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19 Stolpersteine zum Gedenken an Holzheimer

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Sabine Sander informierte über die jüdischen Bewohner Holzheims und deren Schicksal. Foto: Schu © Schu

Die Historikerin Dr. Sabine Sander berichtete in ihrem Vortrag über die Holzheimer Juden , die in der NS-Zeit aus ihrer Heimat vertrieben und getötet wurden.

Pohlheim (jüs). Im Dezember sollen von dem Künstler Gunter Demnig im Pohlheimer Stadtteil Holzheim 19 Stolpersteine zum Gedenken an die ehemals in Holzheim lebenden Menschen jüdischer Herkunft verlegt werden. Wer waren sie, die vertrieben und vernichtet wurden? Dieser Frage ging die aus Holzheim stammende und jetzt in Bad Soden/Ts. wohnende Historikerin Dr. Sabine Sander bei einer Informationsveranstaltung in der Kulturellen Mitte Holzheim nach.

Dazu eingeladen hatte die Initiative Stolpersteine in Pohlheim mit dem Ehepaar Simone van Slobbe-Schneider und Tim van Slobbe und die Evangelische Kirchengemeinde Holzheim, mit Pfarrer Matthias Bubel an der Spitze.

Bevor Sander ihren Vortrag über ihre Recherchen begann, erinnerte Simone van Slobbe-Schneider daran, dass die Stadtverordnetenversammlung Pohlheim im Mai 2008 beschlossen hat, dass in der Stadt am Limes Stolpersteine verlegt und ein Mahnmal errichtet werden soll.

Mahnmal

Das Mahnmal Stolpersteine ist gedacht als Mahnmal für die Bürger der Stadt, die im Nationalsozialismus ermordet und vertrieben wurden. Die ersten Steine wurden 2009 in Watzenborn-Steinberg verlegt, 20 an der Zahl. 2019 folgten 11 weitere Steine in Grüningen. Jeder einzelne Stein wurde und wird von Pohlheimer Bürger/innen finanziert und recherchiert auch von solchen, die schon gar nicht mehr hier wohnen, so van Slobbe-Schneider.

Für den verhinderten Pfarrer Matthias Bubel begrüße Albert Mehl die Zuhörer, darunter auch einige Kommunalpolitiker Pohlheims.

Zu den zwölf Namen, die auf einer Erinnerungstafel am Ehrenmal zum Gedenken an die Gefallenen des Zweiten Weltkrieges auf dem Kirchhof der evangelischen Kirche stehen, kommen noch sieben Namen hinzu, von Personen, die hier ihren letzten freigewählten Wohnort hatten.

Mehl hatte 2004 zwölf Juden aus Holzheim erfasst, die am 14. September 1942 von den Nazis deportiert und dann allesamt in Konzentrationslager ermordet wurden. Die Referentin werde bei ihrem Vortrag Licht in das Dunkel werfen und darüber informieren, was hier in den Häusern passiert ist. Sie hat ihre Aufzeichnungen dem Oberhessischen Geschichtsverein zur Verfügung gestellt, wie Mehl zu berichten wusste. Historikerin Sabine Sander, die noch oft in Holzheim weilt und dort ihre Mutter besucht, berichtete zunächst über die Judenfeindlichkeit, beginnend mit dem traditionellen Antijudaismus, der vor allem religiös und wirtschaftlich motiviert war und dem seit dem späten 19. Jahrhundert rassistisch motivierten modernen Antisemitismus und über die NS-Politik, die von besonderer Relevanz für die jüdische Bevölkerung war. Das einschneidende Ereignis war am 9. November 1938 Pogrom (Reichskristallnacht). 1942/43 erfolgte die Deportation von Holzheim in Konzentrations- und Vernichtungslager. Anhand eines Ortsplanes aus den 1930er Jahren konnte man sehen, wo die Häuser jüdischer Familien in Holzheim standen. Der Anteil der Juden an der deutschen Bevölkerung war ein Prozent nach 1900 und etwas mehr vor 1900, wie die Referentin in ihrem über einstündigem Vortrag betonte.

Im Zug nach Osten

Jüdische Holzheimerinnen und Holzheimer in der NS-Zeit waren: Ida und David Mayer mit Tochter Brunhilde (Liebfrauenstraße 5), Jettchen und Adolf Landheimer mit Tochter Rosa und Enkel Veitel (Liebfrauenstraße 3), Klara und Mayer Lindheimer mit Söhnen Friedrich und Ludwig, (Hauptstraße 16), Rosalie und Isaak Bamberger mit Sohn Max (Eichstraße/Adolf-Hitler-Straße 18), Moses Weinberg mit Tochter Lilly Herz und Enkelin Ruth Pauline (Hauptstraße 50), Mathilde und Leopold Goldschmidt mit Mathildes Schwester Berta Grünebaum (Hauptstraße 90).

Darüberhinaus wurden Bilder und Fotos der Häuser sowie Kennkartenanträge präsentiert, aus dem Stadtarchiv Pohlheim präsentiert. So war beispielsweise im Haus Hauptstraße 60, das Moses Weinberg, dem Besitzer eines Steinbruchs gehörte, eine Synagoge untergebracht.

Deportierte jüdische Holzheimer waren am 25. März 1942: Lilly Herz (Konzentrationslager nach Belzec oder Sobibor /Polen), am 27. September 1942: Leopold und Matthilde Goldschmidt, Berta Grünebaum, Mayer Lindheimer (alle Theresienstadt / Tschechien), am 30.

September 1942: Isaak Bamberger, Rosalie Bamberger, Friedrich Lindheimer, Adolf Lindheimer, Jettchen Lindheimer, Rosa Lindheimer und Veitel Lindheimer (alle Treblinka / Polen) sowie am 29. Januar 1943: Ludwig Lindheimer (Ausschwitz).

Die Holzheimer Juden kamen nach Gießen und waren dort in der Goetheschule (die keinen Unterricht hatte) untergebracht, bevor sie nach ein paar Tagen nach Darmstadt gebracht wurden und von da aus mit den Zügen nach Osten gefahren wurden.

Jüdische Holzheimer, die ins Ausland fliehen konnten, waren Brunhilde, David und Ida Mayer (1937 bzw. 1938 in die USA), Ruth Pauline Herz mit Kindertransport (1939 USA) und Max Bamberger (1941 USA).

Im Anschluss an ihren Vortrag stand Sabine Sander den Fragestellern noch Rede und Antwort. Albert Mehl dankte der Historikerin, die den Vortragsabend mit sehr viel Inhalt gefüllt hat.

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