben. »In Krisenzeiten soll ein Bürgermeister immer ›das Richtige‹ tun. Was das ist, da liegen die Meinungen weit auseinander. Die Bereitschaft, zu reden, schwindet, Meinungen ersetzen Fakten. So müssen wir sogar eine Diskussion über Gewaltangriffe gegen Amtsträger führen.« Mahnende Worte, aber auch ein Blick auf das, was ihm »Herzensangelegenheiten« waren, gab es von Wieczorek. Aus einem besonderen Anliegen, dem alten Bahnhof, sei eine neue Stadtmitte entstanden.

Der Bahnhof in der Kernstadt, das Jugend- und Beratungszentrum, die Entwicklung des Baugebiets »Lumdaniederungen«, die Stärkung der Vereine, eine kinder-, jugend- und familienfreundliche Stadt - all das seien ihm Herzensangelegenheiten gewesen. Viele hätten mitgewirkt, denn ein Bürgermeister könne das nicht alleine. Das Herz fast zerrissen habe es ihm jedoch, als der geplante Kreisverkehr an der Ecke Holzmühlerweg/Gießener Straße durch das Nein der Stadtverordneten gekippt worden sei. Auch die Rücknahme der Vorrangflächen-Besiedlung in Ruttershausen aus dem Regionalplan halte er für eine »falsche Entscheidung«. Dennoch habe man insgesamt immer über Parteigrenzen hinaus gute Lösungen oder zumindest annehmbare Kompromisse gefunden.

Der scheidende Bürgermeister dankte dem Magistrat, den Stadtverordneten und nicht zuletzt der Verwaltung. Vor allem galt ein Dankeschön auch seinem Vorzimmer: »Ducken Sie sich bloß nicht weg, Frau Dietl.« Silvia Dietl habe schließlich »immer geschickt meine Fehler vertuscht - auch wenn es nicht viele waren«, gab Wieczorek schließlich noch eine Kostprobe seines Humors.

Seinem Nachfolger gab er einen kleinen Vorgeschmack auf das Amt mit: allwissend, stets ansprechbar, allgegenwärtig solle ein Bürgermeister sein. Er sollte das richten, »was in den vergangenen 50 Jahren verpasst wurde«. Er müsse Generalist sein, lande häufig zwischen den Stühlen, brauche Fingerspitzengefühl. Er trete guten Gewissens ab, »weil ich weiß, dass die Stadt auch weiterhin in guten Händen ist«, schloss Wieczorek.

»Ich stehe hier mit großer Demut, auch vor Bernd Wieczorek«, bekannte Jan-Erik Dort. Es sei ein Wagnis gewesen, anzutreten. Daher danke er allen, die ihn in seinem Wahlkampf begleitet hatten. Um den anstehenden Aufgaben gerecht zu werden, brauche es die Zusammenarbeit aller. »Ich werde es nicht immer allen recht machen und nicht alle Wünsche erfüllen können, verspreche aber, bei allem auch die Bürger einzubeziehen.« Bei seinem Vorgänger bedankte er sich für die Einblicke, die dieser ihm in den vergangenen Wochen gewährt habe.

Eine »kleine Überraschung« kündigte Horst Klinkel zum Abschluss an. Die entpuppte sich jedoch als, grob geschätzt, gut 1,70 Meter groß. Heinz-Jörg Ebert, auch bekannt als eine der »Drei Stimmen«, ließ es sich nicht nehmen, die Verabschiedung von Bernd Wieczorek musikalisch zu bereichern. »Nessun dorma«, »Yesterday«, »You raise me up« und »Bohemian Rhapsody« gesellten sich zu einem persönlich zugeschneiderten »Bye, bye, Bernd«.

gikrei_1712_dge_Wieczore_4c_1
Horst Klinkel (r.) dankt Bernd Wieczorek und seiner Ehefrau Andrea. Foto: Wisker © Wisker
gikrei_1712_dge_Wieczore_4c_2
Heinz-Jörg Ebert begleitet die Feier auch mit einem »maßgeschneiderten« Lied. Foto: Wisker © Wisker
gikrei_1712_dge_Wieczore_4c
Der Plan für die Rente: Zeit für die Familie. Foto: Scherer © Scherer
gikrei_1712_dge_Dort_BGM_4c
Jan-Erik Dort in Feuerwehr-Montur. Foto: Wisker © Wisker

Auch interessant