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Brutal geraubte Erinnerungsstücke

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V. l.: ARS-Schulleiterin Petra Brüll, Lehrerin Filiz Bulut und Christiane Weber von den »Arolsen Archives« mit der Pohlheimer »Stolperstein«-Aktiven Simone van Slobbe bei der Eröffnung der Ausstellung »#StolenMemory«. Foto: Schmidt © Schmidt

Schicksale von Menschen, die während des NS-Regimes in Konzentrationslagern gefangen, ausgebeutet und ermordet wurden, werden in einer Ausstellung in der Adolf-Reichwein-Schule gezeigt.

Pohlheim (ger). Schicksale von Menschen, die während des NS-Regimes in Konzentrationslagern gefangen, durch Zwangsarbeit ausgebeutet und ermordet wurden, werden in einer Ausstellung unter dem Titel »#StolenMemory« in der Adolf-Reichwein-Schule Pohlheim lebendig. Am Donnerstagabend wurde in der Aula die Wanderausstellung des »Arolsen Archives: Internationales Zentrum für NS-Opfer« mit Reden und einem kleinen musikalischen Rahmenprogramm eröffnet.

Persönliche Gegenstände

In einem aufklappbaren blauen Überseecontainer ist die Ausstellung auf dem Schulhof untergebracht, die bis zum 13. Dezember jeweils montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr geöffnet ist. Auf Schautafeln sind dort unter anderem persönliche Gegenstände aus den Effektenkammern der SS zu sehen, die das Leben der Gefangenen lebendig werden lassen. Die Ausstellung wurde von Filiz Bulut von der ARS gemeinsam mit dem Verein »Stolpersteine Pohlheim« mit Simone van Slobbe in einer Bildungspartnerschaft im Rahmen des 50-jährigen Schuljubiläums an die ARS geholt, um die Erinnerung an diesen menschenfeindlichen Teil der deutschen Geschichte wachzuhalten. Musik aus »Schindlers Liste«, gespielt an den Geigen von Juli Kosaca und Margarte Mrokon, erinnerte musikalisch daran, wie auch Polina Riedel am Klavier in einem weiteren Stück.

Der Erinnerungskultur sei die Adolf-Reichwein-Schule bereits seit Gründung 1972 durch ihren durch die Nazis 1944 ermordeten Namensgeber verpflichtet, betonte in ihrer Begrüßung Schulleiterin Petra Brüll. Es gelte, die Demokratie zu verteidigen. Dazu gehöre die Aufklärung durch Information der jungen Generation. Christine Weber von den »Arolsen Archives« erinnerte an die Geschichte des Archives der Opfer, dass rund 30 Millionen Dokumente von 17,5 Millionen Menschen aus 30 Nationen in Bad Arolsen beherberge. Die Opfer stammten überwiegend aus Ostmittel- und Osteuropa, nur wenige Juden und Sinti und Roma. Meist handele es sich dabei um politisch Verfolgte und Zwangsarbeiter aus den KZ-Lagern Dachau, Bergen-Belsen und Neuengamme. Ein Teil der Effekten wurde nach Räumung des KZ-Neuengamme in Säcken in einer Kegelbahn einer Gaststätte in Schleswig-Holstein von den Alliierten sichergestellt und nach Arolsen gebracht, berichtete sie.

Suche nach Familien der Besitzer

Ziel des dort gebildeten Archives sei es, diese persönlichen Gegenstände an die Familien zurückzugeben. 2500 Umschläge mit Effekten ehemaliger Gefangener warten noch immer auf die Rückgabe. Schicksale führen dabei auch nach Watzenborn, zu dem dort geborenen Felix Dreifus, und nach Garbenteich. Die dort geborene Tochter eines polnischen Zwangsarbeiters konnte seine Uhr zurückerhalten, so Weber. Damit trage das Archiv bis heute zum aktiven Gedenken in Respekt der Familien bei. Fünf dieser »#StolenMemory«-Container seien in ganz Europa unterwegs, in Deutschland im Rahmen der Förderung durch die Bundesregierung bei »Kultur im ländlichen Raum«. Die Erziehungswissenschaftlerin und ehrenamtlich bei den »Stolpersteinen« und in der Pohlheimer Kommunalpolitik als Jugendbeauftragte engagierte Simone van Slobbe dankte der ARS für diese Zusammenarbeit. Das Ziel sei es, die Schicksale mit Achtung und Würde in Wahrheit zu recherchieren. Einen Schlussstrich unter die Geschichte will die ARS nicht ziehen, betonte Filiz Bulut. Vielmehr gelte es, an der Schule Haltung zu prägen und das mit Empathie für die Menschen, ohne erhobenen Zeigefinger. In der ARS seien die Besuche von jüdischen Friedhöfen und Gedenkstätten und Gespräche mit Zeitzeugen aus der NS-Zeit ein wichtiger Teil der Demokratie-Erziehung - wie auch die Ausstellung »#StolenMemory«.

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