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Ein Herz voller Gedanken

Erstellt:

Von: Rose-Rita Schäfer

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Der kubanische Künstler Alexeir Diaz Bravo mit seinem Werk »Das Herz« in der evangelischen Christuskirche in Watzenborn. Die roten Bänder wurden von Kirchenbesuchern während des Gottesdienstes angeknüpft. Foto: Schäfer © Schäfer

Schon beim Betreten der Kirche fiel sofort ein etwa drei auf vier Meter großes Kunstobjekt aus weißem hölzernem Geäst ins Auge, das eindrucksvoll über dem Altar schwebte.

Pohlheim (rrs). Am Volkstrauertag hielten Vikar Johannes Krug und der katholische Diakon Wolfgang Peis gemeinsam einen besonderen Gottesdienst in der Pohlheimer Christuskirche ab. Schon beim Betreten der Kirche fiel sofort ein etwa drei auf vier Meter großes Kunstobjekt aus weißem hölzernem Geäst ins Auge, das eindrucksvoll über dem Altar schwebte.

Kunst und Kirche seelenverwandt

Die ineinander verwobenen Zweige, umrahmt von dickeren Ästen in Form eines stilisierten Herzens, ließen im oberen Teil sogar die zuführenden Blutadern erkennen. Entworfen von dem in Marburg lebenden kubanischen Künstler Alexeir Diaz Bravo stand das Objekt »Corazón« (spanisch für Herz) stellvertretend für die brennenden Fragen unserer Zeit, schob das uralte Thema Krieg oder Frieden gewitterschwanger in den Mittelpunkt. Ja, Kunst und Kirche zeigten sich hier als seelenverwandt, lassen doch beide Dinge jenseits der Oberfläche sichtbar und erfahrbar werden, fragen nach Tiefe, Verständnis und Sinn.

Nicht zu vergessen, stehen beide im Dienste der Freiheit und lehnen die Vermarktung und Gängelung der Menschen ab. Kunst und Kirche können Länder- und Kulturgrenzen überwinden, sind dadurch fähig, neue Impulse zu setzen - genau passend zum Motto der ökumenischen Friedensdekade 2022 »ZUSAMMEN:HALT«.

350 Kriege weltweit

In seiner Predigt erinnerte Krug: »Auf fünf unserer sieben Kontinente gibt es Kriege. Insgesamt wüten weltweit zurzeit unglaubliche 350 Kriege, angefangen mit dem Krieg in der Ukraine, dem Bürgerkrieg in Äthiopien, dem Stellvertreterkrieg im Jemen bis hin zu Kriegen in Kolumbien, Chile, Nigeria, Kamerun oder Mali.« Zivile Konfliktbearbeitung auf Jahrzehnte ausgelegt wäre nötig, um Kriegshandlungen in Zukunft zu umgehen. Dann forderte er die Besucher auf, über Krieg und Frieden nachzudenken, sich von der Kunst in ihr Inneres führen zu lassen und nach vorne zu kommen, um ihre Gedanken mit allen zu teilen und ein rotes Band als sichtbares Zeichen an das Herz im Altarraum zu knüpfen. Nur wenige wagten, sich öffentlich zu erklären, aber danach hatte sich das Objekt »Corazón« verändert. Es trug nun die Gedanken und Erinnerungen der Menschen in sich und sandte die damit verbundenen Gefühle in den Raum zu allen anderen. »Wir sollen das Gute von Gott erwarten und auch einfordern. Gott lässt sich ansprechen und er lässt uns nicht fallen«, tröstete Krug all die mit düsteren Gedanken Beladenen.

Diaz Bravo erklärte: »Kunst ist eine kreative Handlung, sie hilft uns, die eigenen Sorgen und Hoffnungen zum Ausdruck zu bringen.« Für ihn sei die Kunst vor allem eine körperliche Erfahrung. Er lasse sich von Reizen und Gefühlen leiten, alles würde er aus sich heraus konzipieren. Kunst müsse immer ein Experiment bleiben, nie etwas Vorgefertigtes. »Manchmal habe ich richtige Angst, weil ich nicht weiß, was aus meinem Innersten kommt. Ein Bild oder eine Skulptur ist wie ein Konzert, der nächste Ton ist immer ungewiss«, so Diaz Bravo.

Alexeir Diaz Bravo wurde 1971 in Havanna geboren, lebt seit acht Jahren in Marburg und arbeitet als freier Künstler. Viele seiner Arbeiten verkauft er nach China und in die USA. Seine Ausbildung an der Akademie für Bildende Künste in Havanna mit Schwerpunkt Pädagogik und Psychologie hat er 1994 abgeschlossen. Danach war er als Lehrkraft für Zeichnen, Malerei und Design an verschiedenen Schulen in Havanna tätig und stellte seine Werke bei Ausstellungen in Havanna, Toronto, Mailand und Amsterdam einem breiten Publikum vor.

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